Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 73 (10.9.1900)
- Date
- 1900-09-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1503 abhängig von der Vernachlässigung der Thora," lehrt Raba und nach anderen Rab Chisda im Talmud (Berachoth Fol. 6a). Was aber hier von jedem Einzelnen gesagt ist, trifft in noch viel höherem Grade bei der großen Gesammtheit zu, die füglich doch aus lauter Einzelnen sich zusammensetzt. Wenn sie von Leiden heimgesucht wird, so hat sie die Quelle nicht in äußeren politischen und socialen Krisen und wirthschaftlichen Mißverhältnissen, sondern immer bei sich selber zu suchen und zu finden. Aber wenn man nichts findet? Es gibt heute leider sehr wenig Leute, die gewissenhaft ihren Lebenswandel untersuchen, um da, wo es fehlt, die bessernde Hand anzulegen. Aber auch unter denjenigen, welche dieser weisen Mahnung folgend, ihr Thun und Lassen einer prüfenden Untersuchung unterziehen, gibt es sehr wenige, die etwas zu verbessern finden. Die Meisten begnügen sich damit, daß sie nicht besser und nicht schlechter sind, als ihre Umgebung. So unersättlich und unzufrieden diese Leute sind, wenn sie noch Jemanden neben sich oder über sich sehen, der an Geld und Gut mehr besitzt, als sie, so genügsam und selbstzufrieden sind sie hinsichtlich ihrer sittlichen Qualifikation. Wie könnte man sonst auch sein Leben Revue passiren lassen, ohne etwas zu finden, das der Besserung oder doch der Nachhilfe bedürftig wäre? Wenn aber trotzdem so Wenige etwas zu bessern finden, so liegt die Ursache dieses Nichtfindens in der Vernachlässigung der Thora und in der daraus erwachsenden Unkenntniß dessen, was uns fehlt und noth thut. Ist somit die heitere oder ernstere Gestaltung unseres äußeren Lebensgeschickes der sichere Maßstab für die Treue oder Untreue, mit der wir zu unserer Lebenspflicht stehen, wie muß es dann um ihre wirkliche Erfüllung so traurig bei uns bestellt sein, wenn Gottes uns erziehende Vorsehung die schweren Schicksalsschläge sendet, an welchen gerade das scheidende Jahr so ungewöhnlich reich war! Man braucht nur die Worte Rumänien, Galizien, Polna, Rennes und Könitz zu nennen, um jeden weiteren Nachweises enthoben zu sein für die ungewöhnlich harten Katastrophen, welche die europäische Judenheit in der jüngsten Zeit heimsuchten. Dazu kommen die allgemeinen Kalamitäten, die Kriege, die ungewöhnlichen Verheerungen, welche entfesselte Naturmächte ganz besonders in diesem Jahre angerichtet und so den Wohlstand ungezählter Tausende hinweggeschwemmt haben, die schweren Krisen im geschäftlichen Leben und eine Anzahl anderer Momente, an welchen die Juden noch mit allen anderen Völkern partizipiren, um uns den besonderen Ernst unserer Zeit so nachhaltig zum Bewußtsein zu bringen, daß auch der vollendete Leichtsinn ihn nicht in Abrede zu stellen vermag. In solch schweren, ernsten Zeiten ist die Pflicht der Rückkehr zu Gott und der von ihm gebotenen Lebensnorm, eine Pflicht der Selbsterhaltung für den Einzelnen, wie für die Gesammtheit. Nicht nur die Erfüllung unserer Lebenspflicht, auch die Rückkehr zu ihr, wenn wir uns von ihr entfernt haben, rcnwi roxo, ist eine göttliche Vorschrift der Thora. In unserer Zeit, in der nim die Vernachlässigung der Thora und die Unkenntniß ihrer Gebote so große Dimensionen angenommen hat. daß Vielen die bloße Kenntnis; der jii dischen Lebenspflichten und somit das Bewußtsein ihrer Verletzung ganz abhanden gekommen ist, in unserer Zeit ist diese Selbstprüfnng schwer und für Viele säst unmöglich. Wir glauben uns daher den Dank Derjenigen zu sichern, die dem Ernst der Zeit und der Mahnung des Elulmonats Rechnung tragen möchten, wenn wir ihnen mit einigen Winken an die Hand gehen, um einen Maßstab zu gewissenhafter Selbstprüfung zu erlangen und ihn mit Erfolg an unser Thun und Lassen anznlegen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correfporrdenren. Deutschland. Berlin, 6. Sept. Die jüdischen Kolonien in Palästina dürfen abermals auf einen glänzenden Triumph, ja, den glänzendsten, den sie bisher errungen haben, verweisen: wie man ans Paris mittheilt, hat die Preisjury der Weltausstellung die Weine der Kolonieen mit der goldenen Medaille, die von denselben ausgestellten verschiedenen Früchtearten mit der silbernen Medaille ausgezeichnet. Diese Anerkennung seitens eines Eol legiums der berufensten, sicherlich völlig unbefangenen Beurtheiler ist ein wahrhaft großartiger Erfolg, der nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Gestaltet sie sich zunächst zu einem Ehrenzeugniß für die Tüchtigkeit der jüdischen Bauern und für die hervorragende landwirthschastliche Eignung des heiligen Landes, so bildet sie zugleich einen Ansporn und eine Ermuthigung zur kräftigen Fortsetzung der auf die Kolonisation Pa lästina's gerichteten Bestrebungen, deren Erfolgen und darum Unterstützungswürdigkeit Voreingenommenheit und Skepsis in gewissen Kreisen noch immer nörgelnde Zweifel entgegenstellen. Berücksichtigt man, unter wie wenig günstigen Voraussetzungen die Kolonien in den Welt-Wettbewerb eingetreten sind, daß die jungen, kaum mehr als eineinhalb Jahrzehnte alten Kulturen mit längsterprobten, durch wohlbegründeten Ruf bevorzugten den Vergleich ausnahmen, so wird die ihnen trotzdem zu Theil gewordene Ehrung als vollgültiger Beweis dafür gelten dürfen, daß die Erzeugnisse der jüdischen Dörfer Palästina's jede Konkurrenz erfolgreich aushalten können. Berlin, 8. Sept. Die Konitzer Afsaire hat allerlei bedenkliche Nebenerscheinungen gezeitigt. Dazu gehört die Thatsache, daß antisemitische Organe in der Lage sind, nach dem amtlichen Aktenmaterial, das doch geheim