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Der Israelit · 1900-08-20 · Heft 67 (20.8.1900) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 67 (20.8.1900)
Date
1900-08-20
Page
– (sequence 17)
Language
German
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HBWBjPyyUJIJJ J V.. .I. WWMWMH, 4U Jahrgang. Zweite Anlage zu Jfs 67 des „Israelit". Oierter ^ionisten-Longroß. III. Veriiht über Den;iniioiii) Der duften auf Der piijcn tirüc. Von Dr. Max Nordau. Geehrte Versammlung! Seit wir die Einrichtung geschaffen haben, die Erlebnisse des jüdischen Volkes jährlich auf unserem Kongresse in eine kurze Uebersicht zusammenzufasseu, entrollt sich seine Geschichte vor unseren Augen, wie eine antike Tragödie, wo von Akt zu Akt das Grauen wächst und die Katastrophen einander übergipfeln. Von Jahr zu Jahr erfährt das Elend unseres Stammes eine schauerliche Steigerung, und ohne daß wir es wußten, sicherlich ohne daß wir es wollten, ist das Buch Hiob mit seiner alttestamentarischen, düsteren Großartigkeit das Vorbild für unsere jährlichen Berichte über die Lage des jüdischen Volkes geworden. Das Jahr seit dem letzten Zionisten-Congreß ist das schlimmste, worüber ich bisher zu berichten hatte. Der Antisemitismus, der nach der lächelnden Versicherung der Gemeindehäuvter des jüdischen Volkes eine häßliche, aber vorübergehende Tagesmode sein sollte, verbreitet sich über den ganzen Erdball wie ein Waldbrand, der um so rasender nüithet, je größere Ausdehnung er gewinnt. Er verheert ein Land nach dem anderen und gefährdet die Juden auch dort, wo sie sich am sichersten wähnten. Er nimmt Formen an, die die vergrämteste Schwarzseherei nicht für möglich gehalten hätte. Alle Gespenster des Mittelalters steigen aus ihrem Grabe und spuken am helllichten Tage. Selbst das scheußliche Blutmärchen wird wieder von weiten Volkskreisen geglaubt und hetzt sie in eine Erregung, die Eigenthum und Leben der Juden schwer gefährdet. Die Falle von Tisza Eszlar und kanten waren Warnungen, die man wieder vergessen hatte. Polna und Könitz sind markerschütternde Mahnrufe, vor denen das jüdische Volk die Ohren n,icht verschließen darf. In Böhmen wurde ein Jude thatsächlich wegen Ritualmordes zum Tode verurtheilt, wie vor 400 Jahren (Pfuirufe) und in tschechischen Gegenden begegnet man den Juden auf der Straße mit der Geberde des Halsabschneidens. (Pfuirufe.) In Westpreußen und Pommern sehen Juden sich genöthigt, aus Orten zu verziehen, wo ihre Vorfahren seit Menschenaltern ansässig gewesen sind, weil ihre Mitbürger sie als Angehörige einer Mördersekte mit Beschimpfungen imb Thätlichkeiten verfolgen. In Oesterreich wurde das Polnaer Todesurtheil aufgehoben und neue Verhandlung anberaumt. In Preußen traten die öffentlichen Getvalten den Ausschreitungen der Menge scharf entgegen und hielten mit eiserner Faust die Ordnung aufrecht. In beiden Staaten haben die Regierungen voll ihre Pflicht gethan und nicht geduldet, daß an ihren jüdischen Unterthanen Gewaltthaten verübt lvürden. Namentlich in Preußen wurde an höchster Stelle eine so stolze, so großartige Auffassung landesväterlicher Aufgaben entfaltet (stürmischer Beifall und Händeklatschen), daß das jüdische Volk dadurch zum tiefsten Danke bewegt ist. (Neuerlicher langanhaltender Beifall.) Aber dieses Eintreten der Behörden für die schwer bedrohten Juden hat deren Stellung nicht verbessert, eher verschlimmert. Die Menge durfte ihrem Hasse nicht die Zügel schießen lassen. Sie mußte ihre Wuth verhalten. Aber im Herzen rechnet sie diesen Zwang den Juden als eine neue Schuld an und lechzt nach Gelegenheit, sie ihnen mit allem klebrigen zu vergelten. In diesen Gegenden sind die Juden buchstäblich lvieder Schutzjuden der Regie rung geworden und hängen vom Wohlwollen der Behörden in einem Maaße ab, wie kein anderer Theil der Bevölkerung. Man erschrickt bei dem Gedanken, was geschehen würde, wenn sie durch irgend eine Handlung oder Unterlassung die Gunst der Obrigkeit verscherzen lvürden oder Ivenn eine Partei ans Ruder käme, der inehr an Volksthümlichkeit als an Gerechtigkeit läge. An dem Tage, tvo die Behörden von den Juden die Hand abziehen lvürden, wären diese an vielen Orten vogelsrei. Das ist die Lage der Juden in hochstehenden Gesittungsländern, >vo sie sich stolz des Vollbesitzes der Bürgerrechte rühmen. Doch was sind selbst diese Demüthigungen und Gefahren neben den Ereignissen, die sich in Rumänien entwickelt haben? Dort ist eine Katastrophe eingetreten, wie sie das jüdische Volk seit vier Jahrhunderten nicht erlebt hat. In der That, wir müssen bis zum Jahre 1492, bis zur Vertreibung der Juden aus Spanien zurückgehen, um etwas Aehnliches zu finden. Wohl hat auch zwischen dieser Jahreszahl und der Gegenwart einzelne Judenschaften Unglück getroffen, wohl wurden einzelne Gemeinden zersprengt, verjagt, wohl auch ausgeschlachtet. Aber alle diese Theilverhängnisse ver schwinden bis zur Unwahrnehmbarkeit neben der tragischen Größe der rumänischen Heimsuchung. An der Schwelle des zwanzigstens Jahrhunderts ist Europa wieder Augenzeuge von Auftritten, die es zum letzten Male im Jahre 1730 sah, als 30 000 Salzburger Protestanten wegen ihres Glaubens von Haus und Hof gejagt wurden. Wieder sieht man auf allen Straßen unseres Erdtheiles lange Züge unglücklicher Menschen umherirren; hinter sich den Tod, vor sich das Unbe-

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