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Der Israelit · 1900-08-20 · Heft 67 (20.8.1900) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 67 (20.8.1900)
Date
1900-08-20
Page
– (sequence 22)
Language
German
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f WJZfTTW 1390 schem Verlangen nach Zion? Davon wissen die meisten von uns sich frei. (Lebhafter Beifall.) Wir sind Zionisten geworden, weil die Noth des jüdischen Volkes uns an's Herz greift, weil wir tiefbekümmert sehen, daß die Logik der Verhältniffe unabwendbar zu einer raschen Verschlimmerung dieser Noth, ja zu plötzlichen, gewaltsamen Katastrophen führen muß und weil das angestrengteste, schmerzlichste Nachdenken uns immer wieder nur einen Ausweg aus der Bedrängniß erkennen ließ: Die Erwerbung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für die verfolgten jüdischen Millionen. (Stürmischer, sich stets erneuernder Beifall und Händeklatschen.) Wie ganz anders wäre die Lage heute, wenn wix. unseren rumänischen Brüdern sagen könnten: „Kommt! hier ist das Land, das euch erwartet wie eine Mutter ihre heimkehrenden Söhne." (Erneuerter stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Kein verzweifeltes Umherirren, kein aussichtsloses, angstvolles Suchen, sondern ein freudiges Losschreiten dem sicheren Ziele entgegen! Und wie ganz anders wäre die Lage heute, wenn die wandernden rumänischen Juden überall eine feste jüdische Volksorganisation vorfänden, die sie daheim zum Aufbruche rüsten, unterwegs berathen und führen, sie im neuen Lande empfangen und unterweisen würde! Weßhalb haben wir dieses Land nicht, weßhalb haben wir diese Organisation nicht? Durch wessen Schuld? Durch eure, einzig und allein durch eure. Hättet ihr die Millionen, die ihr jetzt ausgebt — ich kann nicht anders sagen: hinauswerft, seit drei Jahren nach unserem Rathe verwendet, ihr hättet heute das Land, das bereit wäre, die wandernden Juden aufzunehmen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Und hättet ihr mit eurer alten, kräftigen, aber unzusammenhängenden, verknöcherten Gemeindeorganisation, die von uns unter den entsetzlichsten Schwierigkeiten geschaffenen Anfänge einer allgemeinen Organisation des jüdischen Volkes verstärkt, so wäre das jüdische Volk heute ein lebendiger Organismus, der jedes einzelne seiner gefährdeten Glieder aus eigener Kraft wirksam vertheidigen könnte. (Lebhafter Beifall.) Ihr aber habt es vorgezogen, mit euren Millionen die Bestrebungen zur Verleumdung, wenn möglich zur Erwürgung des Zionismus zu begünstigen und unser eigenes mühseliges Organisationswerk zu vereiteln. Darum trifft euch die rumänische Katastrophe heute unvorbereitet, darum bietet ihr jetzt das erbärmliche Schauspiel kindisch gewordener Greise, die angesichts einer Feuersbrunst oder lleberschwemmung gelähmt und flennend in die auf sie eindringende Schrecknisse starren. Allen Juden aber, die noch ein jüdisches Herz haben, sich jedoch gegen den Zionismus haben aufhetzen lasten und ihm aus Mißverständniß oder aus anderer; Beweggründen, die ich hier nicht erörtern will, den Rücken wenden, allen Juden rufe ichzu: „Besinnt euch! Beherzigt die Lehre der rumänischen Katastrophe! Wir sagen euch mit blutendem Herzen: das ist nur ein Anfang! Es wird schlimmer kommen! Viel schlimmer. Was werdet ihr thun, wenn sich nach den 270,000 rumänischen Juden die 270,000 galizischen Juden auf die Wanderung begeben und nun gar, wenn die russischen Millionen sich in Bewegung setzen? Wenn ein Meer die heulenden und verhungernden Menschen an eure eigenen Schwellen branden werden? Ich weiß, es gibt ein Mittel, diese Gefahr von euren Wohnungen abzuwendcn: Absperrung der Landesgrenzen gegen die Einwanderung fremder Juden, Einwirkung auf die fremden Regierungen, damit sie ihre Juden im Lande gewaltsam zurückhalten. Ich nehme zu eurer Ehre an, daß ihr eure Hoffnung nicht auf dieses Mittel setzt. (Beifall.) Wenn aber dieses Mittel nicht angewendet werden soll, was habt ihr außerdem noch? Welchen Plan? Welchen Gedanken? Ihr habt nichts, nichts! Darum rufen wir euch nochmals in Liebe zu: Oeffnet eure Augen für eure Verantwortlichkeit! Seid Männer! Ein verzweifeltes Volk, auch wenn es sich selbst nicht helfen kann, hat immer noch Kraft genug, um Einzelnen gefährlich zu werden! (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Verdient euch wieder das Vertrauen und die Liebe des jüdischen Volkes und die Achtung der christlichen Völker, die euch nicht aus dem Auge verlieren. Arbeitet mit uns an der Erwerbung einer Heimstätte für das jüdische Volk. (Erneuerter lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ihr könnt es! Ihr müßt nur wollen. Ihr habt die Millionen, ihr habt die Beziehungen, ihr habt den Einfluß, ihr habt die Gewohnheit großer Unternehmungen. Thut für euer eigenes Volk ein Hundertstel dessen, was ihr für alle anderen Völker gethan habt (Stürmischer, sich immer erneuernder Beifall und Händeklatschen), denen jüdisches Kapital und jüdische Geistesarbeit Eisenbahnnetze und Kanäle gebaut, Bergwerke erschlossen, Kolonialbanken errichtet, weite Gebiete besiedelt und urbar gemacht, rettende oder fördernde Anlehen aufgebracht haben. Aber um Gottes Willen, thut etwas, was mehr ist, als die Vertheilung von Bettelpfennigen, was die Zukunft des jüdischen Volkes vor Noth und Verderben sichert. Wollt ihr nicht mit uns arbeiten, so überlasten wir euch ja gern die Führerschaft, denn wir haben keinen anderen Ehrgeiz als den, dem jüdischen Volke zu dienen. Und wenn die rumänische Katastrophe euch überzeugen kann, daß nur die Erwerbung einer sicheren Heimstätte für das jüdische Volk — das heißt der Zionismus — das Heil ist, dann werden wir diese Katastrophe als ein rettendes Wunder segnen, dann werden wir unsere unglücklichen rumänischen Brüder, deren Elend uns den Schlaf der Nächte raubt, als heilige Sühnopfer preisen, die ausersehen sind, durch ihre Leiden das Heil des ganzen Volkes vorzubereiten. (Stürmischer, sich immer wieder erneuernder Beifall und Händeklatschen. Hüte-

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