Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 74 (13.9.1900)
- Date
- 1900-09-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1521 Budapest. (Anklage gegen ein antisemitisches Blatt.) Die Staatsanwaltschaft hat gegen den „Allotmany" wegen eines in den letzten Tagen unter dem Titel „Der Judenstern" erschienenen Artikels, welcher unerhörte Ausfälle gegen die Juden und die jüdische Konfession enthielt, auf Grund des Paragraphen 172 des Strafgesetzbuches wegen Auf reiznng gegen eine Konfession den Strafprozeß einge leitet. Prag. Der vor einigen Tagen erfolgte Tod oes Schachmeisters Wilhelm S t e i n i tz ruft die Erinne riiug aaran lvach, in wie eigenartiger Weise er als Knabe das Schachspiel gelernt hat. Der junge Steinitz war Schüler der jüdischen «^iemeindeschule in Prag, in der neben den religiösen Lehrgegenständen auch in Deutsch. Geschichte und Geographie unterrichtet wurde. Ta er ein sehr fleißiger und begabter Schüler war, ins besondere die besten deutschen Aufsätze machte, so wurde ihm daiiir der Borzug zu theil, dem Schachspiele Zusehen zu dürfen, dem der dainalige Prager Oberrabbiner zusammen mit dem ersten Rabbinats-Affessor sehr gern oblag. Dies war für Steinitz ein seltener Genuß, lveil oie beiden gelehrten und viel beschäftigten Herren sich nur am Rosch Chodesch. also alle vier Wochen, einmal rem Sviele Hingaben. Da ans diese Weise eine Partie ,ist Monate lang dauerte, hatte der Knabe Gelegenheit, sein Gedächtniß zu üben. Gr wußte jedesmal nach vier w'üchentlicher Unterbrechung, welches die Stellung der beiden Gegner war, und er that sich nicht wenig darauf zu Gute, wenn er den gelehrten Herren hierin zu Hilfe tommen tonnte. Auf diese Weise lernte der junge Steinitz aas Schachspiel. F r a n t r e i ch. Paricch 12. Sept. Dieser Tage hat, wie bekannt, die Bertheiluug der Ausstellungspreise stattgefunden. Dabei sind auch vielen jüdischen Firmen ihrer hervorragenden Leistungen wegen Auszeichnungen zu Theil geworden. Dieser Umstand hat die ganze antisemitische Presse in helle Wuth versetzt. Der Handelsminister Milleraud, der stets bestrebt ist, die Republik und ihre Grundsätze gegen die wüsten Angriffe der Nationalisten und Antisemiten zu vertheidigen, wird von den französischen Parteigenossen des Herrn Liebermann von Sonncnberg in schmutzigster Weise beschimpft und verleumdet. England. London. (D i e Inden in Jap a n.) In Kobe lebt eine größere Anzahl Juden, welche in einer Versammlung beschlossen haben, eine eigene Synagoge zu bauen. Dieselbe würde aber 700 Pfd. St. kosten, eine Summe, tvelche für die nur 600 Köpfe zählenden Inden in Kobe unerschwinglich ist. Daher wandten sie sich an die Inden in Nagaski und Jokohama in Japan, sowie an die von Shanghai und Hongkong in China um ihren Beistand. Alle anderen fremden Religionen , haben in Kobe ihre Kirchen, die Juden aber besitzen keine Synagoge, und durchreisende Juden, welche auf dem Wege von Europa oder Amerika Kobe berühren und die Synagoge besuchen wollen, miisten zu ihrer unangenehmen Ueberraschung hören, daß es eine solche in Kobe nicht gibt. In Kobe selbst wurden bisher zum Synagogenbau 140 Pfd. St. aufgebracht. Rußland. Petersburg. Im russischen Ministerium des Innern ist, wie die „Nolvoje Wremja" zu melden weih, eine „jüdische Abtheilung" errichtet worden, in welcher alle auf die Juden Bezug habenden Angelegenheiten ihre «Erledigung finden sollen. Wie die Geschichte des russischen Judenthums lehrt, ist eine solche Abtheilung in Rußland lein Novum mehr. Zu verschiedenen Zeiten wurden in Rußland unter den mannigfaltigsten Benennungen spezielle Bureaus errichtet, in welchen die jüdischen Angelegenheiten concentrirt wurden; immer aber erledigt ein solches Bureau, Comitee oder Abtheilung nicht allein die laufenden Angelegenheiten, sondern befaßte sich nebenbei mit wichtigen prinzipiellen Fragen, und gar manches tiefeinschneidende Gesetz ist im Schoße eines derartigen Bureaus entstanden. Der letzten Institution dieser Art, dem „Hauptcomitee zur Einrichtung der Juden." welches boni Jahre 1847 bis 1868 bestanden hat, haben die Inden alle die segensreichen Erleichterungen in Bezug auf Freizügigkeit der jüdischen Gelehrten und Handwerker zu verdanken, welche selbst die Vvn Jgnatielv eingeleilete jndenfeindliche Strömung überdauert haben. Daher begrüßen die russischen Juden die Wiedererrichtung der jüdischen Abtheilung mit Freuden unb hoffen, daß sie die ihr zu Theil gewordene wichtige Aufgabe mit Wohlwollen und den wahren Bedürfnissen eines großen Weltreiches entsprechend lösen > wird. T. MocKnn. Am 12. August starb in einem Dorfe nahe von Moskau der Philosoph Prof. Wladimir Sergejewitsch S o l o w j c w. Obgleich der große russische Denker kaum 2.7 Jahre alt geworden ist, nahm er dennoch in der russischen uüssenschastlichen Welt einen hervorragenden Platz ein. Ein tiefer origineller Denker, lvar er von einem glühenden Eifer für Wahrheit und Recht durchdrungen, der ihn antrieb, sich auch in die jüdische Litteratur zu vertiefen. Unterstützt von großer Begabung war Solowjew bald der hebräischen Sprache vollständig mächtig, so daß er den Talmud im Urtext studiren konnte und auch fleißig zu studiren pflegte. Seine tiefen Kenntnisse des Judenthums veranlaßen ihn, im ^lereine mit seiner Liebe für Wahrheit und Recht, für die in Rußland verfolgten und von einer schlechten Presse arg verleumdeten Juden bei jeder sich darbietenden Gelegenheit einzutreten. Berühmt sind seine Schriften „Das Judenthum und die christliche Frage," „Der Talmud und die jüngste polemische Litterahtr über denselben in Oesterreich-Ungarn," sowie seine Streitschrift gegen Diminsky, den Rohling Rußlands.