Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 75 (17.9.1900)
- Date
- 1900-09-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1550 taten verzichten müssen. In die Kiewer Universität ivurden weniger als die Hälfte der jüdischen Gymnasialabiturienten, die sich angemeldet hatten, ausgenommen, und in das Polytechnische Institut dortselbst fand nur ein Fünftel der Angemeldelen Einlaß. In anderen Städten werde es, meint der „Waschod", nach der Erfahrung in früheren Jahren, ebenso sein. Die Regel, jüdische Lernende nur bis zu einem gewissen Procent der Gesammtzahl der Lernenden aufzunehmen, wird gerade jetzt besonders streng befolgt. In den Mittelschulen herrscht die Procentnorm noch mehr, als in den höheren Lehranstalten, da die jüdischen Schüler einer doppelten Sichtung unterworfen werden. Personen, welche z. B. sechs Elasten einer Realschule absolvirt haben und somit als Absolventen des vollen Curses gelten, können in die siebente, Ergänzungsclasse, nicht ohne Weiteres eintreten. Sie werden als Neueintretende betrachtet und darum auch nach der Procentregel ausgenommen. In letzter Zeit ist das Bestreben bemerkbar, von den Eltern der jüdischen Schüler ein schriftliches Versprechen zu erlangen, daß ihre Kinder auch am Samstag schriftliche Schularbeiten thun, sowie ihre christlichen Kameraden. Auch diese Maßnahme dürfte eine Wirkung auf den Schulbesuch der jüdischen Kinder üben. Niga. Die Rechte der jüdischen Bevölkerung in den russischen Ostseeprovinzen haben eine neue Einschränkung erfahren. Die livländische Gouvernementsrcgierung macht bekannt, daß die in Riga wohnenden Handwerker jüdischer Konfession nicht das Recht haben, aus den Märkten in den Kreisstädten ihre Waaren feilzubieten, und daß die Juden überhaupt sich nur dort mit Handel beschäftigen dürfen, wo sie wohnhaft sind. Vermischtes Bad Kissingen, 13. Sept. Wie wir von hier erfahren, hat Herr Moses Herzfeld, Sohn der Wittwe Herzfeld aus Darmsladt, deren Hotel in Bad Kissingen übernommen. Derselbe führt es in streng ritueller Weise fort und ist das Hotel nun das ganze Jahr geöffnet. Feuilleton. Lin Schritt vom Wege. Jüdische Wovelle von Arnold Mann. Iß] Bei dem wirklich anregenden Gespräch, das sich zwischen mir und den beiden Männern entspann, verging mir die Zeit wie im Fluge, und als nach beinahe zwei Stunden unser Zug auf der nächsten Station anhielt und ich mich zum Umsteigen anschickte, folgte ich ohne viel Besinnen der Aufforderung meiner Reisegefährten, doch noch eine Weile bei ihnen zu bleiben. Sie wollten sich gerne noch mit mir unterhalten, sagten sie; meine Tasche könne ich mir ja auf einer der nächsten Stationen noch holen. Schlimmstenfalls wäre sie mir auch bei der Ankunft in M. noch sicher. So blieb ich denn. Die Unterhaltung mit Salomon war mir nach dem Vorfall von früher ohnedies etwas verleidet. Mehrere Stunden waren wir bereits weitergefahren, über alle möglichen Dinge sprechend. Der Zug hatte eben, weil er eine Station durcheilte, seine Geschwindigkeit etwas gemildert, das Stationsgebäude lag hinter uns. Plötzlich verspürten wir ein Schwanken und Schütteln des Wagens, daß wir einer auf den andern vielen; unmittelbar darauf hörten wir ein fürchterliches Krachen, Zischen und Schmettern — noch zwei zerrende Rucke-der Zug stand still. Sprachlos, leichenblaß starrten wir uns an. Ein Unglück! Ein Unglück! Verworrene Rufe, entsetzliche Schreie tönten in unsere Ohren! Wir zitterten an allen Gliedern und vermochten uns kaum zu rühren, so hatte uns der Schreck gelähmt. Endlich rafften wir uns auf und eilten an die Fenster. Gnädiger Gott-da vornen-ein wüstes Chaos von Wagentrümmern-die Lokomotive und die ersten Wagen waren entgleist und lagen in einem rauchenden, wirren, zerschmetterten Haufen übereinander -die letzten Wagen des Zuges — sie standen unversehrt-! Plötzlich fühlte ich mich von zwei Armen umschlungen. Der eine meiner Reisegefährten hielt mich fest, der andere küßte mir die Hände: „Sie haben uns gerettet" — so schrieen sie durcheinander — „S i e haben gebetet, Ihnen verdanken wir unser Leben-wer so fromm ist, dem kommt nichts Böses zu-Dank, Sie einziger junger Manntaufend Dank — —" Ich wehrte mich gegen ihre Liebkosungen, wie ich nur konnte, ich mußte vor allen Dingen hinaus. — Hinaus —! Da vornen im Zuge hatte ja Solomon gesessen!- „Mein Bruder!" rief ich, riß mich los und stürmte, so gut es auf dem hindernißreichen Wege eben möglich war, an die Stätte des Unheils! Was ich da sah und hörte — ersparen Sie mir die Beschreibung! All' die Schreckensszenen, die sich vor mir abspielten, sie spotten in der That jeder Beschreibung. Auch ich gehörte zu den Jammernden, die in erschreckender Ungewißheit das Schicksal von Verwandten oder Freunden zu erfahren suchten. Von einer Stelle zur anderen rennend schaute ich klopfenden Herzens den Rettnngsarbeiten der aus der nahen Station herbeigeeilten Hilfskräfte zu.