Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 68 (23.8.1900)
- Date
- 1900-08-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1394 nicht Animosität ist, die uns die Feder in die Hand drückt. Aber siiglich scheint eine Richtigstellung der Jrrthümer doch geboten, die ein ernsthaftes, angesehenes Blatt, wie die „Kölnische Zeitung," unter ihrem großen Leserkreise über Juden und Judenthum verbreitet. Die uns vorliegende Darstellung beginnt mit einer Aufzählung der Beschränkungen, welche der jüdischen Küche durch die Speisegesetzc auferlegt sind. Wenn es auch im Allgemeinen richtig und selbstverständlich ist, daß ein Speisegesetz wie jedes andere Gesetz demjenigen, der ihm untersteht. Beschränkungen auferlegt, so könnte inan mit demselben Rechte von diesem Gesichtspunkte aus jedes göttliche und menschliche Gesetz bemängeln. Ja, >nit noch viel größerem Rechte, da die Einschränkungen, welche die jüdischen Speisegesetze einem Volks lreise auferlegen, der schon tausende von Jahren unter ihrem Regime steht, gar nicht mehr als solche empfunden werden. ' Den Juden, der diese Zusammenstellung alles ihm Berbotenen da liest, muthet das Ganze eigenthümsich an: er erfährt es hier sozusagen zum ersten Mal. Bis jetzt hat er gewußt, daß die Zahl der ihm erlaubten Genüsse die der verbotenen wesentlich übersteigt, und jetzt soll die stattliche Zahl der ihm versagten Speisen, die hier detaillirt vorgeführt wird, ihm plötzlich eine Einschränkung und Verkümmerung des Lebensgenusses beweisen, von der er in praxi so tvcnig tveiß, wie etwa der Richtjude, wenn ihm der Genuß von Schierling und Tollkirche, von Insekten und Würmern, aus sanitären oder ästhetischen Rücksichten versagt ist. Es ist auch richtig, daß die jüdische Osternküche noch eine größere Einschränkung erfährt: aber daß sie deßhalb das wahre Kreuz der jüdischen Hausfrau sei, das erfahren wir hier zum ersten Male. Mit demselben Reckte könnte man die österlich gescheuerten und geputzten Dohnräume das Kreuz einer christlichen Hausfrau nennen. Hier wie dort tritt die Mühe und Arbeit, die eine rituell eingerichtete .Küche oder eine sorgfältig gereinigte Wohnung erfordert, vor der Freude mit dem Besitz derselben zurück. Uns interesiirt an dem Ostertüchenzettel, welcher hier mitgetheilt wird, die aus rothen Rüben hergestellte eigenartige Suppe, weil sie verräth. daß der Verfasser kein deutscher Jude, sondern jedenfalls ein solcher ill, dessen Wiege im fernen Osten, etwa in Rußland, Polen oder Galizien gestanden hat. In Deutschland kennt man diese Speise gar nicht, während sie bei den in genannten Ländern lebenden Juden in der That zum österlichen Menü gehört. Dem Verfasser sind die jüdischen Speisegesetze nur noch ein Gegenstand der .Jugenderinnerung, in der Praxis hat er sich von ihnen längst emancipirt. Daher spricht er von den Gepflogenheiten der jüdischen Küche in der Vergangenheit, er sagt vom Sabbatessen, daß es schon am Freitag hergestellt werden mußte, daß es in der Rabe des Herdseuers warm gehalten wurde u. a. m. Hier identifieirt der Verfasser die jüdische Gesammtheit mit sich selber. Für jene sind diese Speisegesetze aber G. s. D. kein iibecwundener Standpunkt. Mögen sich auch viele westeuropäische Juden davon emancipirt haben, für den bei weitem größten Theil der gesummten Judenheit w i r d das Sabbatessen schon vorher fertig gestellt, und lv e r d c n auch heute die Speisegesetze mit strikter Observanz inne gehalten, wie der Verfasser auch das Speiseverbot am Versöhnungs tage noch zu beobachten scheint, wenigstens spricht ec davon int Präsens. Auf die witzelnde, blasphemirende Art und Weise, wie hier der göttliche Ursprung und Eharakter der jü dischen Speisegesetzc als orthodoxe Marotte hingestellt ivird, brauchen mir, nachdem wir den Verfasser kennen gelernt haben, hier nicht einzngehen. Das gehört zürn Stück, daß Jemand, der sich von den Satzungen seiner Religionsgenossen ostentativ losgesagt hat, biefen Bruch durch billige Witze zu bemänteln sucht. Bedauerlich ist diese geringschätzige Behandlung des Gegenstandes insofern, als sie den Verfasser f)tir dert, den höheren Gesichtspunkt zu ahnen, unter welchem allein die jüdischen Speisegesetzc bcnrtheilt werden müssen. Dem Verfasser liegt das Mo t i v dieser Ge setze ausschließlich in Rücksichten ans die körperliche Ge sundheit. Die Enthaltsamkeit und Selbstbeherrschung, die Familien-Anhänalichkeit, die Gastlichkeit und die anderen Tugenden, welche hier in sehr ansprechender Weise aus den jüdischen Speisegesetzen abgeleitet werden, sind nur mittelbare Folgen derselben. Die nachtheiligen Folgen, die hier mit einer Spitzfindigkeit aus den iüdischen Spcisegesetzen abgeleitet werden, die der Verfasser wohl am meisten geneigt wäre, „talmudisch" zu nennen, leiden ebenfalls an starken Uebertreibungen. Wohl haben diese Gesetze und ihre gewissenhafte Beobachtung ohne Zweifel eine gewisse Abschließung der Inden zur Folge. Aber ob diese Wirkung wirklich so verhängnißvoll für die Juden geworden ist, wie uns hier glauben gemacht wird, darf man billig bezweifeln. Die tägliche Erfahrung lehrt das Gegentheil, daß die nichtjüdische Welt sich viel leichter mit der Zurückgezogenheit, als mit der Aufdringlichkeit und Eindringlichkeit abfindet, mit der von ihren Speisegesehen emancipirte Juden sich an nichtjüdischen Tables d'hotes breit machen. Wenn aber gar das besondere Geschirr für Milch- und Fleischspeisen, und den besser geführten Sabbat- und Festtagtisch die Fabel vom jüdischen Reichthnm geschaffen haben soll, so wird der nüchterne Beobachter diese Suche nach Schattenseiten an den jüdischen Speisegcsetzen mit einem lächelnden Kopfschütteln begleiten. Daß man den Wohlstand nach der Anzahl Töpfe unb Teller taxirt, dürste wohl hier zum ersten Male behauptet werden. Wenn von den Ehristen die Juden wirklich ausnahmslos für Krösusse angesehen werden, >veil sie am Sabbat einen besseren Tisch führen, so laufen die Christen ebenso Gefahr, für lauter Rothschilds gehalten zu werden, weil ihr Tisch