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Der Israelit · 1900-08-23 · Heft 68 (23.8.1900) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 68 (23.8.1900)
Date
1900-08-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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(i Uoü Tic luar fast ausschließlich der Diskussion über die Organisation gelvidmet, und in oieiicniLHut der itiuiofiat reit Anzahl der eingeschriebenen Redner lvurde das 7viiuf sJJiinutcn >317ftchi eingeführt. 6s in aber unglaublich, iiue diel Unsinn in so wenigen Ttinnten geredet werden kann! Bevor inan zur Oie ne ralvikussion schritt, berichtete Herr I. 6' 0 tv e n , der Sessions - Präsident der Englischen Zionisten - Förde ration über das Werk seiner Förderation, die Pvirtlich erst seit dem Monat Februar 1899 existiert. Er must anerkennen, daß die Belvegnng in England nur in den I lassen und Bolksschichten ihren Eingang und Weg gesunden hat, die gerade vom Zionismus die Erlösung ans ihrem Leiden erhoffen. Augenblicklich umfastt die Förderation 98 Bereine, und zwar in 29 Städten: sie hat einen Wanderredner, der in den Provinzen, ebenso lute in London, jüdisch-deutsche Vorlesungen über den Zionismus hält. Die Schekelsammlungen beliefen sich in diesem Fahre aus Pfd. 201,17 S. gegen Pfd. 117,8 S. 6 d. im Vorjahre. Ein Antrag Dr. Friedemann's (Berlin), den Eon grest alle zwei Jahre abznbalten, wurde mit einer überwiegenden Majorität abgelehnt. Die Diskussion dauert fort, neue Vorschläge lverden gemacht, die Redner folgen sich alle 0 Minuten ans einander. Hinter dem einen steht schon ein anderer, und doch ist die Liste noch lange nicht erschöpft. Dr. Herzl kündigt eine Rächt stt.'.nng an, um die verlorene Zeit tvieder einzuholen. Zn allgemeinem Erstaunen, aber auch mit donnerndem Applaus von den Tribünen, die jetzt gegen Ende des Tages vollgepfropft sind, betritt Max Nordau die Tribüne und improvisiert eine Ansprache, die kein Auge in der Versammlung thränenlos läsit. „Der Congreß", sagte er, „arbeitet für die Zukunft, aber die Gegenloart stellt dringende Ansprüche an uns. Das Judenelend in seiner herzbrechenden Form belagert die Thüren unserer Halle und starrt uns beim Eintritte in die Augen. Cie haben alle die rumänischen Juden gesehen, die sich dransien an die Wände lehnen, weil sie sich nicht aufrecht erhalten tonnen. Man versichert mir, daß in hiesigen Blättern über zwei Fälle berichtet wurde, daß zwei rumänische Juden vor Hunger auf der Straße gestorben sind. Eiestern bat eine rumänische Jüdin Dr. Herzt einen Augenblick heranzukommen; bevor er es aber thun konnte, «war sie schon in Ohnmacht zusammengebrochen. Wir im .Üomitee haben keine Mittel, aber lvir hier im Eongreß. Ivir sind Menschen. Es soll nicht von uns gesagt lverden, daß 4900 Juden 4 Tage zusammen gelvesen sind, und daß nur eine Mauer sie von armen Glaubensschwestern und -Brüdern trennte, die vor Hunger starben. Ein altes hebräisches Sprichwort sagt: „Wohltbätigkeit rettet vom Tode." Wenn nicht denjenigen, der Almosen gibt, >vie die Andeutung lautet, so doch in jedem Falle den, der empfängt. Also, geben Sie, geben Sie was Sie können! Eine Sammlung, die sofort durch die Frau DJi. Friedländer, Frau Prof. Gottheit und die anderen Eon greßdamen im Saale veranstaltet lvurde, ergab Pfd. 81 19 S. l 1000 Btt.). Es mag hier bemerkt werden, daß die Geschichte der beiden vor Hunger gestorbenen rumänischen Juden nur eine fromme . . . Erfindung eines Zeitungsschreibers gelvesen ist. Die Diskussion wird wieder ausgenommen. Herr Elarenee de Sola (Eanada) schlägt vor, daß in Ländern, wo eine Förderation existiert, das Actions komitee nur mit dieser in direkter Beziehung stehen soll und keine Sehekelgekder von einem außerhalb der Förderation stehenden Vereine annehmen soll. Der Antrag lvurde von Prof. Gottheil namens der amerikanischen, englischen und südafrikanischen Vereine unterstützt, da. gegen von den Russen heftig angegriffen. Die Dis knsfion nahm nun einen äußerst stürmischen Charakter an, so daß Dr. Herzl zum besten Mittel, die erregten Gemüther zu beruhigen, seine Zuflucht nahm, indem er die Sitzung für eine Stunde unterbrach. Schlag halb 10 Uhr begann die Nachtsitzung. Dr. Herzl und späterhin Dr. Max Nordau waren im Präsidentenstuhke. Die Diskussion der Nachmittagsitznng lvurde fortgesetzt, führte aber auch zu keinem Resultate. Das Wort lvurde nunmehr Dr. Gaster ertheilt, der in begeisterten Worten über die intellectnelle Entwickelung und den Fortschritt der Erziehung des Judenthums mit Bezug auf den Zionismus sprach. Dann wandte er sich plötzlich, ohne daß seine früheren Auslassungen es andeuteten, gegen die Alliancen, in die bisher das jüdische Volk sein Vertrauen gestellt, und die jetzt nicht mehr das Recht haben im Namen des jü dischen Volkes die Stimme zu erheben. „Die Zeiten haben sich geändert seitdem die Alliance Jsraekite von Montefiore und Cremieux gegründet wurde. Die Gefühle sind verflogen, das Herz ist kalt geworden und die offene Hand wird nicht mehr dargeboten. Sie ist jetzt in eine Faust zusammengeballt." „Jn's Grab zurück!" ist die einzige Antwort. Wir aber antworten: „Nein, tvir Zionisten, lvir lverden das Grab öffnen, lvir lverden die Särge offnen und den Todten neues Leben einflößen: Wir lverden nicht gestatten, daß unsere Ehre, unsere Würde und unser Judenthum mit Füßen getreten werde." Dr. Gaster's feurige, von tiefstem Herzen kommende Rede hielt noch die Versammlung zusammen; sobald er geendigt verließ die Mehrheit den Saal, in dem sich schließlich kaum hundert Delegierte befanden. Unter diesen Umständen und angesichts der allgemeinen Ermüdung wurde es dem Präsidium schwer die Sitzung weiterzusnhren. Nichtsdestoweniger hielt Herr Redakteur Sololow (Warschau) einen hochinte ressanten Vortrag über die geistige Hebung der Juden im Osten Europas. Dann wurde die dritte Sitzung des dritten Tages kurz vor 1 Uhr Morgens geschlossen. (Schluß in der zweiten Beilage.)

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