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Der Israelit · 1900-08-20 · Heft 67 (20.8.1900) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 67 (20.8.1900)
Date
1900-08-20
Page
– (sequence 18)
Language
German
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ts86 kannte mit all seinem Grauen, Greise, die am Wegesrande liegen bleiben, Mütter, die vor Müdigkeit und Erschöpfung zusammenbrechen und ihren wimmernden Säuglingen nur eine verdorrte Brust reichen können. Männer in der Vollkraft der Jahre, die noch immer hoffen möchten, iveil sie im Bewußtsein, im Gefühle ihrer Stärke sich allen Gefahren und Kämpfen gewachsen fühlen, die aber, wenn sie durch den glücklichen Frieden freundlicher Dörfer wandern, mit Bitterkeit fragen: „Warum dürfen diese sich mit Behagen ihres Daseins freuen und wir nicht? Sind wir nicht Menschen wie sie? Sind wir uns etwa einer Schuld bewußt? Wollen wir denn etwas anderes als in Ruhe arbeiten, unsere Eltern ehren, unsere Frauen und Kinder lieben und pflegen?" (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Bor 170 Jahren machte der Anblick der unglücklichen Wanderer ohne Brod und Heim auf die Augenzeugen einen so tiefen Eindruck, daß er nach einem Menschenalter in den Nerven der Zeitgenoffen nachlebte und in die Kindheit Goethe's Hineinklang, der davon die Anregung zu „Hermann und Dorothea" empfing. Und doch war der Auszug der Salzburgischen Protestanten eine harmlose Idylle neben dem Auszuge der Juden aus Rumänien. Die Salzburger Protestanten, die zwischen 1729 und 1731 das furchtbare Geschick der Berjagung aus der Heimath traf, waren 30,000 an der Zahl. In Rumänien handelt es sich um 270,000 Juden, von denen 18—20,000 schon über die Grenze gezogen sind, über 60,000 nach anderen, hoffentlich übertriebenen Schätzungen 100,000 sich zum Aufbruche rüsten und alle übrigen, mit Ausnahme weniger Tausend reicher und stumpfer Geldmacher, den Boden unter den Füßen brennen fühlen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Die Salzburgischen Protestanten mußten allerdings ihre Häuser und Aecker zurücklaffen, aber sie führten reichlichen Hausrath und Borräthe in bequemen Zeltwagen mit sich, wo ihre Frauen und Kinder, ihre Greise und Kranken vom schlimmsten Ungemach der Wanderung verschont blieben, und sie trieben Viehherden vor sich her, die immer noch Wohlstand bedeuteten. Die rumänischen Juden besitzen meist nichts als die paar Lumpen, die sie am Leibe tragen. Die Aermsten unter ihnen reisen nicht im Wagen oder zu Schiffe, sondern schleppen sich auf wund gescheuerten Füßen von einer Grenze zur anderen. Daheim haben sie nichts zurückgelassen, als die Gebeine der Väter in den Gräbern, die ihren einzigen Antheil am Boden ihres Geburtslandes darstellten. Mitzunehmen hatten sie nichts als ihren Wanderstab und die unerträgliche Bürde ihrer Erinnerungen und Befürchtungen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Die Salzburgischen Protestanten erfuhren unterwegs von ihren Glaubensgenoffen und an vielen Orten auch von Katholiken viel Liebes, überall begrüßten die Gemeinden die Heranziehenden mit Glockengeläute und dem Gesang von Kirchenliedern; überall verpflegte, beschenkte, befreundete man sie, überall gaben die Prediger ihnen ein gutes Wort zur Erbauung und Herstärkung mit und begleiteten sie mit den Gläubigen ein Stück Weges. Die ruinänischen Juden werden unterwegs mit Gleichgiltigkeit, vielfach mit Mißtrauen und Scheu, nicht selten mit offener Feindseligkeit betrachtet, nur ganz ausnahmsweise strecken ihnen Andergläubige die Hände hilfreich entgegen, und selbst unter ihren Glaubensgenoffen finden sich neben Biedermännern, die ihre Bruderpflicht in Treue und vielfach über ihre Kräfte erfüllen und die dafür gesegnet seien bis in ihre fernsten Nachkommen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Selbst unter ihren Glaubensgenoffen — und das ist der herzbrechendste Zug in diesem Bilde — finden sich nicht nur eisige Pfahlbürger, die nach der tragischen Schar der Wandernden nicht den Kopf umwenden, sondern auch, und ach! in all zu großer Zahl, Verbrechernaturen, die die Wegemüden von ihrer Schwelle scheuchen und, bildlich oder buchstäblich, Bluthunde auf sie hetzen. Und nun der letzte und wichtigste Unterschied! Die Salzburgischen Protestanten wußten, wohin sie gingen. Protestantische Herrscher wetteiferten miteinander, ihnen in ihren Staaten eine neue Heimath mit Vorrechten und Auszeichnungen anzubieten. König Friedrich Wilhelm I. von Preußen glorreichen Andenkens, andere deutsche Reichsfürsten, schenkten ihnen Land und erbauten ihnen Wohnhäuser, ihre neuen Nachbarn nahmen sie mit offenen Armen auf und waren ihnen nach Kräften behilflich, sich in die neuen Verhältniffe einzuleben. Die rumänischen Wanderer haben kein Ziel. Sie wandern planlos vor sich hin, wie ein Zug nordischer Lemminge, über dem Raubvögel schweben, um den Raubthiere schweifen, die sich nach Belieben ihre Opfer aus dem Zuge herausholen. Niemand will sie bei sich haben, jeder scheucht sie aus dem eigenen Gebiete weiter, und wenn sie verzweifelt fragen: „Wohin mit uns? Was soll aus uns werden?" — so ist die einzige Antwort, die sie erhalten, ein Achselzucken und eine Handbewegung, die gebieterisch in die Ferne weist: Immer weiter, ins Unbekannte, ins Blaue, nur weg, weitweg! (Tosender Beifall und Händeklatschen.) Ich habe vorhin die rumänische Katastrophe mit der Vertreibung der Juden aus Spanien verglichen. Die Gerechtigkeit erfordert festzustellen, daß die rumänische Regierung die Juden nicht förmlich aus dem Lande gejagt hat. Im Gegentheil. Sie macht sogar gewisse Anstrengungen, die Ausbrechenden zurückzuhalten. Ausgewiesen werden nur jene Juden, die in Wort und Schrift, ganz besonders in der Schrift, die entsetzliche Lage unserer Brüder der Wahrheit gemäß darstellen, das Mitleid ihrer Hörer oder Leser für die Verfolgten anrufen und die Miffethaten denunzieren, die unausgesetzt an ihnen begangen werden. Diejenigen Juden, die jede Schmach und jede Gewaltthat ohne ein Wort der Klage, ohne eine Geberde der Ungeduld er-

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