Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 72 (6.9.1900)
- Date
- 1900-09-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449117--51511-2502024- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1450 der im Tractate Jadaim niedergelegten Lehre der Rabbinen, dass „vor dem Npeisegenusse die Hände gewaschen werden sollen, gleichviel, ob sie eine äusserlicli sichtbare Beschmutzung dureh eine der gewöhnlichen Ursachen der Verunreinigung erfahren haben oder ob es dem Auge verborgen ist, dass die Hände unrein sind!" Eine Beachtung dieser, sowie vieler anderen religiösen Vorschriften liegt darum so sehr im Interesse der Erhaltung unserer Gesundheit, dass gerade Magenkranke sich unter keinen Umständen ihr entziehen sollten. Wie den Händen muss aber auch der Ptiege des Mu des geeignete Sorgfalt angewandt werden Dieser hygienischen Forderung spricht auch die Religion das Wort, indem sie gebietet, zumindest „früh Morgens beim Erwachen“ den Mund mit Wasser zu reinigen. Wenn, schon Gesunde diese Weisung befolgen sollten, um wie viel mehr gilt dies für Magenkranke! Gerade bei Magenkranken findet nämlich im Munde infolge der abnormen Gährungs- und Zersetzungsprozesse und der schlechten Verdauung der Speisen eine Anhäufung von Unreinigkeiten statt, welche dem Gaumen, der Zunge und den Zähnen anhaften und den besten Nährboden für Pilzwucherungen bilden. Diese beeinträchtigen ihrerseits den Geschmackssinn, setzen den Appetit herab und geben, verschluckt, zu starken Störungen der Verdauung Anlass. Um diese unangenehmen Folgen zu vermeiden, sollen Magenkranke es nicht unterlassen, ihren Mund öfters und zumal vor und nach jeder Mahlzeit mit frischem Wasser auszuspülen Die Reinhaltung des Mundes dient aber gleichzeitig der ('onservirung der Zähne, welchen jene für die Verdauung so höchst wichtige Funktion, die Zerkleinerung der Speisen, zufällt. Die Bedeutung, die dem ordentlichen Kauen der Speisen zukommt, kann nicht hoch genug angeschlagen werden. Ist es doch eine der Grundlehren der Diätetik, die Speisen nicht hastig zu verzehren, sondern sie gut zu kauen; gut gekaut, ist halb verdaut.*) Während des Rauens gesellt sich nämlich den Speisen der Speichel zu, der bereits im Munde auf gewisse Nährstoffe, die Kohlehydrate, seine verdauende Wirkung ausübt, indem er sie in eine leichter lösliche Form überführt; es ist ferner erwiesen, dass die Speisen, je besser zerkleinert sie sind, desto weniger den Magen belästigen und desto leichter dem Einflüsse der Magensäfte, weil sie ihnen eine grössere Oberfläche darbieten, ausgesetzt werden. Es ist daher auch hygienisch richtig, *) Denselben Sinu hat der talmudische Ausspruch: Zerkaue mit den Zähnen, und Du wirst, es in den Fersen spüren. Sabb. 15. wenn die Religion lehrt, die Speisen nicht nach Art von Thieren zu verschlingen: „rohe, nicht genügend zermalmte Speisen sind dem menschlichen Organismus ebenso schädlich wie Gift,“ so sagt Maimonides. Und mit Recht! Denn schlecht gekaute Speisen werdenfim Magen und Darm schlecht verwerthet und verursachen Magenbesch werden. Darum sind auch alle jene Momente, welche geeignet sind, den Kauakt zu stören, fernzuhalten. Magenkranke sollen während der Mahlzeit ganz bei der Sache sein und ihre Aufmerksamkeit nicht auf andere Dinge lenken, da sie dann aus Versehen schwerer verdauliche Theile der Nahrung gemessen und die Speisen nicht genügend zerkleinern könnten. Die Angewohnheit vieler, während der Mahlzeit sich mit Zeitunglesen oder einer andern Lektüre zu befassen, ist darum nicht genug zu verdammen; dasselbe gilt mehr oder minder auch von Unterhaltungen, die während der Mahlzeit geführt werden. Wie treffend ist darum die alte talmudische Vorschrift, während des Essens nicht zu sprechen! Da das Kauen der Speisen, wie wir gesehen, in dem Verdauungsakte eine so wichtige Rolle spielt, ist es füglich auch als eine Forderung der Hygiene zu betrachten, für die Erhaltung und Pflege der Zähne zu sorgen. Nichts aber schadet mehr den Zähnen, zerstört ihr Gefüge schneller als die Einwirkung von Säuren, als zu hohe oder zu niedere Temperaturgrade und zumal der rasche Wechsel von heissen und kalten Nahrungsmitteln. Die Zähne werden dadurch in ihrer obersten Schicht, im Schmelz, rissig und verfallen, wenn dies einmal geschehen, sehr leicht der Fäule. Dieselben Momente, welche so unheilvoll für die Struktur der Zähne sind, vermögen auch indirekt den Kauakt zu beeinträchtigen. Zu scharf gewürzte, zu hoch oder zu niedrig temperirte Speisen erzeugen im Munde ein unangenehmes, oft recht schmerzhaftes Gefühl, und, um dieses schnell loszuwerden, werden die Speisen hastig verschlungen, ohne genügend zerkleinert worden zu sein. Fast mehr noch als auf den Kauakt wird auf den Verdauungsakt im Magen durch die genannten Schädlichkeiten ein ungünstiger Einfluss ausgeübt, ein Einfluss, der sich natürlich bei geschwächten, empfindlichen Verdauungsorganen desto stärker bemerkbar macht. Allzu scharfe Säuren und Gewürze, zu hohe und zu niedere Temperaturgrade bilden für die Magenschleimhaut einen starken Reiz und sind im Stande, die Absonderung der Säfte zu hemmen und die Bewegungsfähigkeit der Magenmuskulatur zu vermindern. Es ist ja bekannt, dass zu scharf gewürzte Speisen einem wie Blei im Magen durch längere Zeit liegen