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Der Israelit · 1900-08-20 · Heft 67 (20.8.1900) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 67 (20.8.1900)
Date
1900-08-20
Page
– (sequence 21)
Language
German
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1389 T netten, jämmerlich daliegen; man kauft ihnen Fahrkarten bis in das nächste Land, bis an den nächsten Einschiffungshafen, bis nach Amerika. Ich will nicht untersuchen, ob diese Fahrkartenspenden nicht in vielen Fällen eine Art Wohlthätigkeit darstellen, die die Spender eher sich selbst erweisen, als eine Wohlthätigkeit, die sie den rumänischne Juden erweisen. Ich habe kein Recht, Herz und Nieren zu prüfen, und muß mich an die sichtbaren Thatsachen halten. Die sichtbare Thatsache aber ist, daß die Noth augenblickliche Linderung erfordert und daß ein Almosen in der Thai für den Augenblick die schlimmste Noth einigermaßen lindert. Damit ist aber auch die Wirkung eines bloßen Almosens völlig erschöpft, lieber den Augenblick hilft es mit Ach und Krach hinweg, an die nächste Stunde scheint Niemand zu denken. Man schickt die rumänischen Auswanderer nach Amerika. Auf diese Weise ist man sie los geworden. Man sieht sie nicht mehr vor sich. Man ist durch die ganze Breite des Weltmeeres von ihren Hülferufen getrennt. Aber was soll in Amerika aus ihnen werden? Wird man sie da untergehen taffen? Sollen sie da einzeln umkommen? Ist ein Mann, der in Amerika verhungert, etwa weniger tobt, als ein Mann, der in Rumänien oder zwischen der rumänischen Grenze und Rotterdam Hungers stirbt? Wird man ihnen auch in Amerika weiter Almosen reichen? Dann würde man die schwachen Charaktere sofort in Berufsbettler verwandeln und auch die tüchtigeren würden bald der Versuchung unterliegen, sich als patentirte Arme dauernd erhalten zu lassen. Oder besteht die Absicht, in Amerika den Ankömmlingen geeignete Orte zur Ansiedelung nachzuweisen, sie in feste Berufe hinüberzuführen, sie zu wirthschaftlicher Unabhängigkeit zu fördern? Das würde eine mächtige Organisation erfordern und ich sehe noch nicht die leisesten Anfänge einer derartigen Organisation. Bloße planlose Gelegenheitswohlthätigkeit ist lächerlich ungenügend, oder richtiger, ist erschreckend ungenügend für die Anforderungen, welche die Lage gegenwärtig an das jüdische Volk stellt. Und selbst diese kopflose, automatische Almosenvertheilung wird ja eines Tages plötzlich aufhören. Hat man dann berechnet, welche Summe sie erfordert? In Amerika darf kein rumänischer Jude landen, der nicht den Besitz von 125 Franken nachweist. Mit dem Fahrpreis und den Kosten des Lebensunterhaltes bis zum Einschiffungshafen erfordert das für jeden Einzelnen mindestens 300 Frcs. Wenn nur 100,000 von den 270,000 rumänischen Juden diese Wohlthätigkeit in Anspruch nehmen, so kommen wir schon zu einem Mindestbetrage von 30 Millionen Franken, wozu noch die Verwaltungskosten und andere unfruchtbare, doch unvermeidliche Auslagen hinzukommen. Und was erreicht man mit diesen 30 Millionen, die das Mindestmaß des Erforderniffes darstellen? Damit ist einfach erreicht, daß die rumänischen Juden drei Monate später in Amerika verhungern, statt drei Monate früher in Europa. Und wo sollen selbst diese 30 Millionen Herkommen? Durch Aufrufe und Sammlungen ist ein solcher Betrag nicht annähernd zu beschaffen. Die ständigen Wohlthätigkeitseinrichtungeu der jüdischen Gemeinden haben keine Ueberschüffe und genügen in der Regel kaum den täglichen Anforderungen, die au sie herantreten. Die Alliance Jsraelite Universelle hat keine Million zu vertheilen. The Jewish Colonization Association, die Jca, wie man sie kurz nennt, hat diese 30 Millionen, wohl auch noch acht oder neun Mal mehr, aber sie ist der Meinung, daß sie kein Recht hat, ihr Vermögen anzugreifen, sondern daß sie nur einen Theil ihrer jährlichen Zinsen vertheilen darf, und gruiHsätzlich kann ich dem nur beipflichten, obschon es allerdings Katastrophen gibt, die alle Grundsätze wegfegen. Also was weiter? Ich sehe es kommen. Man wird zuerst Franken, dann Centimes vertheilen, so lange cs reicht, dann wird man eines Tages achselzuckend erklären: „Wir haben nichts mehr, wir können nichts mehr für Euch thun, seht, wo Ihr bleibt." Mein Freund, der Vorsitzende, Dr. Herzl (lebhafter Beifall und Händeklatschen), hat es soeben gesagt und ich kann es nur wiederholen, wie denn in den Berichten über die Lage des jüdischen Volkes Wiederholungen unvermeidlich sein werden: wir treiben mit Niagaraschnelligkeit einem Bankerotte des amtlichen Judenthums entgegen, der so schrecklich sein wird, daß ich vor dem Bilde entsetzt die Augen verschließe, um es nicht einen Augenblick früher zu sehen, als unbedingt muß. — Daß die jüdischen Gemeindegrößen uns nicht etwa mit der elenden Ausrede kommen: „Die rumänische Katastrophe findet uns unvorbereitet, weil wir sie nicht vorhersehen konnten." Wir müßten ihnen sonst brutal antworten, wie es Dr. Herzl vorher gethan hat: Das ist nicht wahr! Seit drei Jahren warnen wir euch unausgesetzt, seit drei Jahren tobten wir uns mit Anstrengungen, euch die Lage des jüdischen Volkes begreiflich zu machen, euch die Gefahren zu zeigen, die es bedrohen, euch das einzige Mittel zu predigen, das eine wirksame Abwehr dieser Gefahr möglich macht. Ihr aber habt uns nicht gehört oder nicht hören wollen. (Lebhafter Beifall.) Welchen Namen verdient ihr, wenn ihr, in deren Hände das jüdische Volk vertrauensvoll die Wahrung seiner Interessen, ja die Vertheidigung seines Lebens gelegt hat, wenn ihr die Reden und Schriften der Zionisten eurer hohen Aufmerksamkeit nicht gewürdiget habt? Und welchen Namen verdient ihr, wenn ihr sie kennt und trotzdem unsere Warnungen verlacht und in den Wind geschlagen habt? Eure blinde fanatische Feindschaft gegen den Zionismus hat die gegenwärtige Lage verschuldet. (Allseitige Zustimmung.) Weßhalb sind wir denn Zionisten geworden? Etwa aus mysti-

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