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Der Israelit · 1900-08-23 · Heft 68 (23.8.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 68 (23.8.1900)
Date
1900-08-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1399 niß hasten wird, war ich mit meiner Gewissenhaftigkeit in allen religiösen Dingen nach viel, viel peinlicher und nach tausendmal eifriger mit meiner Ausbildung im jüdischen Wissen. Seit mehr als einenr Jahre bereits hatte ich begonnen, einem Talmudschiur unseres all verehrten Rabbiners beizuwohneu und ich kann sagen, das; mir die Geistestieseu, die sich mir da austhaten, nickt wenig imponierten. Die zwei lllbeude in der Blocke, au denen ick so nianehcs unserer religiösen Gebo'e bis an die Duelle zurück verfolgte, trugen nicht wenig zp! ineiner fortgefebten inneren religiösen Be sesiiglin.g bei. alleni. Inas ick th.ck, standen mir die Eltern vor Augen mii ihrer Sorge um mich. deinen einzigen Schritt vom llüege hatte ich mir vorzuwerseu. Iuuner geradenuging ich, das eine große Ziel eine3 Lebens im Sinne iluferer heiligen llteligiou im lllnge! Ieiv'r erste Schritt b n, dckleae loar es ja auch getoeseu, vor dem Herr Fromanu so richtig gelvarnt hatte. Ihn allein wollen unsere Weisen mit ihren tausendfach vorbeugenden Anordnungen verhiiten, weil sie seine Gesährlichteit bereits vor Iahrlausenden voll erlanni l)atten. p-in 'varnendes Beispiel für die Folgen jenes ersten Schrilles hatte ick ja auch uniittelbar vor Augen - Bert hold Spier! Au ilnn batte sie!) im Lause der Jahre dasjenige buchstäblich ersiillt, lvaS Herr Fromanu damals als ein Grempel in Bezug aus mich enttvielelt hatte. Sie eutsinneir sich, das; Bertbnld durch einen Gommis aus seine»', Geschäfte au jeueiu Freitag Abend mit nach der neuen Svuagoge geschleppt lvnrde. Da hatte er zum ersten Mack nicht gebetet. Gr fand «defallen an der in die Schi,? fallenden Art des GoiieSdiensteS und ging öfter, schließlich sogar immer bin. Immer — d. h. nur, ivenn er gerade „nichts Besseres" dorbatte! Denn auf die Dauer vermochte ihn dieser Gottesdienst doch nicht zu fesseln, und zwar deßhalb nicht, tveil ihm das Gin ziae leblte,!vaS ivahrhaft fesseln konnte, das persönliche Gebet des Einzelnen. ll.ll'ehr als eimnal tain Berthold Spier in der Folgezeit am Freitag Abend erst spät gegen 11 Uhr nach Hause. Das erste Mal, als dies geschah, erhielt ich sofort auch einen deutlichen Ginblick in die totale Umänderung, die mit dem jungen Manne vor sich gegangen war. Schon längst tvartete man bei Münz nicht mehr auf Berthold mit Kiddusch, wenn er Freitags Abend nicht pünktlich zur Stelle war. Man sah cs, es lag ihm selbst nicht viel daran: warum sollte man sich da Unbeqneinlichkeiten anserlegen? An jenem Abende jedoch kam er überhaupt nickt zu Tisch. Ich >var längst zu Dr. H. geeilt, mein Schiur war zu Ende, als ich aus dem Heimwege, in unsere Straße einbiegend, Berthold Spier in gemüiblicher Gangart vor mir herschlendern sah. „Run, Berthold, eilig hast Du's nicht!" redete ich ihn von hinten an, als ich in seine Rahe gekommen war. Gr drehte sich hastig um und schien im ersten Augenblick nicht wenig verblüfft. Dann aber faßte er sich und sprach: „Ich bin zu müde! Bier Stunden hinter einander lauter f ist aber auch ein bischen viel! Wer kann denn das aushalten?" „Ach so! Du warst in der Oper?" fragte ich unbefangen. „Der Kramer bat mich wieder mitgeschleppt!" begann er sich sofort zu entschuldigen, „er hatte gerade ein Bittet übrig, das er für seinen Vetter mitgekauft hatte: der war Rachinittags krank geworden. Und ich hatte ja auch den „Lohengrin" noch nicht gesehen! Die Halste vom ersten Akte haben >oir ja versäumt. Wir haben erst um ' -8 Uhr geschlossen." „Run! Und in der Shnagoge warst Du gar nicht?" fragte ich offen. „Bckißt Du, Leo." begann er jetzt, „daß Du mich immer eramiuirst, das ist nicht zum Aushalten." Tbatsächlieh hatte ick seit je ein wenig Acht ans ihn. Ich kannte seine Srliwäche und wußte, wie leicht er zu lenken sei, nack ver guten und nach der schlechten Seite hin. Da hielt ich'S denn für meine Pflicht, ihn ein bischen zu bemuttern. Bis einem gelmssen Grade hatte ich ja auch ein Reibt dazu, denn in der ersten Zeit war e r es ja gerade gewesen, der mick mi! ineinen Rathschlägen und meinem Wissen sl> oft in Anspruch nahm. Diese Zeiten waren allerdings längst vorbei, aber von der Getvohnheit, ihn in religiösen Dingen zurechtzuweiseu, war doch noch ein wenig in mir girückgebliebeu, und manchnral kam diese Gewohuhei! ivieder zum Durchbruch. So auch jetzt. „Ich eramiuire Dich gar nicht!" erwiederte ich gelassen, „i ch habe ja gar nichts davon, wenn Du nicht in der Svnagege warft; ich frage nur um Deine tw i l! e n!" „Ich toeiß allein, was ich zu thun habe!" replizierte er zornig. „Gs scheint so," gab ich zur Antwort, „sonst würdest Du nicht seit neuester Zeit auch zuweilen des Morgens iu's Geschäft gehen, ohne gebetet und Tesillin gelegt ’u haben!" „Wie kannst Du das wissen? Du bist ja längst fort, wenn ich ausstehe!" „Frau Münz hat es mir gesagt!" „Also Du spionirst mir nach?" „Rur um Deinetwillen, wie gesagt!" Wir waren indessen immer in unserer Straße aufunv abgegangen. Gs trat eine Pause ein. Er schien sich aus etwas zu besinnen. „Grit!" begann er endlich mit Nachdruck, „ich will's Dir gestehen: ich bete des Morgens nicht mehr, ich bete überhaupt nicht mehr!" Sprachlos über diese unumwundene Eröffnung blieb ich sieben und starrte ihm in das Gesicht. „Ja, ja," fuhr er lächelnd fort, „ich weiß ganz gut,

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