Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 73 (10.9.1900)
- Date
- 1900-09-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1502 Mafien, ui i t diesen Tagen zu uns spricht, in ergreifende Symbole zu fassen! Wie damals, als in der Wüste vor Jahrtausenden die Almen ihre Bestimmung verkannt, ihren Gott verleugnet und einen Götzen an Seine Stelle gesetzt hatten, wie damals es der Schofarruf war, der die Verwirrten zur Besinnung und die Verirrten zur Wahrheit zurückrief, so klingt noch heute alljährlich dasselbe Gottessignal früh und spät, sobald im Kreislauf der Tage der erste Elul iviedcr seinen Einzug hält, bis er uns verläßt. Fast ein Jahr ist dahingcgangen, seit wir ihn zum letzten Male gehört. Es war in der Scheidestunde des Jomkippur. Fastend, feiernd hatten wir im Gebete vor Gott damals um seine Gnade und Sühne, sein Erbarmen und seine Langmuth Nachts und Tag, bis zum sinkenden Abend gerungen und hatten sie gefunden. Damals hatten wir es uns gelobt, fortan keiner anderen Mackst auf Erden eine Gewalt über uns einzuräumen, und die Sünde hatte ihren Reiz, und die Sorge des Tages hatte ihren nagenden Schmerz verloren. Fastend, feiernd, losgelöst von allem Süßen und Herben der uns umflutbenden Welt, schien uns das Gute und Rechte so selbstverständlich und leicht, und das Schlechte so häßlich und gentein, daß lvir die Schlvingen tvachsen fühlten, die uns höher, immer höher zu Gott u. seiner Pflicht emporhoben, daß die Bleigewichte ihre Schwere verloren, mit der sic uns sonst hinab in den Pfuhl der Entartung werten. Unfern festen Entschluß, diese Seelenstimmung der Nöilastundc zur Signatur des ganzen neu angetretenen Jahres, des neuen von Gottes Gnade erbetenen Lebens zu machen, diesen Lebensvorsatz kleideten '.vir vor der geöffneten heiligen Thoralade in die Worte: x-i st: m ,'sn st ti daß Gott allein Gott sein soll, daß der Gott, dessen Erbarmen >vir die neue Spanne des Daseins verdanken — nie — uns allein die Norm für die Art und Weise ihrer Ausführung sein werde. — p~n nc — Die Besiegelung aber und die Bestätigung aller dieser vor Gottes heiliger Thora und in der Gegenwart der ganzen Gemeinde gefaßten Entschlüsse und Vorsätze bildete die letzte Tokio, in welche der Tag der Versöhnung austlang. Wer könnte sie nach fast Jahresfrist in den letzten Tagen des scheidenden Jahres wieder hören, ohne die inahnende Frage herauszufühlen, die nach dem Stand alles dessen frägt, was lvir uns damals gelobt. Sind wir besser, braver, tüchtiger, frommer geworden, wie ivir's uns damals fest vorgenommen haben? Sind nur in der nun hinschlvindenden Jahresspanne reicher gelvorden an Kenntnissen. Wahrheiten u. Erfahrungen, und ärmer geworden an Jrrthiimern, Verkehrtheiten, Leichtsinn und Dünkel, kurz an allen jenen Ausgeburten der Leidenschaften, die uns den Weg zum Guten und Rechten verlegen und den zur Sünde erleichtern? Haben wir einen Schritt vorwärts gethan in der Erziehung unserer Kinder, um sie zu Menschen, Juden heranwachsen zu sehen, an ivelchen Gott und alle braven Menschen einst ihre Freude haben können? Ist in unserer Familie, ist in unserer Gemeinde alles so bestellt und besorgt, daß wir zu Gott emporblicken und ohne Erröthen sagen dürfen: iL'pv'i '.:bv no wry „Wie haben das unsere gethan, jetzt schaue Du gnädiglich auf uns herab und gib uns Deinen Segen?" Wo ist der Mann, wo ist das Weib, das alle diese Fragen zuversichtlich bejahen könnte? Und wenn wir uns hundert Mal selber täuschen und uns bereden möchten, wir hätten überall und allezeit unsere Pflicht voll und ganz erfüllt, die Wirklichkeit straft uns Lügen. Das scheidende Jahr hat uns Juden so viel Ernstes, Herbes und Schweres gebracht, daß wir uns zuversichtlich sagen müssen: Wären wir, was wir sein sollten, es bedürfe dieser schweren, vielfachen Züchtigungsmittel nicht, um uns zur Besinnung zu bringen und uns dem verlassenen Pfade der Pflicht wieder zuzuführen. Unser Geschick und unsere Lebenspflicht sind so eng mit einander verknüpft, daß das eine zu jeder Zeit einen Schluß auf das andere gestattet, ja erfordert. Wenn wir Feinde haben, wenn uns schwere Bedrängnisse heimsuchen, so haben lvir es ganz sicher an der treuen Erfüllung unseres Lebensberufes fehlen lassen. 2'2T22 B*Ntt!l &W2:2 TV"! HllfC 21*13 17 121 Diese Wahrheit wird in der Thora ausgesprochen, wird von den Propheten wiederholt und kehrt in den anderen heiligen Schriften des Gotteswortes wieder. Von den zahlreichen Stellen, welche diese Wahrheit unzweideutig aussprechen, mögen hier nur einige wenige folgen: „Gott sprach zu Moscheh: Du begibst dich nun wieder zu deinen Vätern, aber dieses Volk wird sich erheben und den fremden Gottheiten des Landes nachhängen, in dessen Mitte es dorthin kommt und wird mich verlassen und meinen Bund brechen, den ich mit ihm geschlossen. Um diese Zeit wird dann mein Zorn gegen es entbrennen, ich werde es verlassen, werde mein Antlitz ihm verbergen, so daß es der Vernichtung verfällt und viele Leiden und Nöthen es treffen. In solcher Zeit wird es dann sagen: „Fürwahr, weil mein Gott nicht in meinem Innern ist, haben mich diese Leiden getroffen." (6. B. M., Cap. 31, V. 16. 17.) „Es züchtigt dich deine eigene Schlechtigkeit und deine Entartung ist deine Zurechtweisung. Erkenne es doch und sieh es ein, daß es bös und bitter ist, wenn du Gott, deinen Gott verlässest und du die Furcht vor mir nicht kennst, so spricht mein Herr, der Gott der Heerschaaren." (Jeremia Cap. 2, V. 19.) „Möchte mein Volk auf mich hören. Israel in meinen Wegen lvandeln, wie rasch würde ich ihre Feinde demüthigen und über ihre Dränger meine Hand walten lassen!"' (Psalm 81, V. 14. 15.) „Wenn ein einzelner Mensch sieht, daß Leiden über ihn kommen, so untersucht er seine Handlungen. Hat er sie durchsucht und hat nichts gefunden, so mache er es