Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 70 (30.8.1900)
- Date
- 1900-08-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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4U Jahrgang. Erste Aeilage zu M 70 des „Israelit". Leitender Artikel. Dlmtsr Mendel KIrsitz'» pommtntat;s isen jtoölf Pl0V>>kttIl.*) Zion war gefallen; — auf seinen Ruinen erblühte neues Leben. Wohl glänzt nach außen nicht mehr seine Macht, wohl regt sich nicht mehr Leben in seinen Straßen. Oede liegt es und verlaßen. Doch ausgelöst aus enger Fessel des Besitzes, befreit von knechtender Bande des Genießens lebt der Geist. Leicht und frei zieht er aus durch die Welt. Herr der Geister will er werden — der Thaurogeist. Sein Sieg ist Zions Trost in Zions Schmerz. Völker, die ihm sich beugen, ihn verehren, sind lebendiges Trofteswort. Zwar muß des ruhelos wandernden Israels müder Fuß bringen, was es als freier, aber entsittlichter Bewohner seines Bodens nicht zu spenden vermochte. Doch daß es bringt ist Trost.- Mit Israels Trauer um den Sturz seines Heiligthums vergleicht der Weisen tiefes Empfinden das Weh um den Zusammenbruch eines Menschenheiligthums, eines Großen in Israel. Nicht lehrt sein glänzendes Vorbild mehr sich selbst und die verliehenen Gottesgaben dem Dienste der hehrsten Pflichten zu weihen. Nicht mehr rollt durch seine Adern das Blut des feurig pulsierenden Lebens, gebrochen ist das Auge, das leuchtende, verstummt ist der Mund, der so eindringlich lehrende, der so gütig mahnende, der da erweckte in so tausend und abertausend Herzen die Liebe zur Thora und ihrem Spender, der zu entfalten wußte all die schlummernden Keime des Edlen und Guten, des Menschlichen und Jüdischen, der schuf mit seinem Hauch eine Macht von Kindern und Jünglingen und Jungfrauen, eine Macht unwiderstehlicher Liebe zu Gottes Gesetz. Er ist nicht mehr — doch es lebt sein Geist, sein Wort. Es lebt und belebt. Als käme es, sein Volk zu erheben, ihm den Ausblick zu eröffnen auf heitere, bessere Tage, ward uns das letzte Vermächtniß eines theuren Heimgegangenen Denkers in der Woche nach dem Trauertag um den Fall Zions und Jerusalems geschenkt: „Die "W '17! 'isc Die 12 Propheten von Direktor Dr. Mendel Hirsch." — Als käme es zu erheben?! Es w i l l *) Tie Zwölf Propheten. Ueberseht u. erläutert von Dr. Mendel Hirsch, Director der Realschule der Synagogengemeinde Jsr. Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. Verlag von A. I. Hofmann, Frankfurts«. M. erheben, — das ist sein ausgesprochenes Ziel. War dies doch das Hochziel dieses Wortes, — während es noch nicht ausgezeichnet war, — durch all die Jahre, da es lebendig von Mund zu Mund gesprochen wurde, da eines jüdischen Busens unverlöschliche Liebe zu seinem Volke und dessen Wissensschatz gleiches Empfinden entfachen wollte in den Herzen der zur Erziehung anvertrauten Menschensprossen. Und nun, da das geschriebene Wort seinen Eroberungszug antritt aus seiner Wanderung durch die Welt, da es Gemeingut der Gesammtheit werden soll, da die Welt wird urtheilen müssen, ob sie Geist und Herz öffnen soll, um diesem Buche eine würdige Stätte zu bereiten, da geziemt es sich wohl einen Blick zu senden in die Werkstatt des Meisters, dessen Kunst es gefertigt, zu prüfen die Art, wie es sich aufbaut, um dann zu verstehen, was es lehrt. — Ja, gar seltsam sah es aus in der Werkstatt dieses Meisters, ganz eigenartig, ganz anders als in den „Studierzimmern", an deren Schreibtischen und mit Hilfe von deren Bücherschränken wohl sonst gelehrte Eommentare geschrieben werden. Ganz anders. Laßt uns eintreten in den heiligen Raum dieser heiligen Arbeit. Da sehen wir den Meister, da sitzt er in ruhiger Würde aus kleiner Erhöhung — und vor ihm liegt — nur sein “on. Und die Wände? Wohl viel umstellt mit schönen dicken Bänden? Rein, die Wände kahl, kein mit Folianten und Manuskripten schwer beladener Tisch — aber in gespannter Aufmerksamkeit lauschende, lebende Wesen, Menschen, Kinder, Jünglinge und Jungfrauen. Sie alle gilt es zu erziehen; zu Menschen und Juden sie zu bilden; aus sie zu gründen eine Zukunft ihres Volkes, ihnen zu treuer Hütung in die Hand zu geben die Worte der ewigen Wahrheit. Für diesen Beruf das Gottes Wort zu erhalten und zu verwirklichen wollen und sollen sie begeistert werden. Sollen kennen lernen die Erhabenheit jüdischer Ideen, sollen kennen lernen das Leben, wie es dem Weg zur Wahrheit wohl zu Zeiten hindernd entgegentritt. um dann den Blick zur Geschichte zu wenden, die den Sieg der Wahrheit kündet. Klar vor dem Auge stand da die Verantwortung des hehren Werkes, Kinder zu erziehen zu Menschen und Juden. Das Mittel war gegeben im alt überlieferten Schriftthum. Sollte das Mittel dem Zwecke entsprechen, mußte es lebendig werden, wie zu den Zeiten, denen es entstammt, mußte feurig es reden wie damals, da zum ersten Male das Prophetenwort von Liebe getragen, zu seinem Volke sich wandte, wenn anders es Liebe und Begeisterung erzeugen sollte. — Und treu wie der Meister zu seinen Schülern und Schülerinnen geredet, hat er seine Sprache in seinem Buche uns erhalten. Und wie der Erfolg des lebendigen Wortes für ihn zeugt, so wird das Buch, das mit Wärme eindringlich zu uns redet, in weiten