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Der Israelit · 1900-08-27 · Heft 69 (27.8.1900) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 69 (27.8.1900)
Date
1900-08-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ihr Leben, empfindest die tiefste Ehrfurcht vor ihnen, und wenn sie von dir für ewig scheiden, ist dein Herz zerrissen, gebrochen vor Schmerz, und thränenvollen Auges eilst du in's Gotteshaus und mit Rührung sprichst Du das Kaddischgebet und versäumst nie das Maskir-Neschomos, um nur das Seelenheil deiner geliebten Eltern möglichst zu fördern. Was hilft aber all das, wenn du anderseits das gering achtest, verspottest, verhöhnst, in den Koth zerrst, was deine Eltern für groß, erhaben, heilig, göttlich und als den eigentlichen Zweck ihres Lebens hielten,' wenn du das übst und thust, wirkst und schaffst, was ihr Seelenheil beeinträchtigt und gefährdet? Die Eltern wahrhaft ehren aber heißt: in ihrem Geiste leben; ihr Seelenheil erwirken: Mizwos und Maaßim-Towim üben. Du verehrst Gott mit aller Begeisterung als deinen himmlischen Vater, sprichst mit rührender Liebe von der Thora, deiner göttlichen Mutter, und schätzest gering ihre heiligen Satzungen, die heiligen Gebote Gottes. Darum sei u n g e t h e i l t e n Herzens mit dem Ewigen, deinen! Gotte, «i ay r.vw a*en Wie oft hören wir in unserer Zeit die berechtigte Klage: Wohl haben wir die besten Staatsgesetze, die allen Bürgern ohne Unterschied der Confession die Gleichberechtigung zuerkennen; aber leider bestehen oft diese Gesetze uns Juden gegenüber nur auf dem Papier und werden oft nicht gerecht angewendet. Das ist wahr. Sind aber viele unserer Glaubensgenossen anders? Auch wir haben ein herrliches Gesetzbuch, das unser inoralisches und materielles Wohl zum Ziele hat, das der Inbegriff aller Weisheit und Vollkommenheit ist. esnoan xwa orw: amaty: ."2: -pc -p’x: -pn xn '3 a'ayN'^Haber die Gesetze derThora werden nicht gehandhabt, nicht geübt, nicht ausgeführt, sie stehen für gar viele auf dem Papier. Strebe daher, vollkommen mit dem Ewigen, deinem Gotte zu sein. *ppäx n n'.-m a'-an im Denken wie im Thun, mache Seinen Willen zu dem deinigen; was er verbietet, das meide, verabscheue, verwerfe; was Er gebietet, das sei dein Wohlgefallen, deine Sehnsucht, dein Verlangen es zu thun. Es rücken heran die ernsten heil. Tage der Reue und Buße, des Gerichtes und der Versöhnung, der Tag des Herrn ist nahe, darum ermanne dich und beherzige die göttliche Devise: “ppäx "i ay nnn B'Dn Ein Wunsch soll dich stets erfüllen, ein Gedanke dich ganz durchdringen, ein Streben dich beseelen, ein Wille dich beherrschen — die Verherrlichung des göttlichen Namens durch deine Gesinnung und deine Thaten. “pp^x n ay rrnn man Verbinde dich mit dem Ewigen, deinem Gotte und werde vollkommen. Zeitungsnachrichten und «Korrespondenzen. Deutschland. Berlin. Ueber die Judenkrawalle im Gouvernement Kowno liegen uns briefliche Mittheilungen aus Schawly und eine datirt Poßwitin, den 9. Juli vor. Danach hat sich das gute Verhältnis welches zwischen Juden und Christen in den Gouvernements Wilna und Kowno von jeher bestanden, seit vier Monaten infolge der bekannten Blutbeschuldigung von Wilna wesentlich getrübt. Die Bauern in der Umgebung der Städtchen Woskoi, Pokorni, Linkowo und Poßwetin begannen, den Juden ein finsteres Gesicht zu zeigen. Der Pfarrer von Woskoi erweiterte noch den entstandenen Riß durch Hetzreden und dadurch, daß er den Bauern vorlog, im Besitz von Hirtenbriefen zu sein, in welchen hohe Würdenträger der christlichen Kirche das Volk auffordern, an den Juden Rache zu nehmen und in denen für alle an den Juden begangenen Frevelthaten von vornherein Absolution ertheilt werde. Es gelang schließlich diesem Priester der Religion der Liebe, die Bauern soweit zu bringen, daß sie Mitte Juni (also so lange konnten die Krawalle infolge der Censur verheimlicht werden! Red.) sich in Woskoi zusammen rotteten und eine Reihe jüdischer Läden verwüsteten. Da dieses ihnen straflos durchgegangen ist, verbreitete sich mit Blitzesschnelle das Gerücht, die Regierung habe die Juden dem Volke preisgegeben und daß infolgedessen Jedermann mit ihnen machen dürfe, was ihm beliebt. Der Erfolg war, daß am nächsten Sonntag, am 1. Juli, 2000 Bauern in Linkowo eindrangen, den Juden die Fenster einwarfen, alles plünderten und zerstampften, was ihnen in die Hände fiel und einige unglückliche Juden, die ihnen in den Wurf kamen, resp. die sich nicht gut genug versteckt hatten, so verprügelten, daß sie noch jetzt schwerkrank darnieder liegen. Die Juden von Poßwetin. welche ein ähnliches Schicksal befürchteten, eilten nach Janischki, um den daselbst residirenden Pristaw um Schutz zu bitten. Der Pristaw that auch, was in seiner Macht stand, trotzdem vermochte er gegen die aus Rand und Band gekommenen Bauern nichts auszurichten. Am 8. Juli rückten sie in großen Schaaren in Poßwetin ein und hausten da wie Vandalen. Schließlich zogen sie gegen die Synagoge, schlugen die Fenster derselben ein, erbrachen die Thüre und wollten in das Innere derselben mit der ausgesprochenen Absicht dringen, die Thorarollen daselbst zu schänden und die Bibliothek der Gemeinde zu vernichten. Glücklicherweise gelang es noch dem Pristaw, im Verein mit einigen Gensdarmen, sie noch in der zwölften Stunde von der Umgegend der Synagoge zu verdrängen und schließlich zum Auseinandergehen zu bewegen. Dennoch vermochten sich die Juden von Poßwetin noch lange nicht zu beruhigen, da das Gerücht herum ging, ein Theil der Bauern halte

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