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Der Israelit · 1900-08-20 · Heft 67 (20.8.1900) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 67 (20.8.1900)
Date
1900-08-20
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1387 -»-T5f tragen, werden nicht von Gendarmen mit Kolbenstoßen an die Grenze gebracht. Sie dürfen in ihrem Geburtslande bleiben. Die rumänische Regierung hat also ganz recht, entrüstet gegen die Beschuldigten zu protestiren, als ob sie ihre Juden verjagte. Nein, das thut sie nicht. Sie zieht vor, oder zog vor — denn ich mache einen Unterschied zwischen einer früheren Regierung und einer solchen, die ihr gefolgt ist — sie zog vor, ihre Juden im eigenen Lande zu vernichten. Urtheilen Sie, ob das Wort, das ich gewählt habe, zu stark ist. Die Juden in Rumänien dürfen nur iu den wenigen großen Städten leben. Der Hausirhandel ist ihnen untersagt. Die meisten Laufbahnen sind ihnen verschloffen. Ein wohlorganisirter Bohcott sorgt dafür, daß die wenigen Berufe, die sie ausüben dürfen, sie nicht ernähren. In den öfentlichen Schulen ist für sie kein Platz. Für ihre eigenen Privatschulen werden Vorschriften erlaffen, die einer heuchlerischen Form der Unterdrückung dieser Schulen gleichkommen. Im Rechtsstreite zwischen einem Juden und einem A'ichtjuden ist in der Regel — selbstverständlich gibt es viele Ausnahmen — der Jude von vornherein verurtheilt. Daß es gegen wörtliche Beleidigungen durch Ausdrillte des bestialischsten Hasses und der tiefsten Verachtung im täglichen Umgänge und in der Presse Iveder Schutz noch Sühne gibt, ist selbstverständlich. Ich will mich nicht in Einzelheiten verlieren. Sie werden ja überdies einen Sonderbericht über die Verbältnisse in Rumänien empfangen. Kurz gesagt, ist die Lage diese: Die eingeborenen Juden werden in Rumänien als Fremde betrachtet und der fremdenfeindlichsten Gesetzgebung unterworfen, die Europa kennt. Der Zweck dieser Gesetzgebung ist, ihnen zunächst das tägliche Brod und dann jede Bildungsmöglichkeit zu nehmen. Sie sollen in die letzten Tiefen der Unwissenheit und Bettelarmuth gestürzt und in diesem schwarzen Abgrund endgiltig begraben werden. Sie sollen in eine Verfassung gebracht werden, neben der die Verfassung der Zigeuner, ja sogar die der Aussätzigen im Mittelalter glänzend ist. Man hofft vergnügt, daß in dieser Verfassung selbst die zähen Juden in einigen Generationen bis auf wenige Reste leiblich und geistig vernichtet werden. Die rumänischen Juden erkennen, welches Schicksal ihnen bereitet werden soll, und suchen sich bei Zeiten durch Auswanderung zu retten. Die rumänischen Antisemiten sahen mit Bedauern ihre ausersehenen Opfer ihnen durch die Flucht entgehen. Sie fürchteten auch den peinlichen Eindruck, den die Aufdeckung derartiger Verhältnisse aus die öffentliche Meinung beider Welten Hervorbringen mußte. Sie handhaben also mit großer Gewandtheit den zu ihrer Verfügung stehenden Preßapparat, um in die ausländischen Blätter Mittheilungen gelangen zu lassen, in denen buchstäblich jedes Wort eine athemraubende dreiste Unwahrheit ist. Man setzt die absurde Fabel in die Welt, die Auswanderung der Juden sei das Werk einiger Schwindler und Volksverführer. Man behauptet, daß bloß einige Hundert Juden die Grenze überschritten haben, obschon doch die Statistiken der Grenznachbarn, der westlichen Unterstützungsvereine, der Auswanderungshäfen, diese grobe und alberne Fälschung alsbald richtig stellen. Man versaßt Erklärungen, wonach es den Juden in Rumänien glänzend geht und läßt sic durch einige unglückliche jüdische Verräther und Feiglinge unterschreiben, um sie den Verzweiflungsschreiern der über die Grenze entkommenen Juden entgegenzuhaltcn. Man findet keine Schwierigkeit, diesen Mittheilungen in der antisemitischen Presse Aufnahme zu verschaffen, die gegenwätig in allen „gesitteten" Ländern blüht, und wenn die unabhängige Presse die Maske abrcißt und die Wahrheit aufdeckt, dann hat man eine Erwiederung zur Hand, die bei der heutigen GemiithSverfassung der Mehrheit aller Völker ihre Wirkung nie verfehlt: „Das sind Judenblätter, die Rumänien beschimpfen wollen, weil es sich gegen jüdische Ausbeutung und gegen jüdische Herrschsucht zu wehren sucht." In hunderten von Briefen, die ich von rumänischen Juden empfange, wird nach einer herzzerbrechenden Schilderung ihrer Leiden in der Regel am Schluffe die Erwartung ausgesprochen, ich würde hier die rumänische Regierung erbarmungslos brandmarken und mit meiner lautesten Stimme das Gewissen Europas, die öffentliche Meinung der gesitteten Welt wachschreien. Ich fürchte, ich werde diese Erwartung unverwirklicht lassen müssen. Es paßt nicht zu meinem Begriffe von persönlicher Würde, meinen Gefühlen die Zügel schießen zu lassen, wenn es gilt, einem kleinen Staate seine Sünden vorzuhalten, während ich immer jedes meiner Worte sorgfältig auf die Goldwage legte und vorsichtigste Selbstbeherrschung übte, so oft ich auf ganz ähnliche Handlungen mächtiger Großstaaten hinzuweisen hatte. (Stürmischer Beifall u. Händeklatschen.) Diese Großstaaten waren das Vorbild der kleinen, ihr Beispiel bat die kleinen ermuthigt, an ihren Juden ihr Müthchen zu kühlen. Meine Selbstachtung verbietet mir, stärkere Worte gegen die kleineren zu gebrauchen, als ich gegen die Weltmächte gebraucht habe. Ich werde mich deßhalb darauf beschränken, die nackten Thatsachen darzustellen, ohne sie mit einem Essektworte zu erläutern. Aber das ist ja auch nicht nöthig. Die Thatsachen sprechen eine Sprache, die durch hinzugefiigte Verwünschungen und Schimpfworte nicht verstärkt tvird. Und ebensowenig denke ich daran, pathetisch Europa anzurufen. Nirgendwo in Europa besteht für uns ein Wohlwollen, das über den nothdürftigen oder ausreichenden Schutz der eigenen Juden hinausgeht. Keine Regierung hat so viel für uns übrig, daß sie wegen uns der rumänischen Regierung Vorstellungen machen würde. Alles, was wir erwarten könnten, wäre, daß die Staaten ihre Grenzen gegen die rumänischen Einwanderer versperren würden, um auf diese Weise die

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