Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 69 (27.8.1900)
- Date
- 1900-08-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1418 ein kleines Bauernvölkchen, in unserem Lande der friedlichen Landarbeit, bearbeiteten den Boden im Schweiße des Angesichtes, und froh und beglückt trugen wir die vollen Garben heim. Da kamen die großen „Culturvölker", das übermächtige Babylon, das allgewaltige Rom, und beglückten uns mit ihrer „Civilisation," mit ihrer verfeinerten „Cultur" und verwüsteten unser Land, wandelten blühende Städte in Schutthaufen, unsere herrlichen Fluren in Wüsteneien, erschlugen unsere Jünglinge, erwürgten unsere Greise, Frauen und Kinder, und düngten Felder und Weinberge mit unserem Blute, mit unseren Thränen. Gleich den heutigen Buren haben wir mit heroischer Todesverachtung unsere Selbstständigkeit vertheidigt und mit kühnem Heldenmuth uns in den Kampf gestürzt gegen den tausendfach überlegenen Feind, und mit jahrelanger Zähigkeit und Ausdauer gestritten für unsere Freiheit. Ohne Hilfe, ohne Verbündete, ja nicht einmal die Sympathieen der anderen Kulturvölker standen uns zur Seite, und wir harrten aus und kämpften wie wahre Helden um unser Land, trotzdem eine ganze Welt von Feinden, von Hassern uns gegenüberstand, bis wir nach langem verzweiflungsvollen Ringen der gewaltigen Uebermacht unterlagen. Und dennoch besteht Israel noch heute. Denn unser Fortbestand, unsere Existenz als Israel ist nicht bedingt von dem Besitz unseres Landes, von unserer Selbstständigkeit, auch nicht von der Sympathie der Völker, sondern von dem Ewigen, unserm Gotte, mit dem wir innig verbunden, mit dem wir Ei n s sind durch die Ausübung Seiner heiligen Gebote, dem wir ganz angehören: 'ppbx h cy ,m am Diese fünf Worte, sie sind die Garanten deiner ewigen Dauer, denn o'ari bebeutet: ganz, vollständig, vollkommen, verbunden, Eins mit Gott sein. Sein Sieg ist der deinige, Sein Ruhm, Seine Verherrlichung, Seine Größe, sie sind dein Triumph, der Triumph der ewigen Wahrheit und Gerechtigkeit, zu deren Sendboten Er dich auf Erden erkoren 'b Hm nnb \;x Gott und Israel gehören einander an, sind mit einander in ewiger Liebe verbunden und wie Gott der Ewige ist, besteht auch Sein Israel in Ewigkeit, ri ny nnn c*an Wie kurz gefaßt und wie gigantisch groß ist dieser Satz, der wie mit Flammenschrift am Firmament gezeichnet erscheint! Er umfaßt die ganze Gotteslehre; seinen Inhalt, seine Bedeutung wiederzugeben, ist die deutsche Sprache zu arm und wir sind in Verlegenheit, so wir nur versuchen wollten, das Wort n'an zu desiniren. Aber der Satz in seiner Diction ist von gewaltiger elementarer Wirkung. So oft wir ihn aus der heil. Thora verlesen hören, ergreift es unser innerstes Gemüth, erzittert unser Herz in heiligem Schauer. Was enthalten nicht alles diese wenigen Worte: -ppb» h cy nnn onsn Dein Denken und Fühlen, dein Sinnen und Empfinden, dein Thun und Lassen, deine Furcht und Hoffnung, dein Wesen und Sein, dein Leben und Stre- , ben sei mit dem Ewigen deinem Gotte verbunden, unzertrennlich, unlöslich, ein Ganzes, h cy rrnn c'an “pp^xüEreu und fest, ganz und vollständig, unget h e i l t e n Herzens mußt du deinem Gotte angehören. Nicht getheilten Herzens, nicht bald dem Baal, bald dem Ewigen huldigen, heute vor dem Tagesgötzen und morgen vor der ewigen Wahrheit im Staube liegen. Nur keine Halbheiten. Keine Irrlehre darf deinen Glauben trüben, nicht die glänzendste Dialektik auch nur für Augenblicke dein Gottvertrauen ivankend machen, nicht die geistvollste Philosophie dich blenden, nicht der gewaltigste Sturm deine Treue beugen; sondern widerstehe allen Versuchungen, ^'pbrr h cy trnn r»er „Sei ungeteilten Herzens mit dem Ewigen, deinem Gotte." Nicht anders denken und anders handeln. Wissen und That, Ueberzeugung und Handlung sollen im Einklang bei dir sein. Bei uns macht nicht der Glaube allein selig, sondern dieser in Verbindung mit der That. Was nützt alle Erkenntniß, alles Wissen, alle Ueberzeugung, wenn dein Thun damit in Widerspruch steht? Wenn du das Gegentheil von dem thust, was du als göttlich, groß und erhaben anerkennst? Was nützt es, wenn du durchdrungen bist von der Wahrheit deines Glaubens, wenn du mit glühender Begeisterung von deinem Judenthum sprichst, und du anderseits die vitalsten Satzungen der Gotteslehre übertretest aus reinem Muthwillen oder aus Bequemlichkeit? Was nützt deine hohe Bewunderung, deine tiefe Ehrfurcht, die du der heiligen Thora zollst, wenn du nicht einmal fähig bist, ihrem göttlichen Gebote auch nur das kleinste Opfer deiner Bequemlichkeit darzubringen, deine Begierden ihretwegen zu zügeln, auf einen Genuß zu verzichten, einer eitlen Freude zu entsagen, oder deinen Erwerbseifer zu meistern und zu beherrschen? Ist aber Religion ohne Opfer denkbar? p-pdrr h cy rvnr ran darum sei Denken und Thun harmonisch in dir rar erd auf Gott gerichtet. Wir leben heute in einer Zeit voller Widersprüche. Unsere Zeit nennt sich mit Vorliebe die der Kultur und Civilisation, der Aufklärung und Bildung, der Humanität und Gesittung und Gott weiß was noch. Es ist wahr. Die Wissenschaft hat erstaunliche Fortschritte gemacht und nie geahnte Erfolge aufzuweisen. Sie hat die verborgensten Geheimnisse der Natur abgelauscht und ihre Kräfte in den Dienst der Menschheit gestellt. Was nützen aber alle Errungenschaften der Bildung, der Kunst und der Technik, wenn anderseits Rohheit, Unwissenheit, finsterer Aberglaube und Verwilderung der Sitten unter den Massen geradezu gezüchtet werden? Wenn im Namen der Humanität und der Kultur Raub und Gewaltthat, Haß und Verfolgung geübt wird? „Sei ungeteilten Herzens mit dem Ewigen, deinem Gotte!" °ppdx h oy nnn c'an. Wir leben in einer Zeit der Widersprüche. Du hängst an deinen Eltern mit der innigsten Liebe, du verehrst sie wie höhere Wesen, zitterst um ihr Wohl, um