Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 72 (6.9.1900)
- Date
- 1900-09-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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41* Jahrgang. Erste Aeilage zu M 72 des „Israelit". Leitender Artikel. Kill hschsuiiM llWlll. Aristilklllt II. Staatsmann. Der kgl. ungarische Oberstbofmeister Baron Desider B a n f f y Hai vor einigen Tagen, wie wir bereits kurz berichteten, beim ersten Leiter der Wohlthätigkeitsaetion für die rumänischen Juden, dem jüdischen Kaufmann Paul Sandor einen Besuch gemacht, um „einen lvarmen Händedruck mit dem Manne zu wechseln," der den Wohlthätigkeitssinn seiner Glaubensgenossen und das Humanitätsgefühl Ungarns in schweren Tagen vor Vankbruch geschützt. Eines der angesehensten Blätter „A Het" bringt an leitender Stelle die Illustration dieses Händedruckes und knüpft hieran folgenden Eommentar: In den meisten Fällen — so schreibt die genannte Zeitung — pflegt ein Baron beim Juden Besuch zu machen, wenn er sich von ihm Geld ausborgen will. Baron Desider Banffy, der frühere Ministerpräsident Ungarns, besuchte einen Juden, „um zu zahlen." Nicht seine eigene Schuld bezahlte er, sondern die moralische Verpflichtung seines Nachfolgers im Amte und dessen Kollegen, die nun einmal nicht auf der Höhe der Situation gestanden. Baron Banffy war stets ein Freund und Gönner der Juden. Als liberaler Staatsmann in der umfassendsten Bedeutung des Wortes hat er auch bei jeder Gelegenheit die patriotischen Tugenden seiner jüdischen Mitbürger bereitwilligst hervorgehoben. Er vertheidigte sie vor Angriffen und versäumte es nie, jede gehässige Bewegung im Keime zu ersticken. Er war vom Patriotisinus der Juden versönlich überzeugt und das war für ihn genug bestimmend, sie als vollkommen gleichwerthige „ungarische" Bürger zu betrachten. Und da er auch sonst die herrlichsten Vorzüge eines edlen Mannes in sich vereinigt, ließ er mit sich in solchen Dingen nicht handeln. Vor zwei Jahren hielt Baron Banffy eine fulminante Rede über die Juden, die in der Tagespresse einen mächtigen Widerhall hervorgerufen. Aus Anlaß des oben erwähnten „Händedrucks" reproduzirt nun die „U. W." einen Artikel, der seinerzeit auch im offiziösen Organ der Regierung, im „M. U." erschienen ist. Dieser Aufsatz ist auch heute von sehr aktuellem Interesse und lautet wie folgt: „Ministerpräsident Banffy und die Juden." Die vom Ministerpräsidenten im Abgeordnetenhause gehaltene Rede über die Juden, welche einen glänzenden Beweis von seiner hehren individuellen Auffassung in nationalen und konfessionellen Fragen liefert, sowie die Thatsache, daß er in all jenen Fragen einen idealen, nicht alltäglichen Standpunkt einnimmt, hat überall sehr angenehm berührt. Seitdem haben Staatsmänner und Publizisten in Reden, Leitartikeln und Feuilletons dieses Thema berührt. Alle stellten sich auf den Standpunkt des Ministerpräsidenten, indem sie verkündeten, daß das Ungarthum und das Judenthum nunmehr eine nationale Einbeit bilden und daß bei uns thatsächlich nur eine jüdische Confession existirt. Es wird indessen nicht unintressant sein, wenn ivir bei dieser Gelegenheit die vorurtheilsfreie Denkweise des Cabinetschefs beleuchten und hauptsächlich aus seiner Wirksamkeit als Obergespan jene Momente hervorheben, in denen er auf konfessionelle Fragen auch in der Praxis aus freiem Antriebe die Antwort ertheilte. Als er Obergespan des Comitates Besztercze-Naszod wurde, wohnten wenig Juden im Sitze des Comitats, aber auch ein bedeutender Theil dieser Wenigen bestand aus solchen, die vom ungarischen Staatsgedanken einen recht geringen Begriff hatten. Die Sachsen und Rumänen verheimlichten damals noch, daß auch Bistritz zu Ungarn gehörte. Ungarische Schulen gab es damals dort noch nicht, während in den Lehranstalten der Nationalitäten die ungarische Sprache beiläufig in dem Maße gepflegt wurde, wie man etwa die hebräische Sprache in den reformirten Lyceen cultivirt. Der Rabbinerposten war noch nicht systemisirt, und so ist es erklärlich, warum der damalige jüdische Gemeindevorsteher keine ungarische Begrüßungsrede halten konnte. Trotzdem beanstandete Baron Desider Banffy die bei der feierlichen Gelegenheit gehaltene deutsche Rede, und seine wohlwollende Ermahnung hatte auch den gehörigen Erfolg, denn ein Jahr später hatte Bistritz schon einen ungarischen Rabbiner, dessen Wahl Banffy selbst gefördert hat. Und nach der ungarischen Rede des neuen Rabbiners lobte der damalige Obergespan Baron Banffv mit Worten der Anerkennung die patriotisch fühlenden Juden von Bistritz. „Ich werde — sagte der Obergespan — den Juden nicht nur in weltlichen Dingen Gerechtigkeit widerfahren lassen, sondern sie auch in religiösen Angelegenheiten beschützen. Wegen ihrer Religion werde ich zwischen Juden und Nichtjuden keinen Unterschied machen. Wenn innerhalb meines Wirkungskreises nach dieser Richtung hin noch Hindernisse obwalten sollten, werde ich darauf bedacht sein, daß sie beseitigt werden. Was ich vom ganzen Publikum — abgesehen von der Religion — wünsche, ist, daß wir gleich treu seien unserem theuren Vaterlande." Wie aufrichtig und ernst der illustre Herr diesbezüglich seine Mission aufgefaßt hat, erhellt auch daraus,