Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 67 (20.8.1900)
- Date
- 1900-08-20
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1388 rumänische Regierung zu zioingen, ihre eigenen Juden im Lande zu behalten. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ich zittere, lvenn ich daran deute, daß man den rin manischen Inden diesen Gefallen erlveisen könnte. Und dann — wir müssen uns bemühen, objektiv zu sein. Guropa hat zur Zeit wirklich andere Sorgen, als sich um die Lage des jüdischen Bottes zu kümmern. In Bcssarabien haben 12,<>00 Inden seit der letzten Ernte alle Qualen einer schrecklichen Hungersnot!) erlitten. In Indien lvaren sechs Millionen Menschen in ganz derselben Lage, und Europa hat für Hindus mehr Svmpathien als für uns Juden. In Rumänien scheu die Inden sich durch schlechte Behandlung zur Auswanderung gezwungen. China behandelt feine europäischen Gäste noch schlechter und muß zuerst zur Vernunft gebracht lverden, ehe man die Aufmerksamkeit den Ver- Pältnissen der Juden in Rumänien zuwenden kann. Geehrte Versammlung! Ich hatte in England einen theuren Freund, den der Tod im vergangenen Jahre den Seinen und mir entrissen hat, Dr. 0). W. Leitner. In einem Werte meines verewigten Freundes über die Volksstämmc der Rordwestgrcnze Indiens finde ich folgende afghanische Fabel: Ein Fuchs fiel in einen Wildbach. In der Todesangst des Ertrinkens rief er gellend: „Wehe, die Welt geht unter!" Ein Bauer am Ufer, der ihn hörte, erwiederle lächelnd: „Du irrst, Freund, die Welt geht nicht unter, ich sehe nur ein Füchslein, das ersäuft!" Hüten >vir uns, die Rolle des Fuchses in dieser Tadel zu spielen. Es kväre zu grausam, lvenn die spöttischen Worte des Bauers die einzige Antwort auf unsere Hilferufe ivären. Wer einem andern mit dem subjektiven Argumente kommt: „Ich muß doch leben!", der setzt sich iminer der Antwort aus: „Ich sehe die Rotbwcndigteit nicht ein." .Heilt anderer sieht jemals diese Rothwendigkeit ein. Aber selbst muß man sie begreifen und darnach handeln. (Tosender Beifall und Händeklatschen.) Hilferufe sind ein unzulängliches LcbenSerhaltungsmittcl. Alan muß eigene Anstrengungen machen, um sich des Todes zu erwehren, sonst ivird man seine Beute. (Tosender Beifall und Händeklatschen.) So spreche ich denn auch hier nicht so sehr zu den europäischen Regierungen und Völkern, obschon es uns natürlich die höchste Genugthuung gervähren rvürde. lvenn man uns hören wollte. Ich spreche hier vielmehr in erster Reihe zuin jüdischen Volte. (Tosender Beifall und Händeklatschen.) Das jiidischc Volk soll wissen, daß Riernand ihm helfen lvird, wenn es sich nicht selbst hilft. (Tosender Beifall.) Da müssen >vir uns denn vor allem fragen: Wie stellt das jiidische Volk sich zur rumänischen Katastrophe? Was hat es gethan, was thut es, um ihre schlimmsten Folgen abzuwehren? Wie springt es den unglücklichen Brüdern bei, die ohne eigene Schuld aus dem europäischen Gcsellschaftsvertrage, aus dem schützenden (stehege der Eivilisation ausgestoßen worden sind und nun rechtlos umherirren, >vie die Thiere der Wildniß? Ich >vill nicht bei den abscheulichsten Zügen jüdischer Verworfenheit verweilen, auf die ich schon vorhin angcspielt habe. Scham, Ekel, Empörung würden mich überwältigen, und es ist doch unbedingt nothlvendig, daß wir kaltes Blut behalten. Ich tröste mich mit dem Gedanken, daß die Elenden, die ihre vertriebenen rumänischen Brüder bei der Polizei dennnziren und ausweisen lassen, lvo ihr Einfluß dies bewirken kann, eine kleine Minderheit sind, und ich will meine Augen lieber tröstlichen Anblicken zuwenden. An gutem Willen fehlt es thatsächlich nicht. Man tvill den rumänischen Opfern helfen. Woran es fehlt, das ist eine Organisation, die die zerstreuten Kräfte sammeln lind einheitlich zu einem bestimmten Ziele ver wenden würde. Ohne Organisation, ohne Zusammenfassung, ohne Einheitlichkeit in der Verwendung dieser zerstreuten Kräfte sind diese aber werthlos und bei allen Einzelanstrcngungen kommt im Ganzen so gut )vie nichts heraus. Al/ch an (steld fehlt es nicht. Viele Inden haben dem alten Rufe jüdischer Wohlthätigkeit ivieder Ehre gemacht. Die armen Inden geben über ihre Kräfte. Die ivohlhabenden Inden geben nach Kräften. Selbst viele Millionen reiche Juden haben ihre Hand nicht vollständig verschlossen. Wohl spenden einzelne bereitwittiger 20,000 Franken für die Vernügungsreise eines antisemitischen Gesangvereins, als den fünften Theil dieses Betrages für die rumänischen Wanderer, die nicht zu ihren: Vergnügen reisen und auch noch keine Antisemiten sind, obschon Züge dieser Art mit der Zeit auch sie dazu machen könnten. Wohl kaufen einzelne sich lieber uin 600,000 Frs. alte Gobelins für ihren Salon, als daß sie mit dem hundertsten Theile dieser Summe den rumänischen Wanderern zu Hilfe kämen. Aber in: Ganzen wurde doch an die Thüre der Milliardäre nicht vergebens getlopst. DaS Unglück ist nur, daß die sehr ansehnlichen Sumincn, die zusaminenfließen, nicht in der richtigen Weise verlveildet lverden und darum auch keinen dauern den Rutzen stiften können. Sie dienen nämlich nicht zur Verwirklichung eines bestimmten Planes. Kein einheitlicher Gedanke bestimint ihre Verlvendung. Wie wird das Geld ausgegeben? In der primitivsten, unorganischsten Weise: durch Almosendarreichung von Hand zu Hand. Dazu ist allerdings keine besondere Geistesanstrengung nöthig. Hier sind zurückgelassene Frauen und Kinder ausgewanderter rumänischer Familienväter: inan kauft ihnen Brod, damit sie nicht Hungers sterben. Hier sind Gruppen von Wanderern, die das eine Land nicht dulden, das andere nicht aufnehmen will und die an irgend einer Grenze, eingehegt von starrenden Bajo-