Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 66 (16.8.1900)
- Date
- 1900-08-16
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449111--51365-2501872- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1366 uns von jämmerlichen Spötrern verlacht — unsere Rückkehr ist auch eine Jache von actuellstem politischem Interesse sür die Mächte, die in Asien etwas zu suchen haben. Gestatten Lie mir. einige Worte aus der Eröffnungsrede des zweiten Kongresses zu zitiren. Im Jahre 1899 wurde in Basel gesagt: „Das Land Palästina ist nicht nur die Heimath der höchsten Ideen und des unglücklichsten Voltes, es ist auch durch seine geographische Lage von bedeutender Wichtigkeit sür ganz Europa. Ta wird in einer Zeit, die nicht ferne sein kann, eine Eultur- und Handelsstraße nach Asien führen. Asten ist das diplomatische Problem des nächsten Jahrzebntes. Diese Worte von 1898 machen heute geradezu den Eindruck der Banalität, so sehr sind sie durch die Ereigni"e der letzten Monale bestätigt worden. Das asiatische Problem wird von Tag zu Tag ernster und ich fürchte, eine Zeit lang auch recht blutig werden. Damit wächst aber auch das Interesse der Kulturvölker daran, daß aus dem Wege nach Asien, aus dem kürzesten Weg nach Asien, eine .Kulturstation geschaffen werde, die allen civilisirten Menschen zu Statten kommen wird. Diese Station ist Palästina, und die Kulturträger, die Gur und Blut daran setzen wollen, sie zu errichten, sind wir. Alle politischen Köpfe müssen blitzschnell begreifen, daß hierin eine lverthvolle Gelegenheit geboten ist, Asien näher zu kommen. Aus diese Kulturstation, die das machtlose Volk der Juden, unter der Oberhoheit Sr. Majestät des Sultans, rasch errichten würde, brauchte keine Macht mit Besorgnissen zu blicken. Den Juden wäre geholfen, aber den Andern auch, und den größten Gewinn bälte davon die Tiirkei. England das große, England das freie, England, das über alle Meere blickt, ivird uns und unsere Bestrebungen verstehen. Von hier aus wird die zionistische Idee ihren Flug noch roeiter und noch höher nehmen, desien dürfen »vir sicher sein. Nun werden freilich die praktischen Leute, die Neunmalweisen, kommen und fragen, was denn damit gewonnen sei? Wir kennen diese Leute schon. Wir erinnern uns aller der Steine, die sie uns in den Weg gewälzt haben, aller Unannehmlichkeiten, die sie uns bereiten wollten und bereitet haben. Diese selben Leute sind es, die nicht genug fragen können, was wir eigentlich geleistet haben, wo wir denn schon hakten, wann wir denn endlich an's Ziel kommen werden. Wenn sie uns mir all ihren Kräften geholfen hätten, statt uns mit all ihren Kräften zu behindern, könnten sie nicht gieriger fragen. Die am Bau mitthätig sind, von den Ersten bis zu den Letzten, von den Bauleitern und Gehilfen bis zu den bescheidenen Ziegelträgern fragt keiner so viel. Wir wissen das Eine, daß wir arbeiten müssen, und wir thun es unverdrossen, hoffnungsftark und begeistert. Wir bauen, wir bauen, und unser Bau wächst. Das Halbsertige zu verstehen, iss nicht Jedermanns Sache. Ich bin aber darüber beruhigt, daß auch diejenigen Juden in unserm schönen Hause werden wohnen wollen, die heute mit einem bösen Lächeln und mit den Händen in den Hosentaschen abseits stehen.- Eine positive Frage gibt es, der wir durchaus nicht ausweichen »vollen. Haben wir den Charter zur Besiedelung von Palästina bereits erhalten? Darauf antworten wir laut und vernehmlich „Nein." Eine andere Frage ist es, ob wir dennoch weiter hoffen, weiter streben, weiter arbeiten dürfen, um ihn zu erlangen? Darauf antworten wir ebenso laut und vernehmlich: „Ja!" Unsere Ansprüche und Anträge haben umsomehr Aussicht in Wirtlichkeit überzugehen, je mehr wir sind und je gewaltiger unsere Kräfte werden. Wir dürfen schon heute recht zufrieden sein mit der Aufnahme, die unsere 'Aspirationen in den Kreisen der Mächtigsten dieser Erde gesunden haben. Verlangen Sie nicht mehr als diese Andeutung von Ihrem Actions-Komitee, zu dem Sie in dieser Beziehung absolutes Vertrauen haben müssen. In allem Uebrigen wird es Ihnen Rede stehen. In einem Wort ist unsere Thätigkeit und ihr Fortgang zusammenzusassen. Wir organisiren die Judenheit sür ihre kommenden Geschicke. Nun aber wollen auch wir einmal fragen, und zlvar »vollen wir unsere jüdischen Gegner fragen, tvas sie eigentlich in diesen Jahren zur Erleichterung des ungeheuren Nothstandes unserer Brüder gethan haben. Wo sind ihre Resultate? Was haben sie erreicht? Welches Praktische haben sie geschaffen? Wir hören immer von Komitees, von großen Sammlungen und Stiftungen. Heraus mit den Ergebnissen! Heraus mit den Leistungen! Wir möchten sie gern bewundern und ihnen im Namen der Armen danken. Und das ist keine »nuthwillige Frage, sondern eine furchtbar ernste. Sie alle kennen den schauerlichen Anlaß, diese rumänische Judenwanderung, die wie eine Blutspur durch Europa gezogen ist. Wo war da das bisherige osszielle Judenthum, >vo »varen die protokollirten Großen Israels, die Stützen der Gemeinschaft? An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Ein paar Tausend Flüchtlinge wurden mit Ach und Weh weitergeschoben, und dann erklärte man sich unfähig, noch etivas zu thun. Die Nachfolgenden wurden zu Hunderten unter Anwendung von Waffengewalt zusammengeftoßen, und in Extrazügen wieder an die Grenze zurückgervorfen, der sie unter Wehrufen entkommen waren. Diese Extrazüge ivaren die letzte Anstrengung der Barmherzigkeit. Wir hatten unter unseren Argumenten für den Zionismus bisher ein sehr starkes in dem Bankbruch der Assimilation. Wir haben da ein neues bekommen: Die Insolvenz der Wohlthäter. Welche Insolvenz?! Ja. ivenn die reichen Leute ihre Zahlungen einstellen, dann geht viel verloren. Sie waren auf diese Katastrophe nicht vorbereitet, sagen die wohlthätigen Vereine. Das ist ihre Schuld, sie brauchten nur die Gnade zu haben,