Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 74 (13.9.1900)
- Date
- 1900-09-13
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1554 weil wir darin einen Triumph unserer Richtung erblicken, und als ein solch erfreuliches Zeichen betrachten wir das Werk des Rabbiners Dr. I. Goldschmidt zu Offenbach a. M., bmit" ifawi, „die Poesie des Gebetbuches," von dem uns ein Probebogen und Prospekt vorliegt. Nach dem Prospekt soll das neue Gebetbuch des Dr. Goldschmidt „den unveränderten Text der Tephilla" enthalten; es tritt also den Bestrebungen der Gebetbuch-Fabrikation, welche durch Verkürzung und Abänderung glänzen will, prinzipiell entgegen. Der neue Weg, den Dr. Goldschmidt einschlägt, unterscheidet sich von den bisherigen nur darin, daß er den Inhalt unserer Gebete nicht in prosaischer Uebersetzung, sondern in durchgängig poetischer Bearbeitung wiedergibt. Es ist also, streng genommen, kein „ganz neuer Weg," da der dichterisch hochbegnadete Michael Sachs s. A. in seiner meisterhaften, allgemein bekannten und verbreiteten poetischen Uebertragung der Pijutim vor Jahrzehnten schon diesen Weg betreten. Neu ist nur die Weiterführung des von Sachs Begonnenen in Bezug auf unsere klastischen Grundgebete, unsere alte Tephilla, und wir stehen darum um so weniger an, die Arbeit des Herrn Dr. Goldschmidt freudig zu begrüßen. Im Prospekt sagt Herr Dr. Goldschmidt: „Das Gebetbuch der Synagoge besitzt einen unerschöpflichen Reichthum an erhabenen Gedanken und schwungvoller Poesie, der auch die Herzen der Gebildeten unserer Zeit andächtig zu stimmen, mächtig zu ergreifen und für die höchsten Aufgaben der Menschheit zu begeistern die Kraft besitzt. Dieser Reichthum und diese Kraft können nicht zur Geltung kommen, so lange die Uebersetzungen sich der nüchternen Prosa bedienen. Das Schwungvolle und Erhabene unserer Gebete kann nur dann zur vollen Wirkung gelangen, wenn auch die Uebersetzung die Dienste der Poesie in Anspruch nimmt. Auch von dem Hohenpriester Josua verlangt — nach Sacharia 3, 4 und 4, 1 — der „Wecker aus dem Schlaf," der führende Engel: „Nehmt ihm ab die Alltagskleider und kleidet ihn in Festgewänder!" Ich habe es unternommen, den Hohenpriester, der der Andacht Israels in der Zerstreuung fast zwei Jahrtausende den Ausdruck geliehen: Das Gebetbuch der Synagoge, bei Uebertragung in unser „geliebtes Deutsch," mit dem Festgewande der Dichtung zu bekleiden." Die negative Behauptung, daß man in prosaischer Uebersetzung unser Gebetbuch nicht zur Geltung bringen könne, wollen wir nicht unbedingt unterschreiben: wer kann das wissen? Man kann von den schon vorhandenen diesbezüglichen Arbeiten vielleicht solches behaupten. Aber die Zukunft kann Vieles bringen, wovon unsere Schulweisheit sich nichts träumen läßt. Aber wir wollen auch gerne zugestehen, daß die poetische Bearbeitung des Herrn Dr. Goldschmidt sehr wohl geeignet ist, für die Tiefe und den Schwung unserer heiligen Gebete die Herzen der des Hebräischen unkundigen Menge zu erwärmen und zu begeistern. Die Bearbeitung hält sich so eng als möglich an das heilige Original; man merkt ihr das Bestreben an, daß sie nicht ihre eigene Kunst, sondern unsere alten Gebete zur Anerkennung bringen will. Dabei bringt sie auf Schritt und Tritt auch dem Fachmann neue Gesichtspunkte in der Auffassung, und dies alles in den mannigfaltigsten poetischen Formen, die überall den Eindruck von tiefempfundener Original-Dichtung und nicht den der Uebersetzung machen. Man muß den heiligen Inhalt unserer Gebete sehr tief in seine Individualität ausgenommen haben, um sie so ungezwungen mit solcher Begeisterung in so reichen poetischen Formen vorzutragen. Nur wenige Beispiele aus dem Probebogen mögen hier Platz finden: Unsterblichkeit. cpn Allvater! Du erhältst die Lebenden durch Deine Gnade, Du sprengst auch des Todes eherne Schranken! Strauchelnde führst Du ebene Pfade, Heilung sendest Du den Kranken; Alle Fesseln löst Dein Glaube, Und Du hältst die Treue den Schläfern im Staube. Wer möchte sich, Ewiger, Dir vergleichen? Wem wurde ein Strahl Deiner Allmacht zu Theil? Du führst in's Leben, läßt Leben verbleichen — Aus Entstehen und Vergehen erblühet Dein Heil! Und an des Grabes düstrer Schranke Soll, Vater, der Glaube sich nicht bewähren? — Nein! Auch jenseits lebt ein Gedanke: Wir preisen Dich einst in höheren Chören!" Wie eng halt sich das an den Wortlaut! „Du hältst die Treue den Schläfern im Staube," das ist wörtlich isr 'M'b )rum a,,po und doch wie ursprünglich klingt das! Und wie originell tief und doch so natürlich ist die Auffassung von ,ijw iroafei ,*rnc: nvs! u. s. w. Oder ein zweites Stück: Am Abend, nrni! "kpk Dir, Ewiger, Preis! Es dämmert der Abend, die Strahlen verblassen, Du öffnest die Pforten der Sternenwelt, Es erglühen die Lichter der Himmelsstraßen, Du ordnest die Sterne am Himmelszelt. Du bist der Schöpfer der Tage, der Nächte, Die Nacht jagt den Tag, der Tag die Nacht . . . Der Tag und die Nacht, sie sind Deine Knechte, Ewiger Zebaoth! Du hältst treue Wacht. Wie die schäumenden Wellen im Strome gleiten, So kommt es und geht es in ewigem Kreis, Doch Du bist der König der wechselnden Zeiten—■ Es dämmert der Abend . . . Dir, Ewiger, Preis!" Wir sind der Meinung, daß, wenn überhaupt etwas, solche Bearbeitungen geeignet sind, in dem Beter und Leser den Wunsch zu erwecken, das hebräische Ori-