Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 73 (10.9.1900)
- Date
- 1900-09-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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f 4L Jahrgang. M -6 Der Israelit. Ein Kentrak-Hrgan für das orthodoxe ZudenIHum. Begründet von Dr. Lehursnn in Montag, den 10. September 5660 (1900)« leitender Artikel. L<ul-Betrachtuugen. I. Das Jahr geht jii Ende. früher als sonst erinnert uns Heuer der herbstliche Charakter der Jahreszeit an dieses Ende, dem die ganze uns umgebende Natur entgegen eilt. Die Sonne, die ihre letzten Gluthstrahlen aus ihrer Höhe uiedersrndet, der Vogel, der seine zweite bessere Heimath aussucht, die Früchte, die ihre Reife bereits erreicht haben oder ihr entgegen streben, die Blume, die ihren letzten Schmelz ablegt, die Stürme, die über die Stoppeln rasen, alle predigen sie das Ende. Der Jude ist eben unter allen der einzige, der sich nicht darauf beschränkt, diesen Ernst in einem sentimentalen, schwärmerischen Weltschmerz auszuhauchen. Er hat ihn in feinem Kalender verewigt. Sein Bolk ist unter allen Nationen das einzige, das mit der Vollendung und dem Ende aller Gebilde der Natur auch Vollendung und Ende seines bürgerlichen Jahres feiert. Natur und Geschichte reichen sich bei ihm die Hand, um ihn nachdrücklicher als andere an dieses Ende zu mahnen. In diesen Sagen stand vor Jahrtausenden sein Vott selber vor seinem jähen Ende, kurze Zeit, nachdem ihln Gottes Allmacht die ägyptische Sklavenfessel gebrochen und ihm Freiheit und Gesetz gegeben hatte. Kurz nach Seiner Offenbarung hatte Ihn der Kreis, dem er Sich offenbart hatte, verleugnet. Vierzig Tage, während welcher der Führer sein Volk verlaffen hatte, um ihm in den Tafeln des Gesetzes das Unterpfand der vollzogenen Verbindung zwischen Gott und Israel zu bringen, genügten, um an Gottes Stelle das goldene Abbild eines Gras fressenden Thieres zu setzen. Aiu siebenten Siwan, unmittelbar nach der göttlichen Offenbarung am Sinai, war Moscheh emporgestiegen, um die beiden Tafeln zu empfangen. Nach 40 Tagen, am 17. Tamus, kehrte er zurück und sah sein Volk das goldene Thier-Idol durch Reigen und Tänze feiern. Er zerbrach, verzweifelnd an der Zukunft seines Volkes, die Vundestafeln, vollzog die strafende Sühne an den Schuldigen und eilte Tags darauf, am 18. Tamus, wieder zur Sinaihöhe, um durch seine Fürsprache den verdienten Untergang seines Volkes abzuwenden. Soweit Menschen sehen und urtheilen konnten, lvar die Sendung dieses Volkes und damit auch sein Dasein zu Ende. Sein Beruf, das Gesetz Gottes der Menschheit zu bringen und durch alle Zeiten und Zonen zu tragen, war verfehlt, nachdem er kaum begonnen hatte. Konnte einem Volke, das sich so vergesien und sich so schwer vergangen hatte, Gott sein Theuerstes zum zweiten Male anvertrauen? Vierzig Tage rang daher Moscheh im Gebete vor Gott für sein Volk; vom 18. Tamus bis zum letzten Tage des Abmonats. Als nun auch das Volk die Größe seines Unrechts, die Verleugnung seiner Vergangenheit, den Verlust seiner Zukunft und die Trostlosigkeit der gegenwärtigen Lage in ihrem ganzen Umfang erkannte und sich in reuiger Zerknirschung über das Geschehene, fastend, trauernd, weinend an Gottes Erbarmen wandte, ließ sich Gottes Gnade erbitten, dem Volke zum zweiten Male die Tafeln seines Gesetzes anzuvertrauen. Das war am ersten Elul. Mit ihm stieg Moscheh zum dritten Male zur Sinai-Höhe empor und kehrte nach 40 Tagen, am 10. Tischri, wieder zurück mit dem wiedergewährten Unterpfand der verscherzten, aber nun wiedererlangten Gottesgnade und der tröstlichen göttlichen Zusicherung voller Sühne und Verzeihung alles Geschehenen. Seitdem ist der Elulmonat und sind die Tage vom ersten Elul bis zum 10. Tischri pm rem -reine Zeit des besonderen göttlichen Erbarmens und Wohlwollens geworden. Und wie hat die jüdische Sitte es verstanden, den Ernst, der aus Natur und Geschichte i n diesen