Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-09-17 · Heft 75 (17.9.1900) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 75 (17.9.1900)
Date
1900-09-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449120--51574-2502090
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1546 um sie für die Nahrung zu verwerthen. Damit haben sie jedem Stückchen Brod die Heiligkeit göttlicher Heiligthümer verliehen, haben jeden Tisch zu einem Altar, jedes Haus zu einem Tempel umgewandelt, in welchem Mann und Weib priesterlich ihres Amtes walten. Der große Troß geht über diese und ähnliche Veranstaltungen lächelnd und naserümpfend zur Tagesordnung über. Was ist ihm der Weiseste der Weisen? Er kennt den König Salomon, aus den speziell diese Institution des Händewaschens zurückgesührt wird, kaum dem Namen, und schluckt alle etwaigen Skrupel, indem er dies alles sür Förmlichkeiten, Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten ausaibt. Kleinlichkeiten! m:cp cv<b T2 ’d Welcher denkende, gebildete Mensch wollte heutzutage, im Zeitalter der Mikroben, Bakterien und Bazillen gedankenlos und geringschätzig von Kleinlichkeiten sprechen? Als vor einigen Jahren in Hamburg die Cholera wüthete und ihre zahlreichen Opser forderte, war die erste Einrichtung. welche die versammelten Aerzte trafen, das minutiöse Händewaschen; genau so wie es der Schulchan Aruch vorschrcibt. Soll es immer noch dieser harten göttlichen Schicksalsschläge bedürfen, um Gottes Gesetz wieder zu Achtung und Ehre zu bringen? Doch wie auch kurzsichtige Menschen darüber denken mögen, der Jude geht nicht an sein Tagewerk, ohne diesen Mahnungen der körperlichen Reinlichkeit und der sittlichen Reinheit Rechnung zu tragen. Mit ihnen leitet er den Gottesdienst seines thätigen Lebens ein, der mit dem Gottesdienst im engeren Sinne des Wortes, mit dem Gebet beginnt. Es ist die Zwiesprache mit „dem Herrn der Welt, der König war, bevor noch irgend ein Geschöpf geschaffen wurde," das sollte sie sein, ist sie es in Wirklichkeit? Wir sprechen nicht von denjenigen, welche diese Sprache unseres Gebets nicht einmal verstehen, und sich nicht nur nicht die Mühe geben, sie zu erlernen, sondern dünkelhaft genug sind, zu verlangen, daß das Gebet ihre Sprache spreche, daß die heiligen Laute unserer großen Vergangenheit vor der Verkehrssprache zurücktreten sollen, in welche sie die Nichtigkeiten ihres täglichen Lebens kleiden; von ihnen sprechen wir nicht. Wohl aber dürften sich in diesen heiligen Tagen diejenigen fragen, welchen unsere Gebetssprache geläufig ist, ob ihre Andacht, ihr Ernst, ihre Sammlung in der That den hohen Gedanken und den tiefen Wahrheiten entspricht, die sie betend hier in Worte kleiden; oder ob auch sie zerstreut, leichtsinnig und ungeduldig ihr tägliches Gebet maschinenmäßig herunterbeten und sich selber so um den Halt und den Trost, um den Beistand und den Segen bringen, deren wir doch heute mehr als je in dem heißen Kamps um's Dasein bedürfen, in welchen sich der Lebende in wenigen Minuten stürzt. Wir haben in dieser schweren Zeit nichts als unser Gebet, in welches wir unser Weh aushauchen und Gottes Beistand für uns anrusen können; wie, wenn wir auch dieses nicht mehr hätten?! Mehr und nachdrücklicher als sonst laden uns gerade die Tage beim Scheiden des alten und beim Beginn des neuen Jahres zum gemeinsamen Gebet. Wenn es gedankenlos gebetet wird, ist es ein Körper ohne Seele; wollen wir diesen todten Körpern nicht die Seele wiedergeben und so das zerrissene Band neu knüpfen, das uns mit unserm Vater im Himmel wieder unauflöslich verbinden soll? — Von uns Juden hat die Welt hoffen, harren und zu Gott beten gelernt; wenn wir nun selber unserer alten Art zu beten untreu geworden wären, sie umgewandelt, zugestuht, gekürzt und ergänzt hätten nach dem wandelbaren Geschmack der Zeit, nach der vergänglichen Mode des Tages! Wenn die gemeinsamen Stätten unseres Gebetes selber die Spuren des Abfalles von der alten, jüdischen Vätersitte an sich trügen, wenn unjüdischer Flitter, Emblemen anderer Kulte, den jüdischen Charakter unseres ns;2."i r,'z derart getrübt hätten, daß der Geist unserer großen, weisen Führer die Acht über diese Räume und diejenigen ausgesprochen, die ihnen durch ihren Besuch Sanktion verleihen, wie wäre dann das scheidende alte Jahr eine Mahnung, hier Wandel zu schassen und der verkannten, alten, jüdischen Wahrheit wieder zu ihrem Rechte zu verhelfen! Aber selbst da, wo noch unsere nro» *rn ihren alten, jüd. Charakter bewahrt haben, sind ihnen auch seine Besucher treu geblieben? finden sie sich nach wie vor, wie z. Z. der Väter, früh u. spät, zweimal, dreimal täglich zum gemeinsamen Gebet zusammen? Oder steht die Synagoge die ganze Woche hindurch verlassen und verwaist, um sich nur allsabbatlich denjenigen zu öffnen, die noch das Bedürfnis empfinden, durch eine solche Sabbatvisite zu konstatiren, daß sie noch Juden seien, daß das Band noch nicht ganz zerrissen, das sie mit ihren Heiligthümern verbindet? Oder findet sich noch täglich ein Minjan zusammen, aber es rekrutirt sich aus den paar Alten der Gemeinde, dem aber der jugendliche sür den Besuch der Synagoge erzogene Nachwuchs fehlt und die deßhalb nur das Auge zu schließen brauchen, um diese ganze Institution illusorisch zu machen? Bevor wir uns zum Gebete stellen, hüllen wir uns in den Hermelin und schmücken uns mit den Orden, die uns der König aller Könige mit Mizwas Zizis und Tesillin verliehen hat. Tallis und Zizis sollen aus weißer Schasswolle sein, sür die Tesillin ist die schwarze Farbe religionsgesetzliche Vorschrift. Im Gegensatz zu ihr sind die meisten Talessim schwarz und die Tesillin weiß, geschwärzt und gebleicht von der Fülle der Jahre. Ob sie aber, selbst als sie noch ihre ursprüngliche Farbe hatten, den Anforderungen des Religionsgesetzes entsprochen, wie viele, wie wenige fragen darnach! Und doch ist es leider eine vielfach konstatirte Thatsache, daß gewissenlose Soserim und ebenso gewissenlose Händler Mesusos, Tesillin und Zizis verkaufen, die es in Wirklichkeit gar nicht sind, die allerdings die äußere Form

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.