Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 71 (3.9.1900)
- Date
- 1900-09-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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WVDMWWW WWWM-tWWWW 1458 Brüderlichkeit, als dieses scheinbar so engherzige Ausschließen gewisser Elemente, das zur Unversöhnlichkeit wird. Kann man das etwa Toleranz nennen? Ja, kennt das Judenthum, so wäre man fast zu fragen veranlaßt, eine Toleranz überhaupt? Antwort auf diese Frage möge eine Fülle von Bibelstellen, aus eben der dieswöchentlichen Sidra, geben, in denen der Fremde dem Einheimischen gleichgestellt wird, in denen eingeschärft wird, das Recht des Fremdlings nicht zu beugen, ja sogar ihm wie einem einheimischen Armen auf dem Felde vergessene Garben zu überlassen, im Hinweis darauf, daß Israel selbst Gastfreundschaft — gleichviel welcher Gestalt —genoffen habe im fremden Lande. Mehr noch als die Menge der diesbezüglichen Bibclstellen zeugen die rabbinischen Verordnungen über das Verhalten des Israeliten zum Nichtjuden, die da gebieten, ihre Armen zu versorgen, ihre Kranken zu heilen, ihre Tobten zu bestatten, von dem Geiste der Toleranz im Judenthum; denn sie sind entstanden in Zeiten, in denen man wahrlich wenig Gelegenheit hatte, von den Nichtjuden etwa die Toleranz zu lernen. Der Vorwurf, das Judenthum kenne keine Toleranz, ist lächerlich. Die Toleranz war zu allen Zeiten und ist heute noch eine Grundsäule in der Ruhmeshalle jüdischer Tugenden; aber — und das wollen wir betonen — nicht eine Toleranz im modernen Sinn, keine unbedingte und unbedachte, sondern eine wohl erwogene. Es gibt Gebiete, Zeiten und Umstände, wo „Toleranz nicht am Platze ist und sich in das Gegentheil dessen umkehrt, wofür man sie hält," aus einer Tugend zu einem Fehler wird. Diesem jüdischen Toleranzgedanken, d. h. der Einschränkung der so überaus idealen modernen Toleranzforderung, ist zum großen Theil der ewige Bestand des Judenthums zu danken; während man vielmehr andererseits behaupten könnte, daß der schändliche religiöse Jndifferentismus, wie er jetzt allenthalben herrscht, aus der Mißachtung der jüdischen Toleranz entstanden ist und aus ihr immer weitere Nahrung zieht. Ist nicht „Toleranz" der Entschuldigungsgrund für die Uebertretung zahlloser religiöser Gebote? Läßt man nicht aus „Toleranz" die Mißachtung alles Heiligen zu? Ja, es geht so weit, daß viele Gemeinden die Sabbatpredigten am Freitag Abend halten lassen, um in „toleranter" Weise auf die Sabbatschänder Rücksicht zu nehmen! Daß dann der nächste Schritt die Verlegung des Sabbatgottesdienstes auf Sonntag ist, ist nur eine Erscheinung der Consequenz. Und wenn man der so häufig beobachteten Thatsache, daß fromme Eltern das irreligiöse Leben ihrer Kinder ruhig mitansehen, ohne sich veranlaßt zu fühlen, ihre volle Autorität in die Wagschale zu legen, auf den Grund kommen will, so wird man finden, daß es auch hier Rücksichten der „Toleranz" sind, die da obwalten. Eine Gemeinschaft aber, die wie das Judenthum eine so winzige Minorität in der Menschheit bildet, muß mit doppelter Strenge auf „bedingungslose Geschlossenheit im Innern wie nach Außen" sehen; denn nur so vermag sie ihren Charakter, ihre Individualität sich zu wahren. Alle jene toleranten Rücksichtsnahmen hingegen sind geradezu Attentate gegen ihre Eigenart. Mit Naturnothwendigkeit wäre die nächste Folge der „modernen toleranten Liebesduselei" im Judenthum —die „Assimilation!" Wahrlich, wenn man dem Judenthum, u. in erster Linie dem gesetzestreuen, Mangel an Toleranz in modernem Sinne, Engherzigkeit gegen Andersdenkende entgegenhält, so genügt ein Hinweis auf die Thatsache, daß der Versuch, den modernen Toleranzbegriff durchzuführen, noch niemals für das Judenthum von Nutzen gewesen ist, um zur Erkenntniß zu gelangen, daß es „auch für die Toleranz Grenzen" geben muß; daß wir sehr gut daran thun, der göttlichen Weisheit vor der menschlichen den Vorzug zu geben: 'msm: s*? '3 h ck; ’srr wm „denn nicht wie Meine Gedanken sind eure und nicht eure Wege die Meinigen." ist der Spruch des Ewigen, und daß wir für Ammon, Moab und Amalek nach den Worten der Bibel keine Toleranz haben dürfen. Für Amalek! Daß Amalek gar nicht dafür geschaffen ist, Toleranz zu würdigen, wenn wir sie ihm schon uneingeschränkt entgegenbringen sollten, lehrt die Erfahrung alle Tage. Haben etwa die Fülle der toleranten jüdischen Stiftungen zum Besten der Armen ohne Unterschied der Confession, auf Amalek. auf den Antisemitismus jemals beschwichtigenden Einfluß geübt? Ja, gerade angesichts dieser Erscheinung, daß durch „derartige unangebrachte Toleranz" der Antisemitismus sicherlich unterstützt wird, möchte man solche Toleranz nicht bloß keine Tugend, sondern geradezu ein Unrecht, begangen am Judenthum, nennen. Denn nicht allein, daß derartiges Wohlthun fruchtlos ist, es erweckt noch den Schein, als wolle man devot um Amalek's Gunst buhlen. Es wäre vielleicht naheliegend, eine Parallele zu ziehen zwischen der jüdischen Toleranz und der modernen einerseits und der jüdischen Nächstenliebe und nichtjüdischen Feinedsliebe andererseits. So wenig wie das Judenthum als Religion, die sich an Menschen wendet, Feindesliebe fordert — welcher wirkliche Mensch könnte sich diese auch anders als in der Theorie denken, und vom Verbot, sich am Feinde n i ch t zu r ä ch e n bis zur Feindes liebe ist noch ein ganz gewaltiger Schritt — so wenig räth es uns an, in der Toleranz mehr als nützlich ist, zu thun. Der Talmud erzählt, daß das nationale Unglück, das über Israel hereinbrach, veranlaßt wurde durch ein von den Heiden gespendetes, fehlerhaftes Opferthier. Solch ein fehlerhaftes Geschenk vom modernen Heidenthum, den ethischen Bestrebungen, die alle Religion negiren, hineingetragen in das Heiligthum des Judenthums, ist die moderne Toleranzidee. Doch wir haben