Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 71 (3.9.1900)
- Date
- 1900-09-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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WWWWMWWWAWWWWWWMM 4L Jahrgang. KenLrat-Hrgan für das orthodoxe ZudentHum. Begründet von Br. in Htain|. Donnerstag, den S. Leitender Artikel. r&H Toleranz. $>}’& (Zu *5tn '2 mnfi). Von Dr. M. Rosenfeld—Wien. Unsere Zeit ist durch eine Fülle von technischen Erfindungen charakterisirt. Die weltumwälzendsten Neuheiten werden zu Tage gefördert und immer knapper bemessen gestaltet sich der Raum, welcher dem Althergebrachten noch belassen wird. Daß dem so ist, mag wohl Niemand, der ein Verständniß für culturellen Fortschritt hat, bedauern. Bedauerlich erst wird die konsequente Durchführung dieser technischen Bestrebungen auch im Reiche des Idealen, des Geistes und Gemüths. Es liegt Hins hier fern, auf die materialistische Weltanschauung und auf die mechanische Lebenstheorie, die der Seele für den Menschen entrathen kann, einzugehen. Wir meinen hier nur das moderne technische Mittel, das die alte u. „veraltete" Einrichtung der Religion ersetzen soll, die Ethik. Sie ist die neue Heilslehre. Sie birgt in sich alle Vorzüge und ist frei von allen Mängeln der Religion. Sie erzieht den Menschen zu einem edlen, gesitteten Gliede innerhalb der Kette der Gesellschaft, ohne Anforderungen des Glaubens an ihn zu stellen, wie die Religion es thut. Ja, noch mehr! Sie erzieht den Menschen zu einem sittlich-höheren Wesen, als die Religion es vermag; thut er doch in ihrem Gefolge das Gute und meidet das Böse aus innerem Antriebe, ohne Lohn zu erhoffen und Strafe zu fürchten. Zwei Punkte jedoch bilden, wie in allen Dingen, so auch hier den Prüfstein zwischen göttlicher und menschlicher Weisheit, zwischen ethischer und religiöser Kultur. Das Eine ist die Ewigkeit. Das Göttliche nur ist e w i g; nur ihm wohnt jene unverwüstliche Kraft September 5660 (1000). inne, gegen welche keine Anstürmen irgend eines Zeitgeistes jemals etwas ausrichten kann; während andererseits die V e r g ä n g l i ch k e i 1 der Stempel jeder menschlichen Errungenschaft ist, sei es auf materiellem, sei es auf geistigem Gebiete. Kein menschlicher Gedanke — es sei denn eine mathematische Wahrheit — hat noch einem späteren, besseren standzuhalten vermocht; selbst allgemeine Anschauungen, wie auch Sitten und Gebräuche, müssen immer wieder neueren und jüngeren Platz machen und weichen. Und das Zweite ist die U n v o l l k o m m e n h e i t des menschlichen Geistes, dem die Allwissenheit Gottes gegenübersteht. Das absolut Gute wird für den Menschen allezeit eine terra incognita sein und bleiben, da er sich niemals so weit vom Schein wird lossagen können, um das Sein voll und ganz in's Auge zu fassen. Die göttliche Kraft der religiösen Gebote hingegen beruht eben darauf, daß dieselben, erhaben über Wechsel und Wandel der Zeiten, das absolut Gute in zielbewußter Sicherheit dem Menschen bieten. Und solch ein Widerspruch zwischen göttlicher und menschlicher Weisheit, zwischen der modernen und der biblischen Anschauung von Toleranz wird in uns wachgerufen, lvenn wir den dieswöchentlichen Thoraabschnitt zur Hand nehmen, der in seiner inhaltsreichen Fülle ein Miniaturbild des Judenthums genannt werden könnte, und darin lesen: *n bnpn '2wm 'jtur N2' ab Dbiy ny 'n *?np2 onb N2' xb nw *rn q: „Es soll kein Ammoni und Moabi in die Gemeinde des Ewigen kommen; auch das zehnte Geschlecht soll ihnen nicht kommen in die Gemeinde des Ewigen bis auf ewig" und gleich darauf: bi onaw vvbe» en-in xb ubwb -j'w „Du sollst nicht ihr Wohl und Bestes suchen alle deine Tage auf ewig" und am Schlüsse gar die wiederholte Einschärfung: pbw -jS npj? tok na tot „Gedenke, was die Amalek gethan.ravn xb Vergiß nicht!" Wie ganz anders klingen die Töne moderner Toleranz, die Grundaccorde allgemeiner Gleichheit und