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Der Israelit · 1900-09-06 · Heft 72 (6.9.1900) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 72 (6.9.1900)
Date
1900-09-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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mäßig durchführen, bedingt eine auffallend geringe Kindersterblichkeit in den ersten Lebensjahren, und zwar eine viel geringere, als unter der nichtjüdischen Bevölkerung. Alles das hat viele, sogar namhafte Aerzte zu dem Vorurtheil verleitet, daß die Lebensfähigkeit und Fruchtbarkeit der Juden eine Rasseneigenthümlichkeit sei. Alsdann kommt noch die Mäßigkeit der Juden in Speise und Trank, sowie ihre, vom Gesetz anbefohlene Hygiene im Eheleben hinzu, ferner ist die Sorgfalt der Inden für ihre Kranken und die Geneigtheit zu berücksichtigen, mit welcher sie sich einer ärztlichen Behandlung unterziehen und das genaue Befolgen ärztlicher Vorschriften. Dieser Umstand erklärt auch, daß bei manchen Epidemieen, wie z. B. der Cholera, die Sterblichkeit der Juden manchmal eine geringere ist, als die der Nichtjuden. Es ist einem jeden vielbeschäftigten Arzte geradezu ausfallend, wie manchmal wegen eines kranken Kindes, oder eines anderen Familienmitgliedes — Vater, Mutter und womöglich sogar die Großmutter — in sein Konsultationszimmer dringen, wie gerne die Juden Konsultationen mit ärztlichen Autoritäten verlangen und den letzten bitter ersvarten Pfennig dafür hersirecken, im krassen Gegensätze zu der nichtjüdischen Bevölkerung, namentlich der Bauern, die mit geradezu beneidenstverthem, fatalistischem Gleichmuthe ihr Schicksal, Leben oder Tod, erwarten. Der Hauptgrund aber der Widerstandsfähigkeit der Juden war bis jetzt der, daß sie keine Trinker, keine Alkoholiker und von gewissen, durch ein ausschweifendes Leben bedingten ansteckenden Krankheiten nicht durchseucht waren; zwei Uebel, die unter der nichtjüdischen Bevölkerung Tausende und Tausende dahinraffen und eine degenerirte Nachkommenschaft erzeugen. Gibt es ja bei uns ganze Bauerndörfer, die von diesen Uebeln durchseucht sind. Allerdings muß ich zu meinem größten Leidwesen konstatiren, daß nach dieser Richtung hin die Widerstandsfähigkeit der Juden in letzter Zeit abnimmt, seitdem nämlich die besser situirten Juden, die mit der nichtjüdischen Bevölkerung in Berührung treten, sich assimiliren, mit der äußeren Hülle des orthodoxen Judenthums zugleich den ethischen Kern desselben über Bord werfen und sich Excessen jeglicher Art hingeben. Es gibt bereits in einer der größten Ghettostädte ein jüdisches Hospital für die oben erwähnten Krankheiten, welches sich leider eines zu guten Zuspruches erfreut. Sollte eben nicht baldigst Wandel geschaffen werden, so sehe ich mit Grauen der Zeit entgegen, wo die letzten von mir aufgezählten Dämme gegen die körperliche Entartung der Juden eingerissen und das Ghettojudenthum mit Riesenschritten einer physischen und moralischen Zersetzung entgegeneilen wird." Herrn Dr. Mandelstamm und seinem Grauen kann leichter geholfen werden, als den russischen Juden mit seinen Rathschlägen. Er braucht nur die Stellung und Anschauung eines abtrünnigen Juden aufzugeben und sich auf den Standpunkt seiner Ghettojuden zu stellen, er braucht die religiösen Sitten und Bräuche nur anzunehmen, deren Quelle er bis jetzt als die ärgste Misere angesehen hat und das Räthsel ist gelöst. Er wird dann auch einsehen, daß die von ihm aufgeführten Dämme nicht die letzten, sondern die ersten und einzigen sind, die Gottes Allmacht aufgeführt hat, um die seinem Gesetze gemäß Lebenden vor Untergang und Entartung zu schützen. Ein Perpetuum mobile, d. h. etwas, was sich fortwährend bewegt, gibt es nicht, braucht es aber auch glücklicherweise nicht zu geben, um dieses Wunder zu erklären. Aber es gibt etwas, was sich fortwährend nicht bewegt, was fest und stille steht, wenn auch die ganze Welt in's Wanken und Schwanken geräth, wenn auch Zeiten und Moden kommen und gehen, und das ist das Wort und der Wille Gottes, llbnb mp’ ’s *is“\ „Das Wort Gottes wird ewig herhalten," wie Jesaja, der große Zionist alten, ehrlichen Schlages, im Gegensatz zu Herrn Dr. Mandelstamm sagt, der meint, es könne nicht ewig herhalten. Und auf die Träger dieses Wortes und die Erfüller des darin niedergelegten Willens geht unwillkürlich etwas von der Lebensfähigkeit und Unverwüstlichkeit dieses nvnn p über, dafür ist Israel im Allgemeinen und sind die Mandelstammschen Ghettojuden im Besonderen ein lautes, unwiderlegliches Zeugniß und Denkmal. Die Rathschläge, die nun Herr Mandelstamm zur körperlichen Hebung der Juden gibt, kann man sich denken. Gegen Hunger empfiehlt er Nahrung, gegen Schlaflosigkeit Schlaf, und vergleicht schließlich selber seine Vorschläge mit denjenigen des Baron von Münchhausen, der in einen Sumpf gerathen, sich an dem eigenen Zopfe faßte, um sich so aus dem Sumpf zu ziehen. Diese Selbstcharakteristik ist eine von den wenigen zutreffenden Behauptungen dieser ganzen Darstellung. Da aber dies alles auch gar nichts mit dem Zionismus zu thun hätte, so hebt sich Herr Mandelstamm nach der Art guter Spieler diesen Trumpf bis zuletzt auf und schließt: „Ich komme daher zum letzten Schluß, zu meinem etzbvi'mn censeo, zu der These, die ich in Gemeinschaft meiner Gesinnungsgenossen, in Gemeinschaft aller Zionisten aufzustellen wage: „Das Ghettojudenthum kann im Ghetto selbst physisch, also auch moralisch, nicht gesunden, das karkn nur außerhalb desselben, auf eigenem Grund u. Boden, und zwar in dem einzigen Lande geschehen, wo es überhaupt auf dem ganzen Erdenrund ruhig geduldet werden wird; in einem Lande, wo es neue Säfte und Kräfte zu seiner körperlichen und geistigen Hebung ziehen muß. Nur eine mit großer Um- und Vorsicht geleitete Masscnemigration nach Palästina, dem Anziehungspunkt pur excellence der Ghettojuden, kann mit der Zeit ein neues, frisches Judengeschlecht heranwachsen sehen — „das jetzige ist physisch als halb

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