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Der Israelit · 1900-08-20 · Heft 67 (20.8.1900) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 67 (20.8.1900)
Date
1900-08-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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ü-'w 1.378 Der Lichtseiten Umr, die ich dieser betrübenden Erscheinung abzngewinnen suchte, der Gedanke: der schwere Schlag, der da ans die Religions- und Gewissensfreiheit säinintlicher Inden geführt wurde, lverde ihnen die Gemeinsamkeit ihrer Interessen nahe legen miD sie zu einem einheitlichen Verbände zusaminenführen. An Anregungen dazu hat es auch nicht gefehlt; dieselben fanden besonders in dem Vorsitzenden der Baseler Jsr. Gemeinde, Herrn S. Dreifuß, einen warmen Fürsprecher. Eine Zeit lang schien es auch, als ob sich dieser schöne Traum verwirklichen sollte. Die Schächt-Calamität hat dazu geführt, daß Vertreter der sämmtlichen Schweizer Gemeinden zusammen traten und ein Exeeutiv-Comitee wählten, aber von Bestand war die Sache nicht. Es ist bei den Schweizer Israelitischen Gemeinden im Kleinen, wie bei den Kantonen der Schweiz im Großen, die eifersüchtig über ihre Selbstständigkeit und ihre Privilegien wachen und sich dagegen sträuben, etwas davon an die centrale Bundesleitung abzugeben. Auf diese Weise entfaltet sich das Kantonesenthum hier und dort und stemmt sich gegen jede Regung einer solidarischen, einheitlichen Verbindung. Wie hätte man dem Schächtverbot in der Schweiz seine schärfste Spitze nehmen können, wenn nicht in verschiedenen Gemeinden die jeweiligen Metzger die Sache in die Hand^genommen und nach ihrem Geschmack und ihrem Interesse geregelt hätten, sondern wenn die verbündeten Schweizer Gemeinden an den verschiedenen Grenzen dem Bedürfniß der einzelnen Gemeinden entsprechend, die ganze Schechita in Regie genommen, zuverlässige Metzger, Fleischhändler und vor allem religiös zuverlässige Schochtim angestellt und so das Ganze selbst verwaltet hätte. Wäre dies geschehen oder geschähe dies noch, so gäbe es in der Schweiz nicht nur keine Schächt-Calamität, sondern das Schächt-Verbot hätte eine ganze Reihe heilsamer Folgen für die Israeliten der Schweiz gehabt. Erstens: Das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit und die Bildung eines einheitlichen Verbandes, der eine Vertretung der gesammten Schweizerischen Judenheit nach innen und außen geschaffen hätte, Ivie sie zur Zeit leider nicht existirt. Zweitens: Eine einheitliche, streng zuverlässige Schechita, die auch heute noch für viele Schweizerische Gemeinden ein frommer Wunsch ist und für andere auch dieses nicht einmal. Drittens: ökonomische Seite. Man mag über das Schweizerische Schächtverbot denken wie man auch wolle, daß es den davon Betroffenen ein unentbehrliches Lebensmittel wesentlich vertheuert und so jedem Einzelnen ein mehr oder weniger schweres Geldopfer auferlegt, wird niemand in Abrede stellen. Das fiele aber ganz von selbst weg, wenn die Gemeinden die Beschaffung ihres Koscherfleisches selber in die Hand nähmen. Freilich erfordert die Etablirung einer solchen Einrichtung in den verschiedenen Grenzorten ein größeres Kapital. Aber daran fehlt es gar nicht. Es ist noch, wie man mir von zuverlässiger Seite mittheilt, eine größere Summe von dem Fond vorhanden, der seiner Zeit zur Abwendung des Schächtverbotes und der dazu erforderlichen Propaganda gesammelt wurde. Dieses Geld hätte gar nicht bester verwendet werden können, als in dem hier angedeuteten Sinne: ja, es könnte noch heute zu biefem Zwecke vertuen de t werden! Glücklich ist Wer nicht vergißt, Daß noch viel Zu ändern ist. Ich habe oft gefunden, daß Schulden sich als viel besserer Kitt innerhalb der jüdischen Gemeinden betvähren, als das Gegentheil, als Uebersluß an baaren Geldmitteln. Das wird sich auch leider wieder hier betvähren, wie es sich bereits bisher bewährt hat; es wird also für's erste beim Alten bleiben. Nicht erst seit heute u. gestern bin ich dem Schächtverbot in der Schweiz und in Sachsen mit der ganzen Aufmerksamkeit gefolgt, die diese wunderliche Erscheinung von jedem aufmerksamen Beobachter beansprucht. Ich halte diesen Eingrifs in die jüdische Gewissensfreiheit nur für einen ersten Vorstoß, für eine Kraftprobe, der noch andere folgen werden, je nachdem sich der erste Schritt bewährt. Es haben deßhalb alle Israeliten aller Länder ein ganz eminentes Interesse an dem Stand dieser traurigen Angelegenheit. Wiederholt habe ich mit einzelnen Israeliten in verschiedenen Städten der Schweiz die Sachlage durchgesprochen und glaube wenigstens genügend informirt zu sein, um mir hierüber selbst eine Meinung zu bilden. Bevor ich jedoch darüber weiter spreche, muß ich daran erinnern, daß ich persönlich bei der Schächtfreiheit und dem Schächtverbot hier oben in Zermatt gar nicht interessirt bin. Wenn morgen in der Schweiz volle Schächtfreiheit proklamirt würde, nach Zermatt Der stiege sich doch kein Schochet, und streng-jüdisches Hotel käme hier nicht auf seine Rechnung. Ich habe hier jeden Tag mein Beefsteak, Roastbeef, einen Gans- oder Hühnerbraten, ganz wie es mir beliebt, Dank der neu eingeführten Fleisch-Conserven, deren hohe Bedeutsamkeit für den jüdischen, rituell lebenden Reisenden gar nicht hoch genug anzuschlagen ist. Dabei habe ich den Vortheil, daß ich an keine Zeit und keine Speisekarte der Table d'hote gebunden bin, sondern immer und überall nach eigenem Belieben speisen kann. Wer sich nicht so hoch versteift, wie ich es dieses mal gethan habe, hat seit einigen Jahren noch ein andere Möglichkeit, sich in der Schweiz das Koscher-Effen zu erleichtern. Es werden hier nämlich Reisebillets mit einer Giltigkeitsdauer von 14 Tagen ausgegeben, die den Inhaber zur Benützung aller Bahnen, mit Aus nähme der Bergbahnen, nach allen Richtungen berech tigen. Es ist auf diese Weise sehr leicht und sehr billig, nachdem man tagsüber seine Excursionen gemacht hat, Abends an einen der Orte zu fahren, an welchem man

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