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Der Israelit · 1900-09-13 · Heft 74 (13.9.1900) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 74 (13.9.1900)
Date
1900-09-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1522 Endlich schrieb Sololvjew „Ueber den ^Nationalismus in Nußland," wo er das Verhältnis der russ. Chauvinisten zu den russischen Juden in's Helle Licht setzte. In Solowjew verliert das russische Judenthum einen seiner edelsten und mächtigsten Vertheidiger, dessen Stimme noch bei allen Männern Gehör fand, welche Eigennutz und Menschenhaß für die Stimme der Wahrheit noch nicht ganz taub gemacht haben. Am neunten Tage nach dem Hinscheiden des Philosophen, nach der Trauerfeier, wurden auf seinem Grabe im Kloster zwei metallene Kränze niedergelegt, und zwar einer vom Odessaer Komitee der „Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland" mit folgender Inschrift: „Dem wahren russischen Philosophen und Humanisten," und der andere von den Mostauer Mitgliedern derselben Gesellschaft niit folgender Inschrift: „Dem Apostel der Humanität und der Glaubensduldung." In Odessa empfing der Freund eines jungen Schriftstellers in Moskau einen Brief, worin derselbe schreibt, daß der verewigte Philosoph W. S. Solowjerv vor seinem Tode in seinen Phantasien in hebräischer Sprache die Psalmen Davids recitirte, und bevor er in die Ewigkeit einging, sagte er folgende Worte: „Wecket mich nicht — ich muß für das jüdische Volk beten." Lodz. Die Weberei für jüdische Arbeiter wird demnächst eröffnet werden können. Die mit Hülfe der „I. K. A." errichtete Anstalt wird einem sehr dringenden Bedürfnisse abhelfen. Die jüdischen Arbeiter in Lodz und Bialystok, namentlich aber die Handweber daselbst, bekommen, da sie Samstags nicht arbeiten lvollen, auch bei günstiger Conjunctur nur sehr schwer Arbeit. Infolge der im polnischen Jndustriebezirk gegenwärtig herrschenden ökonomischen Krisis haben sich die Verhältnisse der jüdischen Arbeiter aber noch ganz besonders verschlimmert. Viele Fabriken sind jetzt genöthigt, ihre Produktion einzuschränken und Arbeiterentlassungen vorzunehmen. In solchen Fabriken werden die jüdischen Arbeiter, welche durch ihre Sabbatruhe den regelmäßigen Gang der Maschinen sehr erschweren, schon gar nicht mehr angenommen. Die neue Weberei wird zunächst nur 40 jüdischen Arbeitern Beschäftigung gewähren. Man hofft sie jedoch bald derart zu vergrößern, daß in ihr 400 jüdische Arbeiter dauernd beschäftigt werden sollen. Lodz, 6. Sept. Wie Sie aus meinen früheren Berichten ersehen, existirt hier seit ca. sechs Jahren eine Handwerkerschule unter dem Namen „Talmud-Thora." Dieselbe konnte sich aber nicht gut entwickeln, weil sie kein entsprechendes Lokal besaß. Diesem Uebel ist jetzt abgeholsen durch die Spende der Siegmund Jarorinskischen Eheleute (80,000 Rubel). Vorige Woche fand unter Betheiligung der örtlichen Honorationen, wie Bürgermeister, Polizeipräsident und Director der Kreisschulen, die feierliche Grundsteinlegung zu dem imposanten Bau an der Szedcria Straße statt. Ich will es nicht unerlvähnt lassen, daß auf genannter Straße die Jacob Herz'schen Eheleute einen Bau für die jüdische Schule armer Mädchen „Ochronka" aufführen ließen. Frau Ernestine Ginsberg baut ein Wittwenasyl und Herr Maximilian Goldfeder billige Arbeiterwohnungen. — Wie aus Witebsk (Wolhinien) geineldet wird, hielt der Eommandeur des 16. Armeekorps, General Botianvw, gelegentlich der Verabschiedung eines Regiments der dortigen Garnison, das die Reise nach China antrat, eine Ansprache, die unter anderem folgenden Passus enthielt: „Hebräer! Es heißt von Euch, daß Ihr Euer Leben zu sehr schont. Das ist nicht wahr. Ich habe gesehen, wie tapfer sich Juden im Kaukasus geschlagen haben. Von Euch hängt es ab, uieine Worte im ersten Kampfe wahr zu machen. Wenn beim Abschiede auch -manchem von Euch eine Thr'äne über die Wange fließen mag, so ist das keine Thräne der Trauer, sondern der kriegerischen Freude, daß Euer Regiment an einein Kriege theilnehmen wird, von dem man sagen kann: Gott strafe den Urheber." Ein stürmisches Hurrah war die Antwort der Truppen auf diese kernige Ansprache des Generals. L. Persien. Doberan. Der Schah befindet sich in Europa, und diese Gelegenheit sollten die europäischen Juden, insbesondere die Allianee iSr. benützen, um dem Herrscher von Persien das elende LooS der persischen Juden zu schildern und sein Eingreifen zu erbitten. Hierzulande herrscht gegenwätig Hungersnoth und es sind wieder die Jriden, die am nieiften zu leiden haben. Die aufgeregte Bevölkerung von Teheran hat einen Aufstand gegen den Gouverneur wegen der Brodvertheuerung inscenirt, hat den Divan erstürmt und zerstört und sogar der bewaffneten Macht einige Zeit Widerstand geleistet. Schließlich ist der Aufstand unterdrückt worden, aber gegen die Juden dauert die Gährung fort. Seit 60 Tagen müssen unsere Kausleute ihre Läden geschlossen haben, und die Regierung, obwohl sie nicht böswillig ist, ist zu schwach, um diesen traurigen Zustand zu ändern. Man kann sich nicht wundern, daß abermals die Auswanderung be-- ginnt. Dieselbe richtet sich nach Palästina und Constantinopel. Einige zwanzig Familien sind bereits abgereist und eine große Anzahl anderer löst ihre Geschäfte auf und verkauft ihre Häuser, um diesem Beispiel zu folgen. Auch in anderen persischen Städten ist die Situation nicht besser. Aus Barforuch Schiras und Buschir kommen jedenfalls schlechte Nachrichten, und es .hat bisher noch nichts geholfen, daß auf die Intervention des Direktors Cazes hin Moschir-Daulat dem Gouverneur von Barforuch bessere Behandlung der Juden vorgeschrieben hat. Nur persönliches Eingreifen des Schah kann uns helfen, und zu solchem Eingreifen sollten denselben die europäischen Juden zu bewegen suchen.

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