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Der Israelit · 1900-09-17 · Heft 75 (17.9.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 75 (17.9.1900)
Date
1900-09-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1551 Plötzlich scholl mir von der anderen Seite des Zuges mein Name entgegen. „Herr Gottschalk!" rief eine helle männliche Stimme. Ich stürzte nach der Richtung, von der der Ruf kam. — Da lag, umgeben von einigen Stationsbeamten, auf Tüchern und Kissen mein Bruder Salomon — lebend, das war meine erste Empfindung, die sich in einem lauten Dankruf gegen Gott Luft machte — aber mit einem schweren Bruch des rechten Oberschenkels. Er war einer der ersten gewesen, die man hervorgezogen hatte zwischen den todtbringenden Trümmern, unter denen so Viele zersplittert und zermalmt lagen. Seine erste Frage hatte mir gegolten, den er im Zuge wußte und nach dem ein Beamter deßhalb mit lauter Stimme gerufen hatte. „Ist denn noch kein Arzt da?" war meine nächste Frage. „Müsten bald heran sein!" gab man mir zur Antwort. In der That dauerte es nicht lange, so kamen die beiden Aerzte des nahen Städtchens in einem Wägelchen eilig herbeigefahren. Meinem Bruder wurde ein Verband angelegt und die Erfüllung seines Wunsches, möglichst bald nach Hause transportirt zu werden, wurde ihm versprochen, da der Nothverband für einige Stunden als genügend galt. — Wad) zwei bangen Stunden brauste endlich der telegraphisch verlangte Hilfszug heran, der die unversehrten Paffagiere weiter befördern und auch die transportfähigen Verwundeten dem noch etwa 100 Kilometer entfernten M. mit seinen großen Hospitälern zuführen sollte. In ein Koupee erster Klaffe wurde Salomon vorsichtig und bequem eingebettet; ich selbst nahm allein bei ibm Platz. Salomon war sehr blaß. Er mußte Schmerzen haben, denn manchmal zuckte es wie ein Blitz über sein Gesicht. Vielleicht dachte er auch über die wahrhaft wunderbare Fügung nach, die deutlich in diesen wenigen Stunden in unser Beider Leben eingriff. Gesprochen hat er während der ganzen Fahrt kein Wort und auch ich, ohnehin von stürmischen Gedanken durchwogt, wollte ihn nicht stören. In M. standen bei unserer Ankunft Ambulanzen und Krankenwagen bereit, und eine unübersehbare Menschenmenge harrte mit bangen Mienen auf den schmerzensreichen Eisenbahnzug. Ich hatte vollauf zu thun, für die prompte Ueberführung Salomons zu sorgen und brachte ihn endlich von dieser denkwürdigen Fahrt der jammernden Gattin in's Haus. Später erst war mir's wie ein Traum, als hätten meine Augen bei einem Blicke über die wartende Menschenmenge auch das leichenblasse Antlitz Jda Fromann's erschaut. 10. Die Schowuaus-Nacht. Der nächste Tag war Eref Schowuaus. Die ganze Stadt war noch in zitternder Aufregung über das entsetzliche Eisenbahnunglück, dem ich auf so wunderbare Weise entronnen war. „Sie müssen morgen Gaumel benschen!" sagte Herr Fromanu zu mir, nachdem ich ihm Alles erzählt hatte, „Gott sei Dank, daß auch Ihr Bruder noch so glimpflich davonkam!" Der Arzt hatte in der That bei vorsichtiger und gewissenhafter Behandlung die vollständige Heilung Salomons binnen sechs Wochen in Aussicht gestellt. „In den letzten Jahren häufen sich aber die Unglückssälle auf der Babn ganz bedenklich!" fuhr Herr Fromanu fort, „mir ist fast bange davor, meine Tochter allein fahren zu lassen!" „Wieso?" fragte ich, nicht wenig erstaunt, „will denn Fräulein Jda verreisen?" „Unmittelbar nach Jaum tauw!" erwiederte mein Chef. „Sie bekam vorgestern eine überaus dringende Einladung zur Familie Heß nach Beratshausen — gute, alte Freunde von uns — mit zwei Altersgenoffinnen Jda's — nun — Jda hat ja wirklich hier in M. so wenig! Warum soll sie nicht einmal in der erfrischenden Landluft eine kleine Abwechslung genießen? Kurzum, sie fährt, so Gott will, an Jßru chag!" Diese Mittheilung, welche mir Herr Fromann in der unbefangensten Weise des Morgens im Comptoir machte, lenkte wie mit einem Zauberstab alle meine Empfindungen wieder zu jener einzigartigen Stimmung zurück, unter welcher ich meine Reise nach Berlin angetreten hatte. Die Schrecknisse, unter denen diese Reise schließlich endete, hatten eine Zeit lang jene Empfindungen zurückgedrängt. Mit verstärkter Macht brachen sie nun hervor. Jda verreiste! Wer weiß, wann es mir nun wieder vergönnt sein tvürde, ihr in das seelenvolle Auge zu blicken! Wer weiß, wann ich nun wieder solch' köstliche Minuten erlebte, wie die vor meiner Abreise, da mich Jda mit jener „doppelten Wegzehrung" beglückte! Da kam mir. wie aus weiter Ferne, eine Erinnerung — die grüne Mappe mit den Berliner Ansichten! Was lag nicht Alles zwischen jenem Augenblick, wo ich sinnend im Koupee das für Jda bestimmte Geschenk betrachtet hatte, und diesem Vormittag! Die Flut der Ereignisse batte die Erinnerung an das Geschenk völlig hinweggeschwemmt — nun erst war sie wieder da! Bei mir hatte ich die Mappe nicht, sonst wäre ich wohl so kühn gewesen, oben schnell vorzusprechen und Jda das kleine Andenken an meine Reise zu übergeben. Bei dem bloßen Gedanken an diesen Moment klopfte mir das Herz zum Zerspringen. Aber die Mappe ruhte ja noch wohlverwahrt zu Hause in der Brusttasche des Rockes,

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