Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 68 (23.8.1900)
- Date
- 1900-08-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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41. Jahrgang. Erste Weikage zu M 68 des „Israekt" Leitender Artikel. vierter Zionisten-<Longreß. IV. IN i t t U) o d). Trotz der späten Sitzung am vorhergehenden Tage, zu der man noch die Berathungen der Landsmannschaften und der Ausschüsse hinzufügen mutz, waren die Delegierten frühzeitig am Mittwoch in der Queens-Hall erschienen. Aber die Ermüdung läßt sich leicht auf den Gesichtern erkennen; sie wird iin Laufe des Tages öfters in eine leichtverständliche nervöse Reizbarkeit ausarten. Dr. H e r z l eröffnet kurz nach 10 Uhr den dritten distussionsreichen und nahezu 14 Stunden währenden Congretztag. Von dem heutigen Tage lätzt sich wirklich sagen: Viel eitles Geplauder und wenig Thun. Nachdem neuerdings eingelaufene Glückwunschtelegramme zur Verlesung gekommen waren, kam Prof. Mandelstamm an die Reihe, seinen Vortrag über die körperliche Aufbesserung der Juden zu halten. Er beschäftigte sich hauptsächlich mit den „Ghettojuden" des Ostens und nicht mit den Juden der westlichen Länder, da deren ökonomische Lage duchaus nicht schlimmer sei, als die ihrer arischen Landsleute. Er sei ganz glücklich, in England über sein Thema sprechen zu können, das schon früh zur Erkenntnitz des Wortes: „Rur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist" gekommen war. Prof. Mandelstamm entrollte vor seinen Zuhörern ein pathetisches Bild des Ghettolebens der russischen Juden, und erklärte, daß seiner Meinung nach das russische Reich noch dreimal soviel Juden, als deren jetzige Zahl, ernähren könnte, wenn es denselben erlaubt wäre, sich dem Ackerbau zu widmen. Der russische Jude ist durchaus nicht faul, im Gegentheil, Thatsachen beweisen, datz er die härtesten Arbeiten verrichtet. Es gibt kein noch so niedriges Handwerk, von der Dachdeckerei angefangen bis zur Latrinenreinigung. das der Jude nicht verrichtet. Das Vorurtheil entsteht leider dadurch, daß es zu viel Handwerker und Taglöhner gibt, daß das Angebot bei weitem die Nachfrage übersteigt. Der Einfluß, den die geschilderte Lebensweise auf die leibliche Beschaffenheit der Juden in Rußland hat, ist daher leicht zu begreifen. Schließlich bemerkt der Redner, daß die russische Judenfrage nur durch eine Massenemigration nach dem einzigen Lande, Palästina, wo sie die vollen Menschenrechte genießen könnten, zu lösen sei. Prof. Mandelstamm's Rede war mit immer steigender Aufmerksamkeit angehört worden, und als der donnernde Beifall am Schlüsse sich etwas gelegt hatte, wurde beschlossen, die Rede als Broschüre in ganz Europa zur Verbreitung zu bringen. Sie verdient es auch in der That.*) Dr. B o d e n h e i m e r nahm nun das Wort, um über die Organisation itnb Agitation zu berichten. Wie Dr. Herzl späterhin erklärte, sind manche der Rathschläge, die Herr Dr. Bodenheimer in seinem Vortrage gibt, des Redners eigene und keineswegs diejenigen des Aktionskomitees. Nach den Allgemeinheiten, mit denen wir schon seit Jahren bekannt sind, kam der Redner zu Einzelheiten. Er war für Schaffung eines Preßbureaus und die Verwirklichung eines von Professor Schapiro kurz vor seinem Tode gefaßten Planes, nämlich eines Nationalfonds. Jedoch glaubt Dr. Bodenheimer, trotz der Nützlichkeit eines solchen Fonds, daß ein Hülfsfonds dringender sei. Er wisse nicht, wie lange es noch dauern werde — er hofft, es sei recht bald — bis man die langersehnte „Charter" erhalte, aber bis dahin müsse etwas gethan werden, um Glaubensgenossen vorm Hungertode zu retten. Eine Spezialkommission sollte dazu ernannt werden, die sich auch damit abgeben sollte, Statistiken und Informationen einzuziehcn, wo jüdische Handwerker Arbeit finden dürften; Sparkassen sollen in's Leben gerufen und den Frauen und Kindern soll Unterhalt gesichert werden, bis die Männer im Lande der Emigration Beschäftigung gefunden hätten. Was die Propaganda anbetrifft, so empfiehlt Dr. Bodenheimer u. a. Wanderredner, ein tägliches zionistisches Organ, Volkskalender, litterarische und Turnvereine u. s. w. Ferner denkt Dr. Bodenheimer, es wäre hinreichend, wenn der Congreß nur alle zwei Jahre stattfände und nicht immer am selben Orte. Sir Francis Montefiore war der nächste, der eine Ansprache an den Congreß richtete, die er in deutscher Sprache fast ohne irgend welchen ausländischen Accent vom Blatte las. Seine Worte, hauptsächlich diejenigen, die seinen Onkel, Sir Moses Montefiore, in Erwähnung brachten, wurden häufig durch Beifall unterbrochen. Er erklärt sich auch nicht ganz davon überzeugt, daß selbst im freien England Antisemitismus unmöglich sei. Er weist durch Beispiele die Behauptung, Juden seien nicht zum Ackerbau geboren, zurück und macht einen ernsten Aufruf an die Zionisten und an die Judenheit im Allgemeinen, ununterbrochen für den Ruhm des jüdischen Volkes zu arbeiten. Es kam noch ein Brief Bernard Lazare's zur Verlesung, um dessen Abwesenheit im diesjährigen Congreß zu erklären, und die Morgensitzung wurde geschlossen. *) DaS müssen wir nach Einsicht in das ManuScript der Rede stark bezweifeln. Red. d. JSr.