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Der Israelit · 1900-09-06 · Heft 72 (6.9.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 72 (6.9.1900)
Date
1900-09-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1479 / Mitte des Promenadenweges der erste Zugang zur Glaswand frei war. Ich strengte meine Augen an, und richtig — durch das grüne Gezweig hindurch sah ich deutlich eine blaue Gestalt bewegungslos durch das Fenster in den Fluß Hinüberstarren. „Spier?" fragte ich leise, zu Meyer hingewendet. Gr nickte und wir schauten uns verständnißvoll an. — Wie lange mochte er hier schon stehen? Nach uns war er nicht gekommen. Das hätten wir hören müssen! Also vor uns! Mir strömte es plötzlich siedend heiß zum Herzen! Spier hatte gehört, er mußte gehört haben. Dem Menschen, der mir als Mitwisser meiner geheimnißvollen Sorge am widerwärtigsten war, hatte ich mit eigenem Munde Alles verrathcn! Er hatte sich gewiß, belastet von seinen eigenen Kümmernissen, auf einige Augenblicke hierher in die Einsamkeit zurückgezogen und war dann ohne Zweifel durch die Stimmen festgehalten worden, die vom Rondel her so wohlbekannt in seine Obren drangen und ihm so merkwürdige Dinge offenbarten. Blitzschnell zog mir das Alles durch das Gehirn und schon drängte ich Herrn Meyer zur Umkehr, um nur dem Menschen, der jeden Moment auf uns zukommen konnte, nicht zu begegnen. „Meine Herren!" Die silberhelle Stimme Eäciliens tönte in diesem Augenblick von der Thüre herab. Dann ein Klatschen mit den Händen und vor uns stand die Schwarzwälder Bäuerin. „Aber meine Herren," wiederholte sie, „wir sitzen Alle schon längst zu Tisch! Bitte, etwas schnell, sonst gibt's nichts mehr! Ah, da sind Sie ja auch!" rief sie dann an uns vorbei den Weg hinunter, „na, Herr Spier, ich weiß nicht, ob nun noch eine Tischdame für Sie übrig sein wird!" „Ich bin meiner Dame sicher, gnädige Frau!" tönte es zu uns heran, und schon stand der reizende Page an unserer Seite, „ich glaube, sie steht vor mir!" setzte er dann hinzu und verbeugte sich tief vor Cäcilie. Hellauflachend nahm sie seinen Arm und stieg an seiner Seite die Stufen hinan. Als wir, langsam hinter ihnen herkommend, den Borraum betraten, waren sie bereits im Saale verschwunden. „Ich gehe!" sagte ich zu Herrn Meyer, „seien Sie so freundlich und entschuldigen Sie mich bei meinem Bruder!" „Ach so!" erwiederte Meyer, „Sie essen ja nicht bei Ihrem Bruder! — Na, den Lachs möchte ich mir aber doch nicht entgehen lassen! Also, nur Muth, lieber Freund, und auf Gott vertraut! Wird schon Alles gut werden!" Er schüttelte mir kräftig die Hand. Als er kaum hinter der Portiere verschwunden war, die zum Saale führte, verstummte drinnen das Stimmengewirr und deutlich drang das äußerst sonore Predigerorgan des Pseudo-Mephisto in meine Ohren. Der Rabbiner sprach seinen Toast. Ä. In der Eisenbahn. Am nächsten Morgen erwartete mich eine große lleberraschung. Als ich nämlich in's Geschäft kam. theilte mir mein Chef mit, ich müsse noch am selben Tage nach Berlin reisen. Zufällig hatte die Morgenpost mehrere Engagements mit großen Berliner Fabrikfirmen in Aussicht gestellt. Jedoch waren die definitiven Abschlüsse, bei denen es sich um große Posten Knöpfe und Quasten handelte, unmöglich par Distanre zu erledigen; sie erforderten durchaus die vorherige Anwesenheit eines Sachverständigen in den Fabriken. Mein Chef wäre wohl selbst gefahren; aber ein plötzlich auftretender schmerzhafter Anfall der quälenden Nierenkrankheit, an der Herr Fromann litt, verbot es ihm. Mit Freuden übernahm ich die verantwortungsvolle Aufgabe: daß ich sie zur Zufriedenheit meines Chefs und zum Vortheil des Geschäftes erledigen ivürde, wußte Herr Fromann. Nebenbei interessirte es mich, einmal die Reichshauptstadt zu sehen. Zwar Ivürde mir kaum so viel Zeit bleiben, mich dorten tüchtig umzuschauen, denn meine Anwesenheit im Geschäft war nicht lange zu entbehren und zudem stand der Festtag vor der Thüre. Aber immerhin, man sah doch einmal, wenn auch nur im Fluge. Berlin, von dem man so viel hörte und las. Es hatte einen eigenthümlichen Reiz für mich. Da die Zeit drängte, mußte ich den nächsten durchgehenden Schnellzug benützen. Er ging kurz nach zwölf Uhr Mittags in M. ab und ivürde mich innerhalb elf Stunden nach Berlin führen. Die geschäftlichen Dinge hatte mein Chef bald mit mir erledigt. Er gab mir über Alles genaue Weisungen und verabschiedete mich in herzlicher Weise bereits um zehn Uhr, damit ich meine persönlichen Vorbereitungen zu der immerhin weiten Reise mit Muße treffen könne. Ich hatte schon die Komtorthüre, die auf den Korridor mündete, halb geöffnet, als mir Herr Fromann nachrief: „Ehe Sie gehen, sprechen Sie doch noch auf einen Augenblick oben in der Wohnung vor. Ich glaube, meine Tochter will Ihnen etwas mitgeben!" Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. In zwei Sätzen war ich oben. „Sie möchten fünf Minuten warten, läßt Fräulein sagen!" Mit diesen Worten öffnete mir das Stubenmädchen die Thüre zum Salon. Was konnte mir Ida Fromann mitzugeben haben? Ihr Vater hatte so geheimnißvoll gelächelt, als er mir eben die Ankündigung machte. Ich ging zwischen den resedafarbenen Polsterstühlen hin und her, grübelnd

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