Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 66 (16.8.1900)
- Date
- 1900-08-16
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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/ _41. Jahrgang._ Dritte Anlage zu Jfs 66 des „Israelit". Leitender Artikel. Oierter Zioniften-Dongreß. London, 13. August. Die Eröffnung des Kongresses war für 10 Uhr des Morgens festgesetzt. In der That war bereits kurz nach 9 Uhr die Halle dicht gefüllt. Der ungeheure Raum, der den Londoner Wagnerliebhabern bekannt ist, hatte sein gewöhnliches Aussehen. Nur von den Gallerien hängen die Zionistenbanner herab. Der geräumige Orchesterplatz war mit werthvollen Blattpflanzen geschmückt, die eine lebensgroße Büste der Königin Victoria einrahmten. Die Rednertribüne selbst war in der Morgensitzung von seidenen Bändern in den Zionsfarben umwunden, Nachmittags aber verhüllte merkwürdigerweise eine rothe Decke die Redner bis zur Brust. Im Parterreraum hatten die Delegationen, nach Landsmannschaften geordnet, an langen Tischen Platz genommen, während die zwei Gallerien die zahlreichen englischen Zionisten und Zionsfreunde, unter denen wir manchen bekannten christlichen Literaten unv Geistlichen bemerkten, dann auch die Sckaaren des Ostends in festlichem Staate faßten. An den beiden Reihen der Preßrische waren die Vertreter fass aller englischen und vieler kontinentalen Zeitungen erschienen. Im Ganzen hatten sich nazu 3000 Personen einaefunven, die das etwa um i^ll Uhr erschienene Aktionskomitee mit stürmischen Beifallsbezeugungen begrüßten. Die Ruhe war bald wieder hergestellt, und Dr. H e r z l erhob sich, um den .Kongreß erst in englischer, dann in deutscher Sprache zu eröffnen. Wir geben nachstehend seine Rede im Auszuge wieder. Dr. Herzl's Stimme war wieder klar geworden. Was seinen englischen Accent anbetrisst, so schien es uns, als ob der Redner seit dem letzten Jahre, da wir ihn in der Assembly-Hall englisch sprechen hörten, bedeutende Fortschritte gemacht hätte. Er las beide Reden langsam vom Blatt herunter und betonte speziell den Passus, der aus den Sultan anspielt. Selbstverständlich wurde seine Ansprache häufig durch lärmenden Applaus unterbrochen. Ohne auf irgend welche Kritik, die jetzt noch nicht am Platze wäre, eingehen zu wollen, haben wir den Eindruck gewonnen, als ob Herzl noch niemals so „schwach" geredet hätte. Seine Feuilletons in der „N. Fr. Pr." gefallen uns besser. Reservirt er sich vicllcich für die anderen Tage? Das englische Publikum bemerkte hauptsächlich die Anspielungen sowohl Herzl's, wie auch später von Nordau und Greenberg, dem englischen Referenten, auf unsere kapitalkräftigen Glaubensgenossen, die dem Zionismus nicht nur fernständen, sondern sogar feindlich entgegenträten. ' Rede des Herrn Dr. Theodor He r z l: Geehrte Kongreßmitglieder! Tie Einbxufung des vierten Zionisten-Kongresses nach London rechtfertigt sich von selbst. England ist einer der letzten Zufluchtsorte, wo es noch keinen eingebürgerten Judenhaß gibt. Schon diese eine unbestreitbare Feststellung macht den traurigen jetzigen Zustand des jüdischen Volkes anschaulich. Aus der weiten Erde muß man einen Punkt suchen, auf dem Gottes altes Volk nicht verwünscht und verfolgt wird. Daraus aber, daß die Juden im herrlichen England volle Freiheit und Menschenrechte genießen, möge Niemand unrichtige Folgerungen ziehen. Der wäre ein schlechter Freund der hiesigen Juden sowohl wie der auswärtigen, der den Verfolgten rathen würde, hierher zu flüchten. Unsere hiesigen Brüder könnten sich ihrer glücklichen Lage nur zitternd erfreuen, wenn sie eine Anlockung für unsere Verzweifelten bedeutete. Eine solche Zuwanderung wäre eine Gefahr für die hier Ansässigen, aber auch für die Ankömmlinge. Denn diese würden in ihren armseligen Bündeln ahnungslos dasjenige importiren, wovor sie fliehen — ich meine den Antisemitismus. Wohl aber wird es uns gestattet sein, für einige Tage das Nomadenzelt unserer Diskussion hier aufzuschlagen, weil wir die Lösung der Judenfrage öffentlich erörtern wollen. In der Zeit von einem Kongreß zum andern bemühen sich unsere Gegner eifrigst, unsere Absichten mit einem Geschlinge unwahrer Darstellungen zu überdecken, so daß es bei jeder Zusammenkunft unsere erste Ausgabe sein muß, mit ein paar Arxthieben diese Wucherungen zu beseitigen und den Baum bloszulegen. Wir haben dabei auch die Freude zu sehen, daß unser Baum gesund ist, und daß er wächst. Der Zionismus will für das jüdische Volk eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina! Dieses Programm haben wir vor drei Jahren aufgerichtet für immer. Es muß einem sehr tiefen Bedürfniß, einer sehr alten Sehnsucht unseres Volkes entsprochen haben, sonst wäre es nicht erklärlich, daß es chlcue Wirkungen gehabt hat. Ich brauche diese Wirtungen heute nicht mehr aufzuzählen. Jeder kennt sie. Vor vier Jahren konnte Jemand fürchten, sich lächerlich zu machen, wenn er vom jüdischen Volke sprach, heute macht sich Derjenige lächerlich, der die Existenz des jüdischen Volkes leugnet. Ein Blick in diesen Saal, wo unser Volk durch Delegierte aus der ganzen Welt vertretreten ist, genügt für den Beweis. Diese Thatsache hat aber nicht nur für uns etwas zu bedeuten, sondern auch für Andere. Verspricht sie den einzelnen Ländern eine menschenwürdige, anständige Lösung der schweren jüdischen Frage, so enthält sie gleichzeitig auch große Perspectiven für den Orient. Unser Wiedererscheinen im Lande unserer Väter, von der heiligen Schrift vorhergesagt, von Dichtern besungen, von dem armen Volk unter Thränen ersehnt