Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 71 (3.9.1900)
- Date
- 1900-09-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1462 Amtskollegen zunächst geschändet und dann furchtbar verhauen. Auch die auf den Hülferuf der mißhandelten Frau herbeigeeilten Juden aus der Nachbarschaft wurden schwer geprügelt. Dann aber wurden ihnen Bart- und Haupthaar der einen Kopfhälfte abrasirt. Die Frau ist ihren Schmerzen erlegen und die geprügelten Männer liegen jetzt, 20 an der Zahl, im Krankenhause. So steht zu lesen in der „Hazephira," der wir für diesen Bericht die Verantwortlichkeit überlaffen, obgleich wir selbst den edlen Rumänen schon viel zutrauen. Solche Scheußlichkeiten, die sich gewiß nicht vereinzelt auf Lusa und Verlad beschränken, weisen auf die Motive hin, welche unsere unglücklichen Glaubensgenoffen mit aller Macht aus Rumänien treiben. Die Schmach, sich von den Rumänen so etwas bieten lasten zu miiffen, veranlagte sie mehr, als die bitterste materielle Noth, diesem verkommenen Volke den Rücken zu kehren. Wenigstens würden wir es recht gut begreifen, wenn die Juden von Verlad nach dem, was vorgefallen ist, Rumänien um jeden Preis zu verlaßen streben würden, oder wenn die jüdischen Einwohner von Lusa nach der Nacht vom 12. auf den 13. August auf so ein Vaterland für immer verzichten und lieber zu den chinesischen Boxern gehen würden, als mit den christlichen Bestien von Lusa auch nur eine Stunde länger dieselbe Luft zu athmen. Dementsprechend sind in den ersten zehn Tagen des Monat August trotz aller Hindernisse nicht weniger als 6012 Personen aus Rumänien ausgewandert. Ferner haben sich bis zum 1. August 31 Auswanderungsvereine mit je 60—700 Personen gebildet. Bezeichnend für die auswanderungslustigen Elemente sind die Namen dieser Vereine, wie „die Tischler," die Köhler," „die Tapezierer," „die Müller," „die Sänger," „die Stimme aus Canada," „100 Familien," „160 Jungfrauen" und „die Studenten." Alle diese Vereine haben Mittel genug, um auch ohne Hilfe ihrer klugen Beschützer in Wien, Paris und London, bis Canada zu gelangen. T. Feuilleton. Ein Schritt vom Wege. Jüdische WoveHe von Arnold Mann. 12] „Aber ich bitte Sie," erwiederte Spier, „solch eine Kostümirung schüttelt man doch nicht aus dem Aermel! Das nimmt doch Zeit in Anspruch!" Dann setzte er, zu mir gewendet, hinzu: „Na, Leo, mich hast Du gewiß nicht hier zu treffen vermuthet!" „Allerdings nicht!" antwortete ich. „Ach!" rief jetzt mein Bruder Salomon verwundert aus, „das weißt Du wohl noch nicht, daß Herr Spier schon längere Zeit bei uns verkehrt?" Jetzt entstand eine peinliche Pause. Die Intimität zwischen Berthold und mir war ja schon seit Jahr und Tag geschwunden. Wir wohnten zwar immer noch zusammen; aber Jeder von uns ging seiner Wege, und unsere Unterhaltungen beschränkten sich nur auf das Allernothwendigste. So war ich in der That über die Einzelheiten dessen, was Spier trieb, nicht unterrichtet. Ich merkte, daß ihm die Kontrole, die ich aus alter Gewohnheit an ihm übte, zuwider war. Da ließ ich ihn denn allmählich überhaupt links liegen, zumal ich immer deutlicher erkannte, wie aussichtslos jeder Rettungsversuch bei ihm erschien. Meinem Bruder aber, der ja wußte, daß wir zusammen wohnten, mußte meine schlecht verhehlte Ueberraschung, Berthold hier zu sehen, unbedingt auffallen. Der Verlegenheitspause aber, die auf seine Frage folgte, machte Berthold selbst ein Ende, indem er lachend antwortete: „Ich bin Ihrem Bruder nicht mehr fromm genug, darum interessirt er sich nicht mehr für mich!" „Was Sie sagen!" fiel da der Rabbiner ein, „nicht möglich!" „Sie dürfen mir's glauben, Herr Doktor," bekräftigte Berthold, „seit ich am Sabbat meinen Schirm trage und zuweilen Ihre Predigten besuche, bin ich dem Herrn Gottschalk jr. so etwas wie ein Dorn im Auge!" Das war eine Bosheit und eine Verleumdung zugleich. Der Rabbiner aber, klug genug, um die halb scherzhaft hingeworfenen Worte in der That nicht ernst zu nehmen, machte selbst der unerquicklichen Situation ein Ende, indem er taktvoll erwiederte: „Mein lieber Herr Spier! Wenn Sie früher in Wirklichkeit fromm getvesen sind, so hat der junge Herr Gottschalk gar nicht so Unrecht, Ihnen gram zu sein! — Uebrigens," setzte er dann geräuschvoll hinzu, „wir sind doch nicht hier, um religions-philosophische Fragen zu erörtern! Herr Page, möchten Sie sich nicht eine Hofdame suchen? Sehen Sie nur, wieviel schöne Augen mit Sehnsucht auf Sie gerichtet sind!" Damit wies er auf eine Gruppe junger Damen, die nicht weit von uns in der That mit einer gewissen Neugierde uns Vier zu mustern schienen. „Sie haben recht, Herr Doktor," erwiederete Spier, schon halb zum Gehen gewandt, „man lebt nur einmal, drum „freut euch des Lebens —" Die Melodie des alten Liedchens trillernd verbeugte er sich vor uns und eilte auf flinken Sohlen zu der sehnsüchtig harrenden Mädchengruppe. Bald darauf sahen wir ihn mit einer glutäugigen Spanierin im Tanze durch den Saal fliegen. „Nun, mein lieber Herr Weltverbesserer," wandte sich der Rabbiner dann zu mir, „da haben Sie ein Exemplar Ihrer „jungen Leute." Aber ich muß Ihnen sagen, er gefällt mir, der junge Fant, mit seiner Lebenslust und seinem ganzen ungeschminkten Wesen! Es