Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 70 (30.8.1900)
- Date
- 1900-08-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1440 „Darf ich Sie, Herr Doktor, einen Augenblick Ihrer Gretchenschaar abspänstig machen?" rief ihm Salomon zu, als wir herangetreten waren. „O, bitte sehr!" erwiederte der Gefragte höflich. „Aber nicht zu lange!" drohte die Montenegrinerin fchelmisch, „ein Faust ist nicht da; wir sind auf den Mephisto angewiesen!" Ich war ein Stück abseits stehen geblieben. Salomon führte den Rabbiner zu mir hin und stellte mich ihm vor. „Sie sehen mich zwar heute in einem sehr wenig rabbinermäßigem Aufzug," begann Mephisto, „aber was thut man nicht alles um eines harmlosen Amüsements willen? lind ich habe schon so viel von dem jungen Herrn Gottschall gehört, daß ich die Gelegen heit, ihn von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen, nicht voriibergehen lasten wollte!" „Zu viel Ehre, Herr Doktor!" erwiederte ich ab wehrend. „Aber, warum sind Sie denn nicht im Kostüm?" fragte er jetzt, „ein junger Mann, >vie Sie, muß ein bischen aus sich heraus gehen!" „Ich bin im Gegentheil der Meinung, unsere jungen Leute sollten mehr in sich gehen!" war meine Antwort. „Sieh inal an," lachte Mephisto und wendete sich zu meinem Bruder, der bisher still zugehört hatte. „Ihr Bruder ist ein tleiner Weltverbesserer!" „Keineswegs, Herr Doktor," berichtigte ich ihn, „ich halte nur dafür, daß unseren jungen Leuten etwas mehr Lebensernst fehlt. Sie gehen eben zu s e h r aus sich heraus! Amüsement ist ihnen Losung, sobald sie eine freie Stunde haben! Bedenken Sie, Herr Doktor, diese „jungen Leute" sind das kommende Geschlecht! Wie sollen sie als Männer dem großen Ernst des Lebens Stand halten, wenn sie als junge Leute in Spiel und Tand ihre Zeit todtschlagen?" Lächelnd hatte mir der Doktor zugehört. Dann sagte er nach einer kleinen Weile, wieder zu Salomon hingewendet, leicht auf mich deutend: „Also, wie gesagt, ein Weltverbesserer!" Es ärgerte mich, daß er mich in dieser Weise so brüskirie. Daher sagte ich mit Betonung: „Das Verbessern überlasse ich denen, deren Aufgabe es ist, unter Andern den Herrn Rabbinern!" „Schade, daß Sie nickt selbst Rabbiner geworden sind!" „Wenn ich als Kaufmann meine Pflicht thue, ist es besser, wie wenn ich sie als Rabbiner vernachlässigte!" „Bravo, inein Freund!" erwiederte Mephisto, mir einen leichten Schlag auf die rechte Schulter versetzend, „mir scheint, man hat mir wirklich nicht zu viel über Sie erzählt! — Sehen Sie mal," setzte er dann, plötzlich den .Kopf hebend, hinzu, „ist der nicht wunderschön, dort, der Page?" Wir blickten nach der Richtung, die er uns angab und sahen von der Eingangsthüre einen wirklich reizenden Pagen im blauen Sammtkostüm sich einen Weg durch die Menge bahnen. Er hatte eben meiner Schwägerin die Honneurs gemacht, sie hatte mit dem Finger auf unsere Gruppe gedeutet und er steuerte nun direkt auf uns zu. Run stellen Sie sick mein Staunen vor! Ich traute meinen Augen kaum! Der Page war — Berthold Da stand er auch schon vor uns, ein strahlendes Lächeln aus dem wirtlich ebenmäßig schönen Antlitz. „Warum so spät?" rief ihm mein Bruder entgegen und reichte ihm die Hand. Auch der Rabbiner, der ihn also bereits kannte, beivillkommte ihn herzlich. (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld Ausland entsprechend höher. Man abonnirt ganzjährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an — Dev Vuchhaiidrl verkehrt durch V. U. S l e i u n ckr r r, Veipria, Rastplatz w. — Inserate 25 Pfennig die viergespaltene Petitzeile oder deren Raum. Preis der Zeile im Reclametheil 75 Pfennig. — Tircete Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs Mark oder 16 Kronen östcrr., für s Ausland 16 Reichs Mark, an die Expedition franco einsenden. 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Inhalt der zweiten Beilage: Leitender Artikel: Aus dem Leben eines Talmudjuden Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Worms. Extra-Beilage: Sprüche der Väter.__ Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „ ISraelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wir th'scheu Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilagen