Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 71 (3.9.1900)
- Date
- 1900-09-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1463 liegt so etwas Urwüchsiges in seiner Lustigkeit! Was, Herr Gottschalk?" redete er dann meinen Bruder an, „wir haben doch schon köstliche Stunden mit dem lustigen Spier verlebt! Ein kleiner Skat mit ihm ist ein Vergnügen eigner Art!" Salomon nickte verständnißinnig. „Ihre Gretchenschaar, verehrter Herr Doktor," sagte er dann zu Mephisto, „lechzt aber auch zu lange! Und Du, lieber Bruder, scheinst von unserm Allerweltsmeyer gesucht zu werden; sieh nur, wie er umherspäht! Der neue Witz läßt ihm gewiß keine Ruhe!" Ein kurzes Adieu, Mephisto wandte sich zu seiner schon halb schmollenden Montenegrinerin zurück und ich lief gerade Herrn Meyer in die Arme. Ein Witz war es nun diesmal nicht, den mir freund Meyer zu erzählen hatte, aber es war eine Neuigkeit. „Endlich!" Mit diesem Ausruf zog er mich in die äußerste Ecke des Saales, von wo aus wir im nebenanliegenden Speisezimmer die zum Souper gedeckten Tische erblickten, „endlich sind Sie mal wieder zu haben! Sie werden staunen! Nein, es ist aber auch zu stark! Scheut sich der Mensch nicht, sich heute hier blicken zu lassen, heute —" dabei gab er mir mit dem Kopfe unvermerkt die Richtung nach der zweitnächsten Fensternische —" sehen Sie ihn dort, den blauen Pagen? Wie Sie ihn eben mit seiner Spanierin tändeln sehen, ist er heute Nachmittag von seinem Chef plötzlich entlassen worden!" „Entlassen?" wiederholte ich außer mir. „Hinausgeworfen, wenn Ihnen das besser gefällt!" cntgegnete Meyer. „Woher wissen Sie das?" „Aus authentischer Quelle! Bon Ohlauer, dem intimsten Freunde seines Chefs! Und ich weiß noch mehr!" In höchster Spannung blickte ich schweigend den geheimnißvollen Berichterstatter an. „Er ist heute früh," fuhr er fort und ließ seine Stimme, obwohl es bei dem Tanzlärm nicht nöthig war, zum Flüstertöne herabsinken, „er ist heute früh eine Stunde zu spät in's Geschäft gekommen!" „Na, da wirft man einen doch nicht gleich hinaus!" entgegnete ich. „Ja, es war aber nicht das erste Mal," berichtete Meyer weiter, „es kam in den letzten Wochen alle Paar Tage vor. Sie haben ja leine Ahnung, was dieser Mensch zusammen bummelt! Bis tief in den Morgen hinein sitzt er im Kaffee Brand beim Kartenspiel! Jede Woche ist er verschiedene Male auf dem Tanzboden — galante Abenteuer — kostspielige Passionen aller Art — Wetten bei den Pferderennen — das sind so seine Privatbeschäftigungen! Wovon der Mensch das Alles bezahlen kann, ist mir ein Räthsel! Na, also — heute kam die Sache zum Klappen! Der Chef kehrte erst am Nachmittag von einer Reise zurück. Der Prokurist machte ihm, wozu ihn der Chef direkt verpflichtet hatte, von der erneuten Verspätung Spier's Mittheilung. Der Chef stellt ihn zum so und so vielten Male darüber zur Rede, macht ihm Vorhaltungen über seinen Lebenswandel; Spier, darüber ärgerlich, gibt freche Antworten — kurzum: er flog in derselben Stunde hinaus! —- Nun sehen Sie nur, wie er jetzt hier als Page herumscharwenzelt! Dabei weiß er nicht, woher er am nächsten Ersten sein Essen bezahlen soll! Wahrhaftig, der verkörperte Leichtsinn! Uebrigens, Sie haben ja eben wohl mit ihm gesprochen? Wie war er denn? Merkte man ihm nichts an?" „Keine Spur!" erwiederte ich, „im Gegentheil, er forderte mich noch heraus!" Und ich erzählte Mever den Verlauf unseres Gespräches. „Daraus sehen Sie am besten, was für ein Mensch das ist!" sagte Meyer, als ich geendet hatte, „wahrhaftig, der Aerger über diese Unverfrorenheit verleidet mir den ganzen Abend! Wenn's Ihnen recht ist, gehen wir auf ein Viertelstiindchen hinüber nach dem Wintergarten! Die Hitze wird hier ohnedies immer unerträglicher!" Der Wintergarten war ein köstliches Appartement im Hause meines Bruders. Stellen Sie sich einen ziemlich großen Saal vor, dessen Decke unmittelbar unter Freiem gelegen, aus Glas bestand u. dessen eine Längswand, gleichfalls aus Glas, sich in einer schönen Rundung an die Decke anschließt. Und diesen Raum denken Sie sich mit herrlichen Topfgewächsen der seltensten Art angefüllt, natürlich alles in wirksamer, wahrhaft künstlerischer Gruppirung. In der Mitte war ein großes Rondel geschaffen, aus Oleandern und riesenhaften Fächerpalmen. Die Zweige der letzteren blickten in ein von Granitsteinen umsäumtcs Wasserbassin, in dessen Tiefe eine Schaar Goldfische sich tummelte und aus dessen Mittelpunkt ein rauschender Springbrunnen in fingerdickem Strahl auf- und niederstieg. Um dieses Rondel führten nun über alle vier Seiten des Saales grünumsäumte, mit weichen Teppichen belegte Promenaden, in denen cs sich lustwandelte wie in einem wirklichen Garten. Nur an der Glasseite waren die Reihen der Gewächse an einigen Stellen unterbrochen und gaben dem Auge den wirklich wunderbaren Blick über den nahen Fluß frei, dessen Rauschen, wenn man eines der in die Glaswand eingelassenen Fenster öffnete, deutlich herüberdrang. Eine angenehme Kühle zog uns um die heiße Stirne, als wir den duftenden Raum betraten. Wir stiegen die vier Stufen hinab, die in den tiefer gelegenen Wintergarten führten, und ließen uns behaglich auf einer der weichen Polsterbänke nieder, die im Innern des Rondels den Springbrunnen von allen Seiten umgaben. Keine Seele schien sich bis jetzt hierher, in dieses herrliche, matterleuchtete buen retiro verirrt zu haben.