Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 71 (3.9.1900)
- Date
- 1900-09-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1466 Eine gute deutsche Übersetzung dieses Merkchens, der eine treue Biographie R. Israels beigegeben ist, wäre in heutiger Zeit in der That ein verdienstvolles Unternehmen. Schöner und wahrer könnte das Talmudjudenthum u. ein von ihm erzeugter „Talmudj u d e" nicht dargestellt werden. Das Streben, eine richtige Kenntniß und Würdigung der Thora zu verbreiten, fand jedoch bei R. Israel nicht nur durch Ausbildung vieler Schüler seinen Ausdruck. Sein weit ausschauender genialer Blick sah für die Zukunft hinsichtlich der Ausbreitung der Thorawissenschaft sehr düster. Sein großartig angelegter, bis in alle Details durchdachter Plan war, die Möglichkeit zu schaffen, daß der ganze Talmud durch Selbstunterricht erlernt werden könne. Das große Projekt, wie es ihm vorschwebte, läßt sich in wenigen Worten nur andeutend präcisiren. Eine entsprechende Zahl talmudischer Capacitäten sollte sich in die Arbeit theilen und ein Werk schaffen, das in Lexiconform nach der Toussaint-Langenscheidt'schen Methode, das ganze ungeheure Gebiet so bearbeiten sollte, daß es Jedem möglich sei, selbst ohne Lehrer die Kenntniß des Talmud sich anzueignen. Alle Bedenken, die von hervorragender Seite gegen die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit einer solchen Riesenarbeit geltend gemacht wurden, wußte er mit dem ihm eigenen Eifer und Scharfsinn zu widerlegen. Roch vor seinem Heimgang hatte ich gehört, daß es Rabbi Israel gelungen sei, die ersten Schritte zur Verwirklichung dieser Riesenarbeit zu thun; Näheres tonnte ich jedoch leider nicht darüber erfahren. Drei Jahre vor seinem Tode, als Rabbi Israel das 70. Lebensalter erreicht hatte, ersuchte derselbe in hebräischen Zeitungen seine sämmtlichen Schüler um Angabe ihrer Adresse; vielleicht, daß diese Aufforderung mit jenem Projekte und seiner Realisirung in Verbindung stand, doch ist dies bloße Vermuthung. Für das rastlose Streben, welches ihn beseelte, um Mittel und Wege ausfindig zu machen, durch welche in Rußland dem Abfall vom Judenthum gesteuert werden könne, mag folgender charakteristischer Zug gelten. Rabbi Israel besuchte eines Tages Rabbiner Hirsch s. A. aus Frankfurt a. M., der damals mehrere Tage sich in Berlin aufhielt. Die Unterhaltung kam auf jüdisch-russische Angelegenheiten und Rabbi Israel bezeichnete in russischer Sprache mit echt jüdischem Geiste geschriebene Schriften als das einzige Mittel, die jüngere Generation für das Judenthum zu erhalten resp. wiederzugewinnen. Nun läge das Bedauerliche aber darin, daß diejenigen, welche in Rußland von der Wahrheit des Judenthums durchdrungen seien, nicht russisch zu schreiben vermöchten, und daß diejenigen, welche sich profane Bildung angeeignet hätten und die Feder zu führen verständen, mit dem überlieferten Judenthum gebrochen hätten, so daß die Beschaffung solcher Schriften geradezu unmöglich erscheine. Herr Rabbiner Hirsch bemerkte dagegen, ob es sich in diesem Falle nicht empfehle, in deutscher Sprache für diesen Zweck geschriebene Werke in's Russische zu übersetzen, was ja nöthigenfalls sogar durch einen Nichtjuden geschehen könne. Diese Idee fand Rabbi Israelis vollen Beifall und er ersuchte Rabbiner Hirsch, ihm einige Schriften, die er für diesen Zweck geeignet halte, namhaft zu machen. Rabbiner Hirsch schlug darauf die Schriften von Rabbi Salomon Pleßner s. A. vor. Ich erlaubte mir dagegen zu bemerken, ob sich nicht die Hirsch'schen Schriften dazu besser qualifizirten, und nannte in erster Reihe: „Die neunzehn Brief e." Rabbiner Hirsch erwiederte, es werde ihn selbredend in hohem Grade freuen, wenn durch Uebertragung seiner Schriften der guten Sache ein Dienst geleistet werde. Auf dem Nachhausewege ersuchte mich Rabbi Israel, ihm heute Abend noch die „Neunzehn Briefe" zu verschaffen und sie mit ihm durchzulesen, um sich so selbst ein Urtheil bilden zu können. Das war nun viel leichter gesagt, als gethan. Rabbi Israel hatte damals kaum die ersten Anfänge im deutschen Lesen hinter sich, und so lasen wir bis tief in die Nacht hinein und dann noch einige Tage am ersten Briefe, und dann noch Wochen lang, bis wir sämmtliche Briefe zu Ende hatten. R. Israel faßte dann sein Urtheil über das Buch in die Bemerkung zusammen: „Das Buch müßte nicht nur in's Russische, sondern auch in's Hebräische übertragen werden!" In's Hebräische sind die Briefe übertragen worden, wenn auch erst lange nach dem Tode R. Israels, eine russische Uebersetzung dürfte wohl heute nicht eristiren; wenigstens ist mir nichts davon bekannt ge worden. R. Israel selbst hat niemals ein größeres Werk veröffentlicht. Eine jüdisch-wissenschaftliche Zeitschrift — njrcm — die er redigirte, ist nur in wenigen Nummern erschienen; aber die von ihm darin veröffentlichten Arbeiten bekunden mit jeder Zeile den genialen Meister der Thorakunde. Um so erfreulicher ist das von seinem würdigen Schüler und Genossen, R. Jsak Vlasar '*.3, soeben veröffentlichte Werk, das die zerstreut bisher erschienenen Publikationen R. Israels gesammelt enthält, dabei aber noch eine große Fülle von bisher Unedirtem bietet. Zur richtigen Würdigung dieses hochinteressanten Werkes muß hier noch eine Eigenart R. Israels erwähnt werden: Seine Würdigung der jüdischen Ethik, einer ganz besonderen Wissenschaft, sowie die Art und Weise ihrer Ausbreitung und Popularisirung. Hier war R. Israel geradezu bahnbrechend, wie er dafür ganz besondere Lehrstätten organisirte, wie er alle Schichten der Bevölkerung für diese herrlichen Blüthen am Baume der Thorakenntniß zu gewinnen verstand, wie er vor allen seine ihm nahestehenden Schüler dafür begeisterte, daß sie den Spuren des großen Lehrers folgend, auf ic'cn Verbreitung und Vertiefung der idid, seine Vertiefung in dieselbe und ihr Ausbau zu