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Der Israelit · 1900-09-06 · Heft 72 (6.9.1900) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 72 (6.9.1900)
Date
1900-09-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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41* Jahrgang. M 7*. Der Israelit. Ein Gentrat-Hrgan für das orthodoxe IudenIHum. Begründet von »r. KshcmSlNN in Wtuin%. Donnerftag, den 6. September 5660 (1900). Leitender Artikel. 2lntise»ntijcher Zionisinrls. London, 4. Sept. Cs handelt sich um die Gesinnung, welche der Bericht atbw.et, den aus dem jüngsten Zionisten-Kongreß Herr Dr. Max M a n d e s st a m m aus Kielv „über die körperliche Hebung der Inden" erstattet hat. Einen Augenblick war ich im Zweifel, ob man den Geist, der aus diesen Expektorationen spricht, nicht zutreffender als Zionistischen Antisemitismus bezeichnen solle. Die Rücksicht auf den Redner, der sich dabei in erster Reihe als Antisemit und in zweiter als Zionist geberdete, würde ohne Zweifel diese Benennung eher rechtfertigen. Aber der Redner und sein Elaborat an und für sich sind es nicht, die mir die Feder in die Hand drücken. Es muß auch solche Käuze geben. Viel wichtiger ist der rauschende allseitige Beistill, den diese Darlegungen bei den offiziellen Vertretern des Zionismus in dem Maste gefunden haben, daß die Drucklegung und Massenverbreitung dieses Berichtes beschloffen wurde. Der Berichterstatter hat also seinen Zuhörern aus den Herzen geredet, als er seine antisemitischen Allüren zum Besten gab. Man weiß jetzt, wie es in den Herzen aussehen muh, die solchen Ausführungen zujubeln, welche Töne man anschlagen must, um des Beifalls unserer Zionisten sicher zu sein, -r;* irr* ws rx pe xara Ich laste zunächst eine kurze Skizzirung des Berichtes folgen. Rach einer kurzen Einleitung, welche konstatirt, daß es sich bei der körperlichen Hebung der Juden nicht eiwa um alle, sondern nur um die Juden Rußlands, Rumäniens und Galiziens handelt, gibt der Bericht eine drastische Schilderung des Lebens derjenigen rustischen Juden, die durch staatliche Gesetze in einen ungenügend engen Raum zusammengezwängt sind, und stellt die ungünstigen Folgen dar, die dieser Miststand für die körperliche Entwickelung haben muß. Er nennt diese Juden Ghettojuden, spricht von ihnen per „Menschenmaterial" und bezeichnet sie als „ein Volk von Hungerleidern." Man braucht nicht erst Arzt zu sein, um das Gesundheitswidrige dieser lokalen Verhältnisse vollkommen zu würdigen. Daß sie aber nicht hinreichen, um die lraurige Lage unserer unter diesen Beschränkungen zu leben verurtheilten rustischen Brüder und Schwestern zu erklären, geht schon daraus hervor, daß in Galizien, wo diese Schranken nicht vorhanden sind, die Lage nicht besser, sondern vielleicht noch verztveifelter ist. Deßhalb steht Galizien nur auf dem Programm, aber in dem Bericht selbst fehlt es, da sich seine Juden nicht unter der Rubrik „Ghettojuden" unterbringen lasten. Die körperliche Misere beginnt für Herrn Dr. Mandelstamm bereits im fünften bis sechsten Lebensjahre, wo die „Jungens" dem Cheder übergeben werden. Hier wird nun die Cheder-Mißwirthschaft in so grellen Farben geschildert, daß dem Hörer ein Gruseln überkommen kann, wenn er sich nicht rechtzeitig an die Thatsächlichkeit der Dinge erinnert. Die Räume mögen eng und dumps, die Schulbänke und viele andere Dinge mögen ungenügend sein, aber diese Unzulänglichkeit!vird in ihrer ganzen Intensität doch nur von uns, nicht aber von den Kindern empfunden, die, wenn es auch gar keine Eheder gäbe, unter denselben Mängeln auch zu Hause litten. Der Melammed mag mit seiner Bildung nicht auf der uns wünschenswerthen Höhe stehen, aber er steht auf dem Niveau der allgemeinen dortigen Durchschnittsbildung und würde mit einer höheren daselbst nichts anzu.fangen wisten. Man braucht noch kein Lobredner dieser durchaus verbesserungsbedürftigen Zustände zu sein, um doch die tendenziöse Uebertreibung richtig zu würdigen, die darin liegt, daß man unfern Geschmack und unsere Verhältnisse ohne weiteres als Maßstab zur Beurtheilung der dortigen anlegt.

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