Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 74 (13.9.1900)
- Date
- 1900-09-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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V!MW^LWV-WW>WW> 1536 lung beizuwohnen und Einsicht in die Akten des Komitees zu erhalten. Mehr als 6000 Bittgesuche haben im Laufe von zwei Monaten Erledigung gefunden und wurden die Bittsteller mit Gaben, beginnend von Frcs. 1—40, bedacht. Es ist wirklich haarsträubend anzusehen, in welchen Formen das Elend vorbeidefilirt, und herzbeklemmend wird das Anhören dieser Jeremiaden. Es erscheinen zwei Brüder, einst angesehene Kaufleute in einem Dorfe bei Jassy. Die Leute waren vermögend, da ereilte sie das Unglück in Form eines Ausweisbefehls aus dem Dorfe. Sie zogen nach Jaffy, wo es mit ihnen immer mehr schief ging, bis sie am Gabentische des Hilfskomitees endeten. Das Haupt einer zehnköpfigen Familie erscheint. Mit Thränen in den Augen klagt dieser fast Siebzigjährige, er u. seine Familie schliefen in einem Schuppen auf dem nackten Boden, weil die noch gebliebenen Kissen für rückständige Steuern gepfändet wurden. (Sind doch auch Thorarollen der Gier rumänischer Steuereinehmer nicht entgangen.) Ein Gewerbetreibender hat sich nach Beendigung des Militärdienstes in einer Provinzstadt niedergelassen und sich dort kümmerlich ernährt. Da etablirte die Antisemitenliga rechts und links zwei Concurrenten, welche Dank der Subventionen der Liga den Juden ruinirten und an den Bettelstab brachten. Auch ein jüdischer Soldat in rumänischer Staatsuniform erscheint. Die Regierung hat aus Sparsamkeitsrücksichten viele Soldaten beurlaubt und natürlich bei dieser Zeit der Erwerbslosigkeit mit den Juden den Anfang gemacht und sie so dem sicheren Hungertode ausgesetzt. Diesem zu entgehen muß der jüdische Soldat im Waffenrocke des Königs Carol um Brot betteln! Auch ein zwölfjähriges blondes Mädchengesicht, in welchem Kummer und Sorge ihre Furchen eingegraben haben, zieht vorbei! Sein Bater ist mit einer Fußwanderergruppe fort und ließ die Familie, bestehend aus Frau und fünf Kindern, in größter Noth zurück. Drei Wochen lang hat die Mutter durch Besorgung von Hausarbeiten ihre Kinder vom Hungertode bewahrt, nun ist sie erkrankt und liegt seit acht Tagen im Spitale, während diesem zwölfjährigen Kinde die Obsorge für die Familie zur Last fällt. So ziehen sie hin, diese hohlwangigen, verkümmerten Gestalten, deren Augen sich keine Thränen mehr entpressen können, deren Brust keine Seufzer mehr ausstötzt, so sehr haben sie sich an das Leiden gewöhnt, und da sie von jedem Erwerb ausgeschlossen, von jeder Arbeit gewaltsam fortgejagt werden, wähnen sie die von Malthus beschriebenen Verurteilten zu sein, die als Spätgekommene kein Recht mehr zum Leben haben. Höchst lobenswerth und bewunderungswürdig ist die Thätigkeit und Ausdauer des Hilfskomitees, an dessen Spitze der hochbetagte, aber thatkräftige, um das Gemeinwohl der Juden hochverdiente Präsident der Loge. Herr A. S. Goldenthal, sich befindet. Ihm stehen eine Reihe jüngerer Kräfte zur Seite, u. a. die Herren Julius Fränkel, Leo Geller, I. A. Geltzer, S. Horowitz, I. Angel u. s. w. Rühmend hervorzuheben ist noch die Thätigkeit des Jassyer Rabbiners Herrn Dr. I. Niemirower, welcher durch Beschaffung der Geldmittel im In- und Auslande es diesem Unterftützungskomitee ermöglichte, wirksam helfen zu können. Welche Verdienste sich dieser Rabbiner um die Interessen der rumänischen Gesammi judenheit erworben hat, soll zu einer geeigneten Zeit der Öffentlichkeit mitgetheilt werden. Großen Antheil an dieser Hilfsaktion gebührt auch den in Newyork lebenden rumänischen Auswanderern, welche mehr als 5000 Fres. für ihre hungernden Brüder in Rumänien sammelten, ferner der Alliance israelite in Paris und Wien, der Bnei Brith Loge in Prag, dem rumänischen Komitee in Berlin und Herrn Seliamann in Frankfurt a. M. Diese Hilfsaktion ist aber noch weit entfernt eine hinreichende zu sein. Das Komitee muß alle Hebel in Bewegung sehen, um wirtlich helfen zu können. Es geht daher jetzt daran, eine einem Massenandrangs genügende Nolkskiiche zu gründen und ist daher die Hoffnung nicht unberechtigt, daß die bessersituirten Brüder des Auslandes dieses hochverdiente Rettungswerk durch reichliche Beiträge fördern werde, umsomehr, als von der Leistungsfähigkeit der Heimischen in Folge des allgemeinen Niederganges wenig zu erhoffen ist. (Nach der „Franks. Ztg." habe sich eben ein Umschwung in der Stimmung des rumänischen Volkes zu Gunsten der Juden vollzogen. Der in Folge der Judenhetze eingetretene Niedergang von Handel und Industrie habe den Leuten die Augen geöffnet. Red.) Zeitttttgsttachrichtc.: und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 10. Sept. Ueber den Synagogen-Neubau in Potsdam hat das Kultusministerium im Aufträge des Kaisers noch nachträglich Informationen eingezogen. Der seit langem projektierte Neubau hat bereits alle Instanzen passirt, es steht nur noch die kaiserliche Bestätigung aus, die aber in Kürze erfolgen dürfte. Die alte Synagoge soll nach dem Bauplan gänzlich beseitigt werden. Das neue Gebäude wird in Hufeisenform in künstlerischer Vollendung unter Aufwendung bedeutender Mittel aufgeführt werden. Der Tempelraum muß nach polizeilicher Vorschrift auch mit Nothausgängen nach dem Nachbargrundstück versehen sein. Berlin, 11. Sept. Ein halbvergeffener Friedhof, von dem die wenigsten Berliner eine Ahnung haben, befindet sich, wie die „B. Ztg." schreibt, in der Großen Hamburgerstraße, hinter der jüdischen Altersver-