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Der Israelit · 1900-09-06 · Heft 72 (6.9.1900) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 72 (6.9.1900)
Date
1900-09-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1476 verkommen aufzugeben" — ein Geschlecht, welches durch die unendlichen Leiden und Qualen seiner Altvordern geläutert, vielleicht der Welt zum zweiten Male eine Heilslehre verkünden würde, die Heilslehre von der sozialen Gerechtigkeit, die bis nun überall so schnöde mit Füßen getreten wird und deren Mißachtung die Menschheit an den Rand der moralischen Versumpfung zu führen droht." Ich weiß nicht, welcher wissenschaftlichen Schule Herr Dr. Mandelstamm als Arzt angehört, hier erscheint er als Homöopath, der für alle Gebrechen und Gebresten ein und dasselbe Universalmittel hat: der Zionismus. Das wollen wir uns merken. Die als Ghettojuden bezeichneten Brüder und Schwestern in Rußland mögen sich dagegen merken, daß sie hier als physisch halb verkommen deklarirt werden. Die Thora begnügt sich mit einem halben Schekel; die Zionisten verlangen einen ganzen. Wenn der ganze Schekel demnächst wieder von den Halbverkommenen eingezogen iverden soll, werden sie sich dieser mit so viel Beifall aufgenommenen Rangirung hoffentlich erinnern und die rechte Antwort nicht schuldig bleiben. Salbungsvoll klingt die Mandelstamm'sche Rede in den Ausruf aus: „An dem Tage, an welchem ich die Morgenröthe einer körperlichen und geistigen Gesundung meines Volkes erblicken würde, lvürde ich frohlockend ausrufen: „Ich habe genug gelebt!" Das stimmt für alle Zionisten, denn dann bekäme es selbst Herr Dr. Nordau nicht mehr fertig, alles Grau in Grau zu malen, um die Nothwendigkeit des Zionismus nachzuweisen. Wer aber nicht moderner Zionist ist, der hat dann nicht nur nicht genug gelebt, sondern der möchte dann lieber leben, als jetzt, der möchte dann die Erfüllung der heißen Bitte erleben, mit welcher die redlichen Zionisten alten Schlages ihr Tagwert schließen: -nsr»'- ’.:zh ncwv -rry rr" TfiS» Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. ttonih, 4. Sept. Nachdem schon in den letzten Wochen eine große Anzahl von gerichtlichen Bestrafungen die Ausschreitungen, welche hier gegen Juden begangen worden sind, gesühnt haben, beginnt jetzt eine zweite Phase der Winter'schen Assaire. Die verschiedenen Prozesse, welche unmittelbar an den Mord und die daran sich folgende Untersuchung knüpfen, gelangen jetzt zur gerichtlichen Beendigung. Zunächst steht am 8. September Termin an in der Anklagesache gegen IW raelski. Dann folgt Anfangs Oktober die große Verhandlung gegen Landfriedensbruch und Plünderung der Synagoge, alsdann Mitte Oktober Meineidsprozeste gegen Maßlos, Frau Roß und Speisiger, welche bekanntlich gegen den Fleischermeister Levy ausgesagt hatten, aber sofort wegen Meineid verhaftet wurden. Der Prozeß gegen Jsraelski liegt folgendermaßen: 'Nachdem am 18. März der Körper des ermordeien Winter im See ausgefunden war, fehlten noch verschiedene Körpertheile, davon wurde noch der Kops des Winter am 1ö. April eine halbe Stunde weit von der Stadt in ziemlich gut erhaltenem Zustande ausgesunden, an einer Stelle, wo zur Zeit in einem kleinen Graben nur unbedeutend Wasser stand. Uebereinstimmend war die Anschauung aller Personen, welche den Kopf an der Fundstelle gesehen haben, daß derselbe dort seit ungefähr der Zeit des Mordes unter Eis sich befunden haben müsse, und daher so gut eonservirt sei. Daß derselbe erst vier Wochen nach dem Morde gesunden ivurde, erklärte sich daraus, daß erst seit den, 12. April Thauwetter eingetreten und die Eisdecke geschmolzen war. Diele Anschauung änderte sich schon am nächsten Tage, als der Botenmeister Fiedler sich meldete und vor dem Untersuchungsrichter bekundete, daß er Jsraelski am Eharsreitag, den 18. April, auf dem Wege zur Fundstätte mit einein Sack aus der Schulter gesehen hatte, in dem üch ungefähr dem Umfange nach wohl ein Menschenkops habe befinden können. Jsraelski wurde sofort in Hast genommen, obwohl er Alles leugnete, und inehrere Gesuche seines Bertheidigers, des Rechtsanlvakts Maschke, welcher Haftentlassung beantragte, abschlägig beschieden wurden. Trotz sehr eingehend geführter Untersuchung u. zahlreicher Zeugenvernehmung rückte indessen die Sache Jsraelski nicht von der Stelle, bis vor 14 Tagen das Gericht offenbar von der Nutzlosigkeit weiterer Nachforschungen überzeugt, die llntersuchung beendigte und Termin zur mündlichen Verhandlung aut den 8. September festsetzte. Die Anklage wird vertreten von Staatsanwalt Settegast, die Vertheidigung von Rechtsanwalt Maschke in Könitz und Justizrath von Gordon in Berlin. An Belastungszeugen sind 19 Personen geladen und auch die Bertheidigung wird noch eine Reihe von Zeugen Vorladen. Auch mehrere medizinische Sachverständige sind zur Verhandlung berufen. Für die letztere, welche mindestens einen Tag in Anspruch nehmen dürste, gibt sich bereits ein reges Interesse kund und eine große Anzahl von Berichterstattern der verschiedensten Zeitungen haben sich bereits angemeldet. Leider ist die Befürchtung nicht ganz unberechtigt, daß von antisemitischer Seite für den Verhandlnngstag wieder Krawalle vorbereitet werden. Am Donnerstag, den 88. Aug., hat bereits ein kleines Vorspiel dazu stattgesunden, an dem besonders die Zöglinge der Fortbildungsschule theilgenommen haben. Andererseits ist anzunehmen, daß die Behörden alle Vorkehrungen treffen werden, um gegebenenfalls mit größter Energie einichreiten zu können.

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