Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 72 (6.9.1900)
- Date
- 1900-09-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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.‘J4JU i'ÄJÜ 1474 Besonders aber hat's dem Berichterstatter der U n - terrichtsstoff selbst angethan, wie er uns naiver Weise verräth, nicht nur die Unterrichtsmethode. Der Unterrichtsstoff ist aber nun einmal Cystin nn23p n td ne und wenn er wirklich an der körperlichen Verkümmerung der russischen Juden schuld sein sollte, so werden sie ganz gewiß auf eine Hebung des Körpers verzichten, die nur durch eine Degradirung von Geist und Gemüth zu erlangen wäre, wie sie der Verzicht auf diesen Unterrichtsstoff bedeutete. Besonders ungnädig kommt das Talmudstudium dabei weg, wenn auch Herr Mandelstamm für den Talmud selbst einige wohlwollende, herablassende Bemerkungen hat. Das Lernen von mr 2r>22ir> heißt im Jargon des Herrn Dr. Mandelstamm geschmackvoller Weise: „Das Büffeln der hebräischen Bibel im Urtext," während ihm der Talmudunterricht eine „Gehirntortur" ist. „das die Kinder in reiferen Jahren für ein induktives Forschen, für eine mit klaren Sinnen aufzufasfende Wirklichkeit weniger tauglich macht." Hier muß ich eine allgemeine Bemerkung einschalten, die weniger Herrn Mandelstamm, als seine Beifallspender angeht. Die Herren sprechen mit vieler Wichtigkeit von ihrer neuen Litteratur, von ihrer modernen jüdischen Wiffenschaft, von ihrem Nationalitätsprinzip und vor allem von dem Aufschwung, den die heilige Sprache und deren Handhabung durch sie gewonnen habe. Sie können ferner den alten Unterrichtsstoff, d. i. die Thora und die Art ihres Studiums, ebenso das Eheder und die Jeschiba, d. i. der Ort ihres Studiums, nicht tief und nicht laut genug der öffentlichen Verachtung vreisgeben und übersehen dabei die Kleinigkeit, daß sie damit ihr eigenes Nest beschmutzen, daß sie damit Steine in den Brunnen werfen, aus dem sie einst selber getrunken. Wo haben denn diese Verächter der Thora und ihrer Pflanzstätten denn anders den Grund für das. was sie sind, gelegt, als eben an diesen Stätten? Sie haben doch alle das Cheder und die Jeschiba besucht, und ausschließlich dem von ihnen jetzt dem Spott preisgegebenen „Büffeln" verdanken sie ihre Fertigkeit in der Handhabung der hebräischen Sprache und ihre geistige Regsamkeit, oder was sie heute als talmudische Gehirntortur stigmatisiren. Wenn die Thora, wenn unsere große geistige Ahnmutter, nicht nur in der Gesinnung dieser Abtrünnigen, sondern, Gott behüte, in Wirklichkeit altersschwach geworden wäre, so wäre ein solches pietätloses Gebühren noch immer nichts anderes, als eine muthwillige Uebertretung der Mahnung: n:pT tjk. Auf diesem Wege wird die Hebung des jüdischen Volkes ganz sicher nicht erreicht. Das ahnt übrigens Herr Dr. Mandelstamm selber und räumt es indirekt ganz klipp und klar ein, wenn er nach Aufzählung aller Ouellen, aus welchen dieses Elend fort und fort fließt, folgendermaßen fortfährt: „Nach all dem von mir Gesagten könnten Zweifler mit überlegenem Lächeln fragen: „aber ja, wenn dem so ist, warum und wieso erhält sich denn dieses Volk so lange? Seit Jahrhunderten von Jahren ist's auf dem Aussterbeetat und dennoch geht's nicht zu Grunde; also muß es nicht so schlimm um die Ghettojuden bestellt sein." Allerdings ist's nicht so schlimm bestellt und zwar aus dem Grunde, weil dieses Volk in seinen Sitten, religiösen Gebräuchen und seiner ethischen Beanlagung eine Selbststeuerung, eine Art Regulator, ein Hemnuingscentrum besitzt, das sie nicht ganz untergehen läßt, das aber nicht ewig herhalten kann, weil es kein Perpetuum mobile gibt." Aber wenn die Juden wirklich Sitten und religiöse Gebräuche haben, die sich stärker als das Riesenelend erweisen, besten Wogen so offenkundig an ihnen zerschellen, daß es selbst Herr Dr. Mandelstamm nicht ignoriren kann, was liegt denn dann näher, als die Frage, woher denn die Juden diese Sitten und Gebräuche haben, an denen ein solcher Jammer abprallt, der sonst längst zum sicheren Untergange geführt haben müßte? Diese Frage stellen, heißt sie beantworten, und zwar beantworten mit der einzigen Antwort, die überhaupt möglich ist. Die Juden haben diese Sitten und Gebräuche, welche solche Wunder verrichten, nicht aus den Fingern gesogen, sie stehen in einem Buche, das in mehr als dreihundert Sprachen übersetzt ist, das Gemeingut der ganzen gesitteten Menschheit geworden und besten Studium bei den Kindern seiner Ghettojuden in fast unfaßbarer Selbstverblendung Herr Dr. Mandelstamm für den Anfang der ganzen Misere ansieht, die er hier vor unseren Blicken entrollt!! Welcher instinktive Haß gegen alles spezifisch Jüdische muß einen Menschen erfüllen, der vor solchen Unbegreiflichkeiten nicht zurückschreckt, der Gottes Thora und ihr Studium der Verachtung unter dem johlenden Beifall seiner Gesinnungsgenosten preisgibt, in demselben Athemzuge, wo ihm die Wundermachi der Thora die Anerkennung abringt, die er in folgende Worte kleidet: „Vor allen Dingen sind es die häuslichen Tugenden des Ghettojuden, die ihn bis zu den letzten Jahren ausgezeichnet und veranlaßt haben, auf's zärtlichste für Frau und Kind zu sorgen. Schon der schwangeren Frau trägt man alle Sorgfalt entgegen, die unter den gegebenen elenden Verhältnissen überhaupt möglich ist; man enthebt sie gewöhnlich einer jeden schweren Arbeit vor der Niederkunft; es gibt in vielen Städten und Städtchen Frauenvereine, welche arme Wöchnerinnen materiell unterstützen. Alsdann nährt die jüdische Frau gewöhnlich ihr Kind selbst, anstatt es Ammen anzuvertrauen. Bäuerinnen zu überantworten, welche es verhungern lasten, oder gar Findelhäusern, in welchen die Kinder zu Hunderten zu Grunde gehen. Es gibt eben viel weniger unehehliche Kinder, es kommen viel weniger Frühgeburten vor. Diese Thatsachen und außerdem der Umstand, daß die Juden die Pockenimpfung regel-