Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 67 (20.8.1900)
- Date
- 1900-08-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Synagogen geht es doch lvirklich manchmal zu bunt her. Dieses ivirro Durcheinander hergesagter Gebete, ohne Ordnung, ohne Reges, das ist doch nicht - schön! In dieser Bestehung tönnten sieh doch wohl die frommen von den Renen ein Muster nehmen, in deren Gottes dienst ans ein schönes, würdiges Rentiere Bedacht ge. nommen wird!" Gewist, lieber Alfred", ertviderte Herr Fromann, „es könnte in unserem Gottesdienst in ästhetischer Bestehung vieles schöner sein: das Dnrcheinanderschreien ist a u et) nicht jüdisch. Bl an soll beim Gebete nicht schreien. Aber das ist nur eine Aeußerlichkeit! Worauf es in Wahrheit ankonnnt, das ist, daß man ü b e r h a u v t betet, daß man nicht, ivie bei Euch, durch die Töne der Musik gerade',» im Beten gestört tvird: der wahre, der fühlende Jude trägt die „Andacht" in sich und im Gebete strömt er sie ans! Ja, nicht allein das Gebet, sein ganzes Thun und Laßen im Leben draußen ist Ausströmung der in ihm ruhenden „Andacht", ist Betbätigung des Grundsatzes: Ich stelle mir immer Gott vor Augen! .staunst Du also eine ästhetische Verschönerung unseres Gottesdienstes Herstellen, die nicht den Charakter der Svnagoge als eines Bethanses beeinträchtigt, so tverden!vir sie mit Freuden annehmeu! lc'iu't Gottesdienst mit seinen Präludien und Postludien, mit seinen Arien und seinen Aufführungen ist aber nichts lveiter als ein Rothbehelf für die leider so große Blasse derer, die Gott nicht vor Angen haben, wie eure ganze Reform auch in ihren anßersynagogalen Beziehungen nur aus die Instinkte der Religionslosen oder gar Religionsfeindlichcn gegründet ist!" Der Eifer unseres Gastgebers war bei den legteu Sähen stark gewachsen. Gin ernster, heiliger Zorn schien ans seinen Worten hervorzntönen. lind dieser Zorn nahm noch zu, als Herr Darmstädter mit einem begütigenden: „Ra, na!" das Zuwcitgeheu der legten Aeußerung seines Dnlels ausdrücken zu lvollen schien. „Ja, ich gehe noch weiter", sehte Herr Fromann mit steigender Gntrüstung hinzu, „ich behaupte sogar, daß die Theilnahme an den resormirten Gottesdiensten nach Deincin Geschmack, lieber Alfred, den frouunen Inden allmählich auch in seinen anderen Lebens bcziehnngen von der Bahn des Religiösen hinwegdräng.st Das Gesetz von Ursache und Wirkung macht sich auch hier geltend und, wie überall, >vo Großes in Gefahr, ist es auch hier das Heilsamste, den A'nfängen zu be gegnen! So möchte ich z. B. dem jungen Herrn Gottschall hier nicht ratheu, auch nur versnchslveise einmal dein Gottesdienst in der neuen Synagoge beiznwohnen. Die Freude am Gesang, der Gefallen am äußerlich Anziehenden könnte ihn öfter dahin führen und könnte so unmerkkich, aber sicher das innerlich Religiöse in seiner Brust immer mehr ertödten: das erste lväre, daß er sich vom Gebete entwöhnte, damit schwände die durch das regelmäßige Gebet stets neu geweckte Scheu vor der Sünde, er träfe mit Altersgenossen zusammen, die ihren verführenden Ginflnß ans ihn geltend machten, es ginge abwärts mit ihm in religiöser Beziehung und vielleicht auch in moralischer Beziehung! Kurz gesagt: Für die große Menge der Indifferenten oder auch nur der laxer Denkenden ist der reformierte Gottesdienst wenigstens besser als gar nichts; für den frommen, den fühlenden und gewissenhaften Inden ist er eine Gefahr ersten Ranges, und nichts erscheint ungereimter und thörichter, als die Einführung reformierter Gottesdienste für alle Juden zu wünscheu und zu erstreben!-—" Wie eine Fügung lstattes kam es mir vor, daß Herr Fromann mit diesen Worten von selbst, ohne mein Zuthun, alle meine Zweifel niederschlng. Was weiter noch bei Tische vorging, bis wir nach dem Verrichten des Tischgebetes uns erhoben, dafür hatte ich nach dem Gehörten kein Ohr inehr. In einer unbeschreiblichen Stimmung verabschiedete ich mich, um zum Minchagottesdienst zu eilen. Rur das Eine weiß ich noch, daß mir Herr Meyer, als ich mich an einer Straßenecke von ihm trennte, die Worte znrief: „'Ra. mein Lieber, hoffentlich bewähren Sie sich als das lebendige Beispiel, welches Herr Fromann in Ihnen aufstellte!" Was ich ihm geantlvortet habe, weiß ich nicht mebr. Aber daß ich die Hoffnung des guten Mannes nicht täuschen lvürdc. das stand fest bei mir. 7. Fortschritte. Die Jahre bergingen. In eifrigem Streben und ernster, angestrengter Arbeit erreichte ich das 24. Jahr meines Lebens. Langst war meine Lehrzeit vorüber und ich war allmählich vom Commis zum Buchhalter und stassirer des Hauses Leopold Fromann und Compagnie anfgcrückt. Immer enger und enger verwuchs ich init meinen Interessen und mit meinem Eifer mit dein florierenden Geschäft, so daß mir kaum Etwas so sehr am Herzen lag, als sein Gedeihen und seine Blüthe. Mein Chef, der meinen aufrichtigen Eifer wohl empfand, nnißte wohl auch ineine Brauchbarkeit erkannt haben, sonst hätte er mich wohl kaum so außergelvöhnlich schnell avancieren laßen. Sein Vertrauen in mich >var grenzenlos. Es gab bald keinen Geschäfts- Vorfall mehr, in den ich nicht eingeweiht wurde; ja, nicht selten war ich sogar mit ineinem Rathe ausschlaggebend, trotz meiner Jugend! Jugend! O, ich nannte es noch mein, das köstliche Gut! Die schönsten Träume, die es in unsere Seele zaubert, nrngaukelten mein sehnend Gemnth und malten mir mit leuchtendem Griffel ein Bild der Zukunft vor das innere Auge, bei deßen Anblick ich schauderte vor Wonne und Entzücken! Ja, das Traumbild werde einst zur Wirklichkeit iverden und köstliche Erfüllung des mit Sehnsucht Geschauten würde mir winken — das reifte als deutliche Erkenntniß immer klarer und klarer in mir heran! Sie haben es längst errathen: meine Liebe zu Jda Fromann, meine ich. Sie war von