Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 72 (6.9.1900)
- Date
- 1900-09-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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daß, als im Jahre 1886 der damalige Cultusminister ein mii königlicher Bestätigung versehenes Circular erließ, wonach im Interesse der pünktlichen Matrikelführung jede Gemeinde innerhalb eines Präklustvtermins verpflichtet wurde, einen solchen Rabbiner anzustellen, der eine ungarische Schule absolvirt hat, da sonst dem Obergespan das Recht zustehen würde, den matrikelführenden Seelsorger zu ernennen — kein Obergespan von diesem Rechte Gebrauch machte, außer Banffy. Er hat zwei wackere ungarische Rabbiner ernannt: in O-Radna und Magyar-Lapos. Es war allgemein im Comitate bekannt, daß der Obergespan sich auch pflichteifrig und wohlwollend mit den Angelegenheiten der Juden befaßte. Er kannte keinen Unterschied zwischen Bürger und Bürger, und er sagte dem gegenwärtigen Also-Kubiner Rabbiner Horowicz, als dieser zum ersten Male seine Aufwartung bei ihm machte, unter Anderem Folgendes: „Ich bin Calviner, der Jude bleibe Jude, beide müssen jedoch wissen, daß sie Ungarn sind." Er hielt besonders viel auf die warme Anhänglichkeit der Juden an die Sache des Ungarthums und „er empfahl die politische Zuverlässigkeit der Juden seinem Nachfolger sehr warm," der gewiß diese Ueberzeugung seines hohen Vorgängers für vollkommen berechtigt hält. — Bevor Baron Banffy Obergespan wurde, konnten die Juden kaum ihr politisches Stimmrecht zur Geltung bringen, denn die sächsischen Gemeinden legten ihnen diesbezüglich alle erdenklichen Hindernisse in den Weg, die jedoch mit dem Erscheinen des Baron Banffy wie auf einen Zauberschlag verschwunden waren, und seitdem genießen auch die Juden im betreffenden Comitat alle jene politischen Rechte, die einem freien Bürger zukommen. Im Jahre 1886 erließ Baron Banffy im Komitat Bistritz-Naszod eine Verordnung, wonach in amtlichen Dokumenten die Juden als solche nur in die Rubrik „Religion" einzutragen seien, ihre Nationalität aber, wenn sie ungarische Staatsbürger sind, ohne Rücksicht auf ihre Sprache, immer als „ungarisch" zu bezeichnen sei. Das „Siebenbürger deutsche Tagblatt," welches bekanntlich nicht gar sehr zionistisch, respektive semitenfreundlich ist, erhob sich damals zum Schutze der jüdischen Nationalität und zog die diesfällige Competenz des Obergespans in Zweifel. Die Folge dieser unberufenen Einmengung war es wahrscheinlich, daß der vorsichtige Obergespan nachträglich den damaligen jüdischen Seelsorger zu Bistritz um seine diesbezügliche Meinung befragte. Rabbiner Horowicz verzichtete damals im „Pest. Lloyd" auf den freundschaftlichen Schutz der genannten Zeitung und hob hervor, daß die Juden seit der zweiten Zerstörung Jerusalems aufgehört haben, „im politischen Sinne" eine Nation zu sein und auch heute nur als eine religiöse Körperschaft existiren. In diesem Sinne schrieb damals der erwähnie gelehrte Rabbiner mehrere Artikel, die auch in Separatabdruck unter dem Titel: „Die jüdische Nationalität" erschienen sind. Die jüdischen Wohlthätigkeitsvereine hatten schwerlich einen eifrigeren Förderer als Baron Banffy. So figurirt er als größter Spender des Bekleidungs- Vereines für jüdische Schüler in Bistritz, und besonders viel hat ihm auch der dortige isr. Frauenverein zu verdanken. Seine Wohlthätigkeit, seine Freigiebigkeit im Allgemeinen, und die Unparteilichkeit, mit welcher er seine Spenden vertheilte, verschafften ihm einen weiten Ruhm. Als der genannte Rabbiner seine „Licht und Liebe" betitelte Predigt herausgab und sie seinem edelherzigen und wohlwollenden Obergespan widmete, schrieb ihm der damalige Ministerpräsident einen warm gehaltenen Brief, in welchem unter Anderem Folgendes zu lesen ist: „Da ich in Folge Ihrer freundlichen Einladung schon mehrmals persönlicher Zeuge der Wohlthätigkeit des Bekleidungsvereines für arme Schüler war, sah ich mit Freude, daß die jüdische Bürgerschaft von Bistritz, den Erfordernissen der wahren Liebe entsprechend, den Segen der Gutherzigkeit auch auf andersgläubige Arme ausdehnt. Das ist sicherlich der edelste und richtigste Weg zur Eintracht zwischen den verschiedenen Confessionen. Und ich glaube, daß der Löwenantheil an dem Verdienste um die Erwählung dieses Weges der eifrigen Initiative Euer Ehrwürden zu verdanken ist, der Sie auch sonst Ihren schönen Beruf mit Begeisterung und Patriotismus erfüllen." Baron Banffy stand im Rufe eines Muster-Obergespans. Diesen Titel verdiente er nicht nur wegen seiner vortrefflichen Geschäftsleitung, sondern auch wegen seines bewunderungswürdigen Gefühls für Recht und Gerechtigkeit und wegen seiner Hochherzigkeit, die zu den hervorragendsten Zügen seines Charakters gehören. Es gab keine so geringe, unwesentliche Sache, von der er es nicht der Mühe werth gehalten hätte, sich mit ihr eingehend zu befassen. Er hörte Jeden freundlich an und hatte für Jeden ein ermunterndes Wort, einen guten Rath. Bezeichnend ist der vom Herzen kommende Wunsch mancher Dorfjuden: „Wenn nur unser Notär so gut und freundlich zu uns wäre, wie unser geliebter Obergespan'. " Ebenso bezeichnend ist die Erzählung eines Juden aus Borgo, dessen Gesuch der Stuhlrichter in Begleitung einer barschen, mündlichen Rüge zurückgewiesen hat. Tief betrübt ging der arme Mensch zum Obergespan. den die Juden des Comitats wie einen Vater verehrten, und schüttete vor ihm sein Herz aus. Erleichtert kehrte er in sein Dorf zurück. Bald darauf erhielt er eine neue Vorladung zum Stuhlrichter. Zagend trat der arme Jude vor den gestrengen Herrn hin; doch welche Ueberraschung! Der Stuhlrichter drückte ihm warm die Hand und fragte ihn freundlich: „Wie geht's, mein lieber Freund?!"