Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 70 (30.8.1900)
- Date
- 1900-08-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1442 Kreisen Verständmß wecken für die ewigen Aufgaben und Pflichten des Judenthums. Dürfte des Buches doch dieselbe ungetheilte Anerkennung der Welt harren, mit der der Verfasser das Wirken seines Lebens am Ende seiner Tage belohnt zu finden die hohe Genugthuung hatte! Anerkennung der Welt — sage ich. Es war in den letzten Monden der Lebensarbeit des sel. Direktors Hirsch — als ein junger christlicher Theologe Deutschland bereiste, um die Einrichtungen der orthodoxen Judenheit kennen zu lernen. Auch die Realschule und höhere Mädchenschule der Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. besuchte er und wohnte dort dem Prophetenunterricht des Direktors Hirsch bei. Sein Urtheil, das dem Verewigten am letzten Tage seiner Schulthätigkeit zu Ohren kam. lautete: „Gedankenvolle Lebendigkeit hat doch einen ganz anderen Erfolg, als die ruhige Wissenschaftlichkeit." Ja, wer nur je das Glück hatte seinem Unterricht — sei es zu seinen Füßen, sei es an seiner Seite — lauschen zu dürfen, weiß, daß es dem großen Lehrer nicht darum zu thun war, „wissenschaftlich" zu scheinen — wahr wollte er sein — ein Gegensatz —sapient.i sat! - Als Jude las er das Buch; nicht nur bezüglich der Form las er es so, sondern auch nach seinem Inhalt. Nicht als Buch aus alter Zeit, als lebendige Rede des Propheten, ebenso als Mahnung an all die Zeitgeschlechter, welche der idealen Höhe der Forderungen, die die Thora an uns stellt, noch nicht gerecht geworden sind, aber auch als eine Rede, die den gesunden, entwicklungsfähigen Kern schaut unter der Ueberwucht der verfallenen Masse, „eine reiche, lichte Zukunft hinter dem Wolkendiister und den Rebelbergen einer in trostlose Rächt gehüllten Gegenwart." Vor allem aber sieht er im Propheten den gottgesandten Mann an ein gottgesandtes, unter Gottes ständiger Leitung stehende Volk. Wie herrlich zeichnet er da die Nichtigkeit der Menschenohnmacht, die da wähnt, gegen Gottes Bestimmung ankämpfen zu können. Mit wieviel Ironie blickt er in das Getriebe am israelitischen Hofe, wie „Staat und Kirche", „Fürst und Pfaffen" sich zur Erhaltung des armseligen Thrönchens einen und gemeinsam am Sturze ihrer Existenz arbeiten. im Wahne, ihre Macht zu stärken. Wie stehen sie doch an der Spitze des Fortschritts der falsche Prophet und der Pfaffe; wie sind sie ängstlich beflissen, das Volk so zu erziehen, daß es zu seinen geistlichen und geistigen Häuptern emporblicke. Wie ängstlich halten sie das Gotteswort von ihm fern, damit es nicht selbst ständig werde und dann ihrer nicht als Führer bedürfe. Und auf der andern Seite das Volk, dessen edle Herzensregungen wir in der Einleitung nach einem im Buch der Könige erzählten Ereigniß geschildert sehen, welch herrlicher Boden wäre es doch, auf ihm die Pflanzung der Thora zu pflegen, fna cncD -jojn „würde Dein Volk doch den Streitreden der Priester entsprechen", — wenn diese ihrer Bestimmung inne wären (Hosea Cap. 4.); denn das Volk in seinem Kern war gut. Und statt die Kraft sich zu schöpfen aus dem Gotteswort, statt in ihm und durch es sich zu rüsten zum Widerstande, „glaubte Ephraim sich vor dem durch die Propheten verkündeten Verhängnisse schützen zu können, daß es mit Aschur ein Bündniß zu schließen suchte, gerade mit dem Könige, der als Gottes Werkzeug es bekriegen sollte." Hosea Cap. 4.) Verschwunden ist auf einmal aus der Exegese der fabelhafte „König Jareb" und die überall anwendbare Bezeichnung „der streitbare König" ist als Rothbehelf gefallen; und wie einfach ist doch die Auffassung der „König, der gegen es streiten sollte" (Hosea 6, 13). „Wissenschaftlich" gerechtfertigt, für die Anschauung von der größten Tragweite, welch' ethisch hervorragendes Moment! Das einfache Wörtchen birgt die große Wahrheit, die nun im Commentar ausgeführt wird: „So war Ephrajim's Diplomatie, durch die er Gottes Absicht durchkreuzen zu können glaubte, selbst ein Mittel zu ihrer Ausführung." Rur zu bald sah Ephrajim ein, daß es von seinen Bundesgenossen betrogen sei, und „sie, die ihrem Gotte gegenüber nur kecken Muth zeigten, vor den fremden Machthabern aber und vor dem fremden Volke das Gegentheil von Selbstbewußtsein und Selbstachtung zeigten, — was war ihr Lohn?" Sie wurden in der assprischen Gesellschaft angesehen wie ein Thier der Wildniß kis, dem man die fremde Herkunft immer anmerkt, das als in der Kultur weit zurückgeblieben erscheint und deshalb einsam für sich bleibt 11:2 iS. Und nun fährt lebensvoll der Commentar fort iHosea Cap. 8): „Wir haben da eines jener Bilder, die wie eine Moinentaufnahme aus dem Dunkel längst vergangener Jahrtausende uns lebensfrisch enlgegentreten und eine wunderbare Ähnlichkeit mit Erscheinungen unserer eigenen Gegenwart darbieten." Und wie ungezwungen schließen sich daran die Worte un d'idxi D’snx „Und Ephraim hatte doch Freundschaftsbezeigungen ausbedungen": um abgeleitet von dem Worte n;n. das im Talmudischen ebenfalls im Hiphil in der Bedeutung „bedingen" genugsam bekannt ist. Mögen die Beispiele genügen, um das Verlangen zu erwecken, das Werk selbst kennen zu lernen. Das Wenige dürfte hinreichend schildern, wie fruchtbringend ein solches Studium der Propheten ist. Wie lebendig tritt der Prophet uns vor die Seele, wenn uns seine Worte als die eines geheiligten Mannes gegenübertreten, wenn jedes Wort seine Bedeutung erhält, jede Partikel und jedes Fehlen einer solchen gebührend beachtet wird. Leben und Lebenswahrheit entquillt dem Buchstaben. Niemals veraltet; zeitgemäß, so lange Schein und Lüge noch gegeißelt werden, so lange Besitz und Genuß als Selbstzweck Ziel und Streben der Menschheit bilden!