Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 74 (13.9.1900)
- Date
- 1900-09-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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4L. Jahrgang. Erste Anlage zu J& 74 des „Israelit". Leitender Artikel. 3m 8sm Sn ZuKn ix ZsffS. Jassy, im September. Schwere und langanhaltende Noth herrscht unter den Juden Rumäniens. Am meisten betroffen sind jedoch die Städte der oberen Moldau, und von diesen hauptsächlich Jaffy, wo das Elend unter den dort lebenden 40,000 jüdischen Einwohnern ungeheure Dimensionen angenommen hat. Es haben die Excesse vom 16. Mai 1899 dem „Jassyer Tischo B'ow" genügt, um den jahrelang angehäusten Zündstoff zur Explosion zu bringen und zahlreiche jüdische „Existenzen," wenn eine solche Bezeichnung für derartige kümmerliche Ernährungsweise noch anwendbar ist, gänzlich zu vernichten. Das Elend begann daher sofort im vergangenen Herbste seine ersten Schatten zu werfen, welche rasch zunahmen, da Jassy auf dem Gebiete der öffentlichen Wohlthätigkeit sehr zurück ist. Die engherzigen Gefühle der hiesigen winzigen Plutokratie (meist Emporkömmlinge) sind zur Genüge bekannt. Sie wähnten ihr Gewissen durch verhältnißmäßig kleine Beiträge für Spiral und Schule erleichtert. Manche scheuen sogar die Betheiligung an jedweder jüdischen Institution und Wohlthätigkeitsanstalt, um nicht in ihren patriotischen Gefühlen verdächtigt zu werden. Die einzige Institution, der die Sorge um das Wohlergehen der Jaffyer Juden zur Last fällt, ist die Bnei Brith Loge „Samoil." Diese hat bereits im September 1899, als ein Erlast des Unterrichts- und Cultusministers Jstrati die Taxen für die jüdischen Handelsschüler erhöhte und deren Zahl einschränkte, eine Handelsschule in's Leben gerufen, ivelche bereits im ersten Jahre ihres Bestandes erfreuliche Resultate geliefert hat. Ihren Satzungen treu hat diese Loge auch die Hilfsaktion zur Milderung des Elends energisch in die Hand genommen. Es war während einer Logensitzung zu Beginn des vergangenen Winters, als das ehrenwerthe Mitglied, der um die Judenheit hochverdiente Dr. Lippe, welcher in den jüdischen Volkskreisen sehr beliebt ist, in der Loge mit den charakteristischen Worten erschien, „meine Herren, ein Säugling ist in den Armen der Mutter erfroren, ein einst angesehener Familienvater hat Brot gestohlen, um den Hunger seiner Kinder zu stillen!" Da erhoben sich sämmtliche Anwesende wie ein Mann mit dem Rufe: „Wir wollen helfen!" und die Hilfsaction begann. Noch in derselben Woche begann man mit Brotvertheilungen und Dank der hier am Ort und durch Beiträge der Glaubensgenossen des Auslandes gesammelten Mittel, konnten durch den ganzen Winter zweimal wöchentlich Brotvertheilungen an über 1600 Familien vorgenommen werden und wurden auch für die Osternfeiertage mehr als 2000 Familien mit Mazzoth und Kartoffeln versehen. Es wurde allgemein erwartet, daß der Anbruch des Sommers einen Rückgang des Elends zur Folge haben wird, aber das Gegentheil traf ein. Die Nothlage wurde größer und nahm gräßliche Formen an. Hatten doch Viele während des ganzen Winters von den zu Geld gemachten Habseligkeiten ihr Dasein gefristet! Sie konnten außer dem einzigen zerfetzten Gewände, das ihre zu Skeletten abgemagerten Körper bedeckte, nichts mehr ihr Eigen nennen, und weit und breit keine Arbeit, keine Aussicht auf Erwerb und Brot für sich und die hungernden Kleinen! Die Hilfsthätigkeit konnte daher keine Pause machen, sondern noch eine Steigerung der Wirksamkeit erfahren, denn die Anforderungen, die gestellt wurden, mehrten sich täglich. Viele brachen in Ermangelung jeglicher Mittel zu Fuß auf, um dem Elende zu entrinnen, und fast täglich gab es lokale oder durchreisende Emigrantengruppen zu unterstützen, da diese sich in sehr bejammernswerthen Zuständen befanden. Viele Emigranten ließen Frauen, hochbetagte Eltern und kleine Kinder im größten Elend zurück und dem Hilfskomitee der Loge „Samoil" fiel die Sorge für deren Ernährung zur Last. Alle Kräfte wurden angestrengt, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Da wurde die Hilfsthätigkeit dieses Comitees auf eine harte Probe gestellt. Den Hilfesuchenden gesellte sich eine neue Schaar Unglücklicher zu. Es kehrten die von Wien zurücküeförderten Emigrantengruppen zurück und zahlreiche Gruppen, die sich noch auf dem Wege zur Einschiffung nach Galatz befanden, gaben ihr Reiseziel auf, als sie die Kunde von der Hilfsverweigerung in Wien vernahmen. Diese Bedauernswerthen, die sich bereits gerettet wähnten, waren in größter Verzweiflung. Sie hatten Alles veräußert und kehrten zurück ohne Obdach und Nahrung finden zu können. Der freie Himmel war ihre Decke, die nackte Erde und harte Steine ihre Unterlage! Und auch diesen mußte geholfen werden. Das Hilfskomitee, das den ganzen Winter Brot vertheilte, hat der Umständlichkeit halber von dieser Unterstützungsform Abstand genommen und veranstaltete daher zweimal wöchentlich Vertheilungen in baarem Gelde. Diese finden jeden Montag und Donnerstag statt. Schreiber dieses hatte Gelegenheit, einer solchen Verthei-