Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 76-77 (20.9.1900)
- Date
- 1900-09-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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1569 ftflttofvtiv Wie Ihnen bereits kurz berichtet, fand Mittwoch, den 12. d. Mts., die Einweihung unserer neuerbauten Synagoge statt. Es dürfte am Platze sein, noch Einiges ausführlicher nachzuholen. Schon seit längerer Zeit hatte man in allen Streifen der hiesigen Bevölkerung mit großer Spannung dieser Feier entgegengesehen. Die mannigfachen Vorbereitungen, welche hierzu getroffen wurden, versprachen einen glänzenden Verlauf, und sind auch die Erwartungen, welche man an die Feier geknüpft hatte, vollauf befriedigt lvorden. 'Nachmittags 3 Uhr versammelten sich die Gemeindemitglieder zum letzten Male in der alten Synagoge, woselbst Herr Rabbiner Dr. E o h n nach dem Verrichten des Mincha-Gcbetes die Abschiedsrede hielt. Er wies in derselben ans die rasche Entwickelung unserer Gemeinde hin, welche zur Folge hatte, daß die erst vor 30 Jahren erbaute Synagoge den gegenwärtigen Anforderungen nicht mehr genügte und den Neubau zur Nothwendigkeit machte. Das Scheiden aus diesem, jedem der Anwesenden lieb und theuer gewordenen Raum verglich Redner mit dein Scheiden von einem treuen Freunde. Nach dieser Rede, ivelche einen tiefen Eindruck auf alle Zuhörer machte, lvurden die Thorarollen unter Anstiiuunmg von Wajhi binßoa aus der Lade gehoben und nach einmaligem Umzüge nach der neuen Synagoge getragen, lvozu die zur Feier zahlreich erschienenen Rabbinen ausersehen wurden. Dem Zuge voran gingen die jüdischen Kinder fämmtlicher hiesigen Schulen, geführt von ihren Lehrern. Hierauf folgte die Kapelle, welche den Krönungsmarsch intonirte, und hinter derselben die Träger der Thorarollen unter Baldachinen. Den Schluß des Zuges bildeten die Gemeindemitglieder. Die Straße, durch welche sich der Zug bewegte, hatte ein festliches Gewand angelegt; sowohl Nichtjuden!vie Juden wetteiferten in der Ausschmückung ihrer Häuser. Gegen 4 Uhr langte der Zug vor der neuen Svnagoge an, woselbst zum Empfange der geladenen Ehrengäste ein Ehrenzelt errichtet worden war. Fräulein E o h n , die Tochter unseres allverehrten Rabbiners, sprach einen sinnigen Prolog und überreichte alsdann den Schlüssel der Svnagoge dem Schöpfer des Baues, Herrn Regierungs-Baumeister Grünfeld, welcher denselben nach einer Ansprache dem Vorsitzenden des Synagogenvorstandes Herrn Stadtrath Wiener übergab. Dieser wiederum überreichte denselben, gleichfalls nach vorheriger Ansprache, dem Herrn Ersten Bürgermeister Schneider, welcher die Synagoge unter Glück- und Segenswünschen öffnete. Der gesummte Festzug betrat alsdann das Innere der Synagoge, welche in herrlichem Lichte erstrahlte. Herr Dbereantor E e r i n i aus Breslau, welchem der eantorale Theil der Feier übertragen wurde, sang in Begleitung des Chores das Lied: „Gesegnet sei, wer da kommt im Namen des Herrn." Sowohl Herr Cerini als auch der eigens für die Einweihungsfeier gebildete Chor, dessen Einübung und Leitung Herr Dr. Ehrenfried in bereitwilligster Weise übernommen hatte, leisteten Vorzügliches und trugen in hervorragendem Maße zur Verschönerung der Feier bei. Nach Absingen des genannten Liedes ivurde Ma-towu, Schema jisroel angestimmt, worauf die Thorarollen nach erfolgtem Umzuge in die heilige Lade gestellt wurden. Herr Rabbinats- Assessor Dr. Braunschweiger zündete alsdann die ewige Lampe an und knüpfte hieran einige die Bedeutung derselben betreffenden Worte. Herr Rabb. Dr. Cohn hielt hierauf die Weiherede, in welcher er die hohe Bedeutung und den Werth des Gotteshauses hervorhob. An die im Innern der Kuppel als Inschriften angebrachten Verse: „Liebe den Ewigen, deinen Gott; liebe deinen Nächsten wie dich selbst; liebe den Fremden; liebe die Wahrheit und den Frieden," anknüpsend, stellte er die jüdische Religion als die Religion der Liebe und Duldung hin. Nach dieser Rede sprach Herr Rabb. Dr. Koppst e i n - Beuthen das Gebet für den Landesherrn. Den Schlußgesang bildete der Psalm 150, womit dieser Theil der Feier sein Ende erreichte. Ain Sabbat vorher hielt bereits Herr Rabb. Dr. K ö n i g s b e r g e r - Pleschen, ein geborener Kattowitzer, eine mit vielen: Beisall aufgenommene Festpredigt. Abends sieben Uhr fand im Saale der Reichshalle ein Festesten statt, an tvelchem etwa 500 Personen theilnahmen. Auch der Verlaus dieser Feier war ein großartiger. Neben zahlreichen Toasten fanden eine größere Anzahl von Ausführungen statt. Das Fest währte bis in die späte Nachtstunde und dürfte bei allen Theilnehmern einen nachhaltigen Eindruck zurücklasten. Zum Schluß sei noch Einiges über die Bauart und Ausführung der Synagoge erwähnt. Dieselbe ist ein im deutschen Renaissancestvl mit Anklängen an die Spätgothik ausgesübrter monumentaler Kuppelbau.*) Das Gebäude gereicht vermöge seiner harmonischen Schönheit und seines erhabenen Eindruckes unserer Stadt zur hohen Zierde. Dem schönen Aeußern entspricht auch das Innere. Dieses macht trotz der in ihm entfalteten fast iiberreichen Pracht einen durchaus ruhigen und ernsten Eindruck und legt ein schönes Zeugniß von künstlerischen: Geschick des Erbauers ab. Die Gesammttvsten des Baues belaufen sich einschließlich der inneren Einrichtung auf etwa 450,000 Mark, welche tbeils durch eine Anleihe, theils durch den Erlös aus dein Verkauf de§ alten Synagogengrundstücks bestritten lvurden. Rußland. Petersburg. (N eue H o f s n u n g e n.) Die „Jüdische Abtheilung," welche, wie wir kürzlich gemeldet haben, im Ministerium des Innern errichtet wurde, hat die hartbedrängten Juden Rußlands mit neuen Hoff- *) In voriger Nummer war irrthümlich berichtet, daß der Baustyl ein byzantinischer sei. «MMWWWWWWMWl