Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 68 (23.8.1900)
- Date
- 1900-08-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1395 am Sonntag besser als an anderen Tagen geführt wird. Daß man aber ohne alle speziellen Speisegesetze am Sabbat und Sonntag besser als sonst essen und trinken kann, braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden. Diese und ähnliche schiefe Urtheile, welchen man in der vorliegenden Darstellung begegnet, beruhen, wie bereits bemerkt, lediglich darauf, daß der Verfasser den Irrthum großer .streife theilt, die das Motiv dieser Gesetze auf sanitärem Gebiete vermuthen. Ein Blick in den biblischen Wortlaut dieser Gesetze genügt, um das Unmögliche dieser Annahme sofort darzuthun. Wenn Gottes Wort das Genußverbot z. B. über Fleisch ausspricht, das durch organische Verletzung des betreffenden Thieres gewonnen wurde, so leitet es kein Hinweis auf die dietätische, klimatische oder temporelle Rücksichten, sondern mit dem Appell an den heiligen Beruf iüdischer Männer ein und lautet: „Männer eines heiligen Berufs sollt ihr mir sein und Fleisch, welches dem Felde verfallen, trepha, ist nicht genießbar." .(2. B. M., Cap. 22, V. 30.) Mit derselben Mahnung schließen auch die Speisegesetze 3. V. M., Cap. 11, V. 41—45; Cap. 20, V. 25. Wir schließen diese Betrachtung mit einer Erklärung dieser Stelle aus dem Pentateuch-Commentar von Samson Raphael Hirsch, welcher den richtigen Gesichtspunkt, von welchem die jüdischen Speisegesetze beurtheilt sein »vollen, durch folgende Worte präcisirt: „Nicht unsere leibliche Gesundheit, die geistige und sittliche Gesundheit unseres seelischen Wesens soll durch Beachtung dieser Gesetze sicher gestellt werden, die unsere leibliche Sinnlichkeit vor thierischer Heftigkeit der Begierden. unsere geistige sittliche Willenskraft vor Stumpfheit und Lähmung schützen und uns als Grundbedingung der Lösung unserer geistig sittlichen Aufgabe die Fürsorge an's Herz legen wollen, daß wir unfern sinnlichen Leib auf jener schmalen Linie der zugleich gefügigen und lebendigen Reinheit erhalten, die ihn zum gehorsamen und tüchtigen Werkzeug und Diener unseres göttlichen, geistig sittlichen Wesens befähigen. Bereits im Choreb (Kap. 68) haben wir auf die Bedeutung der Speisegesetze, u. zugleich auf die Erfahrungen hingewiesen, welche dem Prinzipe dieser Nahrungswahl mit Rücksicht auf unfern Geist und unsere Sittlichkeit das Wort reden. Alle die wahren Thatsachen, aus welchen seitdem der heutige Materialismus seine falschen Schlüsse zieht, dürsten aber, wenn göttliche Gesetze noch dessen bedürften, die Wahrheit dieses Prinzipes im hellsten Lichte zeigen. Ist der Einfluß der sinnlich leiblichen Stoffe unseres Körpers auf Geist und Wille so groß, daß die materialistische Lüge sogar die beschränkte Vermessenheit haben kann, Geist und Wille selbst nur zu Attributen des Stoffes zu verflüchtigen, und die Erscheinung ihrer Tätigkeiten ganz als stoffliches Produkt stofflicher Organe in das Eine und Alle des Stoffes ausgehen zu lassen: wie begreiflich wird dann die Sorgfalt der göttlichen Wahrheit, die in dem Stoffe nicht die Kraft und im stofflichen Organ nicht den Geist, wohl aber in Beiden das „Werkzeug" erblickt, das nicht das über Stoff und stoffliche Kraft frei erhabene Dasein des Geistes, wohl aber dessen Wirksamkeit im irdischen Hiersein bedingt, wie begreiflich wrvd die Sorgfalt, die dem, im steten Wechsel sich neu erzeugenden „Werkzeug" des Geistes nur solche Stoffe zu seiner Regenerirung zuzuführen gestattet, welche ihm das gefügige und vollbringungsfähige Bereitsein, für den Dienst des Geistes bewahren und erhöhen, und dem Geiste die Beherrschung und Verwendung dieses Werkzeuges zu den sittlichen Vollbringungen seiner Aufgabe erleichtern." „Aber Du begreifst nicht, wie diese schaden können?" schreibt derselbe Autor im Kap. 68 seines erwähnten Werkes. „Und begriffest du es nimmer, und lehrte die Erfahrung nimmer dich, wie für's Erdenleben der göttliche Menschengeist an den Körper gebunden ist, mit den kleinsten seiner Thätigkeiten; lehrte sie dich auch Nimmer^ lvie durch Körpergenüsse Triebe erregt und gebändigt, Geistesklarheit gefördert und getödtet wird, wie selbst Thiere durch den einen Genuß blutdürstig wild, zahm und mild durch den anderen werden. — Dennoch! genügt es dir nicht, daß Gott, von dem ja überhaupt erst Recht du an die Dinge hast, das Recht zum Genuß bei diesen dir untersagt? daß Gott, dessen Dienste du deine dir geliehenen Körper- und Seelenkräfte dir erhalten und weihen sollst, dir die vermeintliche Vermehrung dieser Kräfte durch diese Genüsse untersagt? Dass du, indem du sie genießest, mißbrauchest Gottes Güte, ungerecht wirst gegen Gott, gegen Geschöpf, gegen dich — und Seinem Willen, — deiner Bestimmung entgegen handelst? — Und wie wolltest du den Grund dieser Gesetzes schranken auch nur ahnen können! Kennst du denn die Natur der Geschöpfe um dich? Kennst deine eigene Natur? Die Art deiner Ernährung? Wie Nahrung zu Körperkräften sich verhalte und Körperkräfte zu der Seele Kraft, deren Organ der Körper ist? Erst wenn du dies alles kennst, nicht nur vermuthest, erst wenn du dich also im Kreise der Schöpfung schaust, wie dich dein Schöpfer schaut — erst dann wundere dich, daß du dieser Gesetze Grund nicht einsehest." Der Verfasser führt dann einen überaus geistvollen Nachweis über den Zusammenhang dieser Vorschriften mit diesem ihrem in dem Schriftwort ausgesprochenen Zweck, und bricht diese Untersuchungen dann plötzlich mit folgenden Schlußworten ab: „— Doch meine Kenntnißarmuth muß sich wohl schämen, also —- vielleicht zu träumen. Hoch über solche Träume, auch des kenntnißreicheren, ja -reichsten erhaben, steht aber unseres Lebens Thora-Gesetz, unwandelbar, wie das Gesetz, nach dem die Gestirne ziehen, wie das Gesetz, nach dem das Samenkorn sich entwickelt; denn es ist derselbe Gott, der dort das Gesetz zwingend