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Der Israelit · 1900-08-16 · Heft 66 (16.8.1900) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 66 (16.8.1900)
Date
1900-08-16
Page
– (sequence 27)
Language
German
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1367 den Verhandlungen unserer Kongresse zu folgen. Auf . dem ersten Baseler Kongresse im Jahre 1897 lagen die Petitionen von fünfzigtausend rumänischen Juden vor. Sie schrieen aus äußerster Noth um Hilfe. Sie könnten es keine Stunde länger aushalten. Und sie haben es noch drei Jahre ausgehalten. Drei Jahre eines Massenelends. von dem man sich eine schaudernde Vorstellung machen kann, da man sie endlich auswandern sieht. Sie werden darüber in unseren Verhandlungen noch mehr hören. Nun sollte man meinen, daß dies Alles, die krasse Noth. die Unmöglichkeit, die Flüchtlinge anderswo unterzubringen, das Scheitern aller früheren Hilfsunternehmungen, auch unsere verstocktesten Gegner davon überzeugen mußte, daß einzig und allein wir Zionisten im Besitze des einzigen, des wahren Hilfsgedankens seien. Nein! Uns darf nicht Recht gegeben werden. Im Gegentheile. wir werden beschuldigt, diese jammervolle Wanderung angezettelt zu haben,damit wir Agitationsstoff bekommen. Wir erklären dies hiermit für eine Unwahrheit. Nie und nimmer haben wir eine solche planlose Wanderung irgendwohin angeregt oder befürwortet. Wir haben die unzähligen Anfragen der Wanderlustigen stets mit Mahnungen der Geduld beanwortet. Wir haben vor den drohenden Katastrovhen gewarnt, die wir ja leider voraussehen konnten, wenn Menschen ohne Plan. Ziel und Mittel aufbrechen. Als. unser Abrathen nichts nutzte, und die von der Noth Gepeitschten zu wandern anfingen, haben wir uns ihrer freilich dennoch angenommen. Leider konnten wir nicht viel thun, da wir ja für wohlthätige Zwecke nicht vorgesehen sind. Aber J diese Katastrophe, die schwerlich die letzte gewesen ist, und die überhaupt noch andauert, soll auch uns Zionisten eine ernste Warnung sein. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, dies als eine Bestätigung der Richtigkeit unserer Theorien anzurusen. Wir müssen auch Praktisches daraus folgern. Nicht mehr sollen in der Zukunft solche verzweifelte Auswanderer auf die unsichere Gnade der Wohlthäter angewiesen sein. Dieser Kongreß möge eine seiner Ausgaben in der Einleitung solcher wirthschaftlicher Organisationen erblicken, durch die unsere Zionisten sich künftig den gegenseitigen Beistand in Nothfällen einigermaßen gewährleisten. Durch kleine Opfer, die sich der Einzelne auferlegt, kann er die Gesammtmacht stärken, die vielleicht auch ihm eines Tages zu statten kommt. So erwirbt man ein Recht auf Hilfe, und braucht dann keine Gnade mehr. Mühsam ist unser Gang und schmerzenreich, jawohl. Aber daran wird sich nur unser Muth und unsere Treue erproben. Die Hascher nach augenblicklichen Erfolgen sollen sich nur wieder von unserer Fahne wegstehlen. Und wenn der endgiltige Erfolg noch eine Weile auf sich warten läßt, so werden wir inmitten der materiellen Noth unseres Volkes wenigstens einen moralischen Gewinn zu verzeichnen haben. Es wird bewiesen sein, daß das Judenthum noch einen Idealismus hervorbringt, der den Gefahren trotzt, die Entbebrungen erträgt, und die große Geduld für große Ziele hat. Auf Herzl folgte Dr. Max Nordau, dessen Rede wir später wiedergeben. Der Eindruck, den seine, eine und eine halbe Stunde dauernde, Ansprache Hervorrieß war über alles Erwarten gewaltig. Man kann wobl sagen, daß diese Rede U: beste war, die Nordau jemals im Lager des Zionismus gehalten hat. Besonders schön und geradezu erschütternd war seine Darstellung der rumänischen Judenverfolgung, und wir sahen viele, sowohl auf der Galerie, wie im Saale, die ihre Thränen nicht zurückhalten konnten. Todesstille herrschte, als Nordau sprach, und als er seine Rede beendet hatte, entlud sich ein minutenlanger Sturm der Begeisterung. Immer erneute Hochrufe auf Nordau, schier endloses Beifallklatschen und Bravogeschrei belohnte den Redner für seinen ergreifenden und interessanten Vortrag. Um 4 Uhr Nachmittags, nachdem in der Zwischenzeit zahlreiche Kommissionssitzungen gehalten wurden, fand man jich wieder im Saal ein. Zu Beginn führte Dr. Herzl aus, daß außerhalt des Gebäudes Meetings unter freiem Himmel, wie es hier ja üblich ist, von Missionären arrangirt würden, und rieth den Zionisten ernstlich, diese Reden nickt anzuhören. Hierauf wurde die Geschäftsordnung des letzten Basler Kongresses angenommen, die verschiedenen Kommissionen -konstituirt, und dann endlich begann die Diskussion über die Nordau'sche Rede: „Die Lage der Juden in der Welt seit dem letzten Kongreß," oder in anderen Worten: die Referate der Delegierten aus aller Herren Länder, Indessen lernten wir aus ibren Berichren mit wenigen Ausnahmen nicht viel Neues. Den Reigen erösfnete Mr. G. L. G r e e n v e-r g - London mit einem Referate über die Situation der Juden in England. Der Bericht stützt sich hauptsächlich aut Rapporte, die dem Ober- und Unterhaus und dem Handelsministerium von der Svezialkommission in der Aliens-Bill eingereicht wurden, und — mag es i'ofon gesagt sein — die alle sick in sehr freundlich-jüdischem Sinne über die russisch-jüdischen Einwanderer geäußert haben. „England," so behauptet Mr. Greenberg, „Ist das einzige Land unter der Sonne, wo der Jude vollständige Freiheit genießt. Wenn überhaupt irgend welche Unterschiede existieren, so ist es nur das letzte Flimmern der sterbenden Flamme von religiösem Fanatismus. Großbritaniens Prinzipien des Freihandels mußten natürlich dazu beitragen, die Immigration zu fördern. Ferner, wenn doch irgend welche Attacken gegen Juden gerichtet sind, so handelt es sich nicht um die Juden als Religionsgesellschaft, sondern um einzelne Individuen, die Unwissenheit mit Diamanten vereinigen." Ter Redner macht hierbei einen heftigen Ausfall, ohne indessen Namen zu nennen, gegen gewisse jüdische Parlamentarier u. Zeitungsbesitzer, die der zionistischen

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