Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-09-13 · Heft 74 (13.9.1900) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 74 (13.9.1900)
Date
1900-09-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449119--51550-2502065
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1523 9 t u i \ I e t o « Lin Schritt vom Wege. Jüdische Wovelle von Arnold Mann. i-'I Die Müdigkeit begann mich doch zu übermannen. Ich legte meinen Kopf in die Polster zurück und schloß die Angen. Das eintönige Rasseln der Wagenräder that seine Wirkung. Ich verfiel in einen festen Schlaf. Als ich erwachte, was es Heller Tag. Verwundert rieb ich mir die Augen. Ich mußte mehrere Stunden geschlafen haben, denn da hinten am Horizont stiegen bereits die ersten Strahlen der Sonne herauf. Nun war mein erster Gedanke das Morgengebet. Ich mußte es nothgedrungen im Wagen verrichten, denn gegen 11 Uhr kam ich erst in M. an, da lvar es zu spät. Schon wollte ich mir meine Tesillin aus meiner Hand tasche bervorholen, als ich merkte, daß der Zug zu brem sen begann. Wir näherten uns, wie ich sofort gewahrte, einer großen Station und in der Thar, der Zeit nach mußten wir jetzt in der Kopsstation K. sein, wo der Zug zehn Minuten Aufenthalt hatte. Ich legte meine Tesillin in die Tasche zurück und verschob das Morgengebet bis nach unserer Abfahrt von K., wo ich mich init einer Taste Kaffee zu erquicken gedachte. Vir fuhren in die Bahnhofshalle und ich stieg aus. Als ich die Thüre zum Wartesaal öffne, läuft mir — mein Bruder Salomon in die Arme. „Leo! Wo kommst Du denn her?" Ich berichte ihm kurz und gehe an den Tisch, schnell meinen Kaffee zu trinken. „Ist in Deinem Koupee noch Platz?" fragte er weiter. Ich zuckte die Achseln. „Es wird schwer gehen." antwortete ich, „aber, na — jedenfalls steigst Du mit mir ein; wenn wir auch ein bischen eng sitzen lverden, immerhin — wir können wenigstens zusammen fahren und uns die Zeit verkürzen! Also komm!" Ich zahle und gehe mit Salomon zum Koupe. Ich drückte mich fest in meine Ecke, damit für Salomon neben mir noch Platz bleibt. Als aber die anderen Mitreisenden einstiegen, gab es doch einen kleinen Wortwechsel über den Eindringling. Mein Bruder jedoch, der in Reisedingen erfahren war, wußte die Herren zum Schweigen zu bringen. „Der Zug ist überfüllt!" sagte er, „da muß man schon mal eine kleine Unbequemlichkeit mit in Kauf nehmen. Ich habe zufällig hier meinen Bruder getroffen, sonst wäre ich vielleicht in ein anderes Koupe eingestiegen!" Wir fuhren schon längst weiter, aber immer noch fielen von Seiten der Mitreisenden einige mißmuthige Bemerkungen, und die Blicke, mit denen man uns maß, waren nicht gerade die freundlichsten. Wir kümmerten uns nicht darum und unterhielten IMS leise über Dies und Jenes, lieber dem unvermutheten Zwischenfall aber hatte ich wirklich eine Zeit lang vollkommen vergessen, daß ich doch mein Morgengebet verrichten wollte. Plötzlich, als ich draußen die Sonne immer höher steigen sah, fiel es mir wieder ein. Ich griff nach meiner Tasche und nahm meine Tesillin heraus. „Was hast Du denn da?" fragte Salomon leise. „Meine Tesillin!" „Aber Leo, Du ivirst doch hier vor den Leuten nicht Tesillin legen?" „Warum denn nicht?" „Warum? Weil sich das nicht schickt!" „Sieh mal an! Seit wann schickt es sich denn nicht, zu beten?" „Beten ja! Das magst Du, soviel Du willst! Aber diesen Firlefanz da machen, daß sich die Leute hier vor Lachen wälzen, das geht nicht an!" „Ich ivcrde Dir zeigen, daß es wohl geht!" Ich wollte mich eben zum Fenster kehren, um so diskret als möglich meine Tesillin anzulegen, als mir Salomon den Beutel mit einem Ruck lachend aus der Hand riß. Er gab sich den Mitreisenden gegenüber den Anschein, als ob er mit mir scherze. Salomon's Dreistigkeit machte mich wüthend. „Du ivirst mir sofort mein Eigenthum wieder geben!" sagte ich leise. „Fällt mir gar nicht ein! Du kannst zu Hause beten!" „Nein, das kann ich nicht! Es tvird zu spät, viel zu spät!" „Ist mir egal! In meiner Gegenwart wirst Du hier im Koupe keine Tesillin legen!" „Gut! Dann werde ich auf der nächsten Station in ein anderes Koupee steigen!" „Wenn Du Platz findest!" „Ich steige in die dritte Klasse!" „Schön! Ehe Du aussteigst, sollst Du Deine Tefil- Irn hoben!" Damit war unsere Kontroverse beendigt. Die halbe Stunde, welche wir noch bis zur näckistcu Station zu fahren hatten, verbrachten wir schweigend. Mir war der eben erlebte Vorfall ein Beweis dafür, Ivie gut ich daran gethan hatte, all die Jahre her mich dem Hause meines Bruders ziemlich fern zu halten. Wer weiß, Ivelche Schwierigkeiten mir hätten entstehen können, wenn ich mit derjenigen Intimität bei ihm verkehrt hätte, ivie sie einem Bruder gegenüber natürlich wäre. Und ihn, der in so schroffer Weise, nur äußeren Rücksichten zuliebe, meiner religiösen Gewissenhaftigkeit hindernd in den Weg trat, ihn hätte ich um ein Gelddarlehen angehen sollen? Nimmermehr!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.