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Der Israelit · 1900-08-23 · Heft 68 (23.8.1900) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 68 (23.8.1900)
Date
1900-08-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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14ö 0 tvas ich thue! Ich brauche keinen Vormund, durchaus keinen!" Ich empfand deutlich, daß hinter diesem Geständniß etroas Besonderes zu suchen sei und lvartete schweigend, bis er sich näher erklären würde. Das that er denn auch in folgenden Worten: „Sieh mal, Leo! Beten! Was hat das überhaupt siir einen Sinn? Keinen! Beten ist Unsinn! Wie kann ich Gott meine Wünsche und Bitten vortragen und erwarten, daß er sie erfüllen werde? Und wenn er etwa bereits anders beschlossen hat, als ich von ihm erbitte, sollte er um meinetwillen seinen Entschluß ändern? Darf ich das von eineni allwissenden Gott voraussetzen? Ja, w ä r e er überhaupt Gott, wenn er durch eines Menschen Wort in seinem Schaffen beeinflußt werden tonnte? Nein, Leo, zu der Erkenntniß bin ich schon längst gekommen, daß es keine thörichtere Erfindung gibt, als das Gebet, und nun noch dazu in dieser tobten hebräischen Sprache, von der man die Hälfte überhaupt nicht versteht! Jetzt tveißt Du's!" Himmel! dachte ich, der Berthold Spier spricht ja auf einmal wie ein Gelehrter und ein Philosoph! Es hörte sich fast komisch an in seinem Munde! Man war das so gar nicht von ihm gewöhnt, daß er tiefere Gedanken aussprach. Woher sollten sie ihm auch kommen? Etwa aus den Schauderromanen, die ich öfter in der Schublade seines Nachttisches vorfand? Oder aus dem Verkehr mit seinem Intimus Kramer? Das Letztere wäre noch das einzig Mögliche! .Kramer war nämlich so eine Art verkommenen (Genies. Spier hatte mir öfter von ihm erzählt. Er hatte ursprünglich studieren sollen; es konnte aber nichts daraus lverden, weil seinen Eltern die Geldmittel fehlten, die theuere Studentenzeit zu bestreiten. Aber genascht hatte Kramer in allen Wissenschaften ein bischen. Er las viel, besonders naturwissenschaftliche Sachen und da wieder die populären Schriften der modernen materialistischen Schule. Büchner und Haelel kannte er fast auswendig. Wahrhaftig! Was ich da aus Berthold's Munde gehört hatte, das klang ganz nach jener Schule, das war so eine Art unverdautes Zeug, welches er von Kramer ausgenommen und mit welchem er nun sein eigenes Gewissen zu beruhigen strebte. Ich tvußte ganz genau, daß Berthold nicht im Stande sein würde, einer gründlichen Behandlung der von ihm angeschnittenen Frage zu folgen. Gleichwohl fühlte ich inich gedrungen, ihm wenigstens das Eine zu erwidern: „Und wie steht es denn mit der Pflicht, Deinem Schöpfer für die Wohlthaten zu danken, die er Dir täglich und stündlich zu Theil werden läßt, für die Gnade, mit der er Dich nährt und erhält und Dir Alles bereitet, wessen Du bedarfst? Dieser Pflicht kannst Du Dich doch nicht entheben! So wenig lvie der anderen, den Schöpfer und Erhalter aller Dinge zu preisen und zu loben und in das Halleluja einzustimmen, welches die ganze Natur, die lebendige und die leblose, Ihm zu Ehren fort und fort vernehmen läßt! Du zeigst Dich in Deinem ganzen krassen menschlichen Egoismus, wenn Du bei dem Worte „Gebet" sofort nur Deine Wünsche und Deine Bitten im Auge hast, aber nicht bedenkst, daß neben den Bittgebeten die gleichwerthigen Lobgebete unb Dankgebete stehen! Du weißt doch — —" „Ach, laß mich zufrieden," fiel er mir da in's Wort und schloß die Hausthüre auf, „ich bin viel zu müde zum Philosophieren!" Und ich ließ ihn zufrieden. Auch weiterhin. Denn von Tag zu Tag merkte ich, wie er immer mehr und inehr von den heiligen religiösen Dingen abwarf, die er bis dahin zu achten pflegte. Der erste Schritt vom Wege that feine Wirkung. (Fortsetzung folgt.) Der „Israeli t" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höher. Man abonnirt ganzjährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an — Dev Buchhandel vrvlrrhrl durch D. Zf. S l r i n s ck r r, Leipzig, Noßplatz jb. — Inserate 25 Pfennig die viergefpaltene Petitzeile oder deren Raum. Preis der Zeile im Reclametheil 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen österr., fürs Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einsenden. Postzeitungsliste 3863. Telephon 315. «ine Rücksendung der an die Redaction eingesandten Manuskripte findet nicht statt, «an bittet deshalb, sich von allen Einsendunaen eine «ovie zurückzubeüalteu «tellensnchende erhalten auf Wunsch die Jnferaten-Beilage vier Wochen lang gratis und franeo rugefandt. Ebenso stunden wir aus Wunsch die Zahlung des AnfertionSbetragS an außer «teste Befindliche bis _nach Erlangung einer solchen._ Inhalt: (Hauptblatt). Leitender Artikel: Die jüdischen Speisegesetze und die Kölnische Zeitung. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen: Deutschland: Breslau. Bremen. Rees. Bad-Nauheim. Oesterr.-Ung. Monarchie: Nikolsbürg. Personalien. — Vermischtes. — Feuilleton: Ein Schritt vom Wege. (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Lei euder Artikel: Vierter Zionisten-Kongreß. — Zeitungsnachrichten und Corre spondenzen: Deutschland: Cvdtkuhnen. Ulm. Rumänien: Bukarest. Bulgarien: Sophia. Inhalt der zweiten Beilage: Leitender Artikel: Vierter Zionisten-Congreß. — Zeitungsnachrichten u. Corre spondenzen: Deutschland: Koblenz. Rumänien: Bukarest. Blätter für jüdische Geschichte und Literatur. Verantwortliche Redactton: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „ Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der J oh. W i r t h' schen Hofbuchdruckerei-Actien Gesellschaft in Mainz. Hierzu drei vettageu.

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