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Der Israelit · 1900-08-16 · Heft 66 (16.8.1900) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 66 (16.8.1900)
Date
1900-08-16
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1358 Menschen legen auch hier ihre Alltäglichkeit nicht ab und treten das Gesetz ihres Gottes mit Füßen! Dabei haben sie noch die Unverfrorenheit, daß sie mit denjenigen anbändeln wollen, welchen die Gesetze Gottes höher als die Genüsie der Table d'hote stehen. Gestern traf ich einen Bekannten dieses Kalibers aus Breslau, der dort auch offiziell koscher lebt, in einer Schweizerreise aber einen vollgiltigen Freibrief für's Trepha-Essen erblickt. Der gute Mann hatte sich im Hotel Terminus in Zermatt an einem Beefsteak delektirt, während ich im anstoßenden Lesezimmer die neuesten Zeitungen durchsah. Ich hatte, vertieft in meine Lektüre, den Herrn gar nicht bemerkt. Aber als er mich gewahrte, stürze er zu mir herein, lädt mich zu einem Glase Wein ein und fragt mich, ob ich schon gegeffen habe, ich werde doch hier nicht koscher leben, das fei doch auf der Reise rein unmöglich und gar in einem Lande wie die Schweiz mit ihrem Schächtverbot, in Berlin habe er noch bei Peltesohn gegessen und in Frankfurt bei Ullmann, aber mit dem Eintritt in die Schweiz müsse er darauf verzichten, so leid es ihm auch thue, und so ging es mit einer hastigen Beredtsamkeit fort, der ich aber doch die Verlegenheit des Sprechers anmerkte, weil er sich beim Trepha-Essen so iu flagranti ertappen ließ. Einer der höchsten Reize, welche die Hochgebirgswelt für mich hat, besteht in der Eigenthümlichkeit, daß von ihrem rauhen, urwüchsigen, natürlich-freiem Charakter auch etwas auf diejenigen übergeht, welche sich in ihrer Athmosphäre bewegen und ihre Luft längere Zeit athmen. Wenigstens ist dies bei mir so. Frack und Glacehandschuhe lasse ich zu Hause, wenn ich für ein paar Wochen in die Schweiz gehe, um mich ganz zwanglos zu geben, wie ich bin. Das ist einer von den vielen Punkten, in welchen ich mich von den Engländern unterscheide, unter welchen es Originale gibt, die hier oben im Cylinder herumkraxeln. Von dieser zwanglosen Freiheit einmal einen recht ausgiebigen Gebrauch zu machen, war mein grausamer Vorsatz, der bei mir reifte, während sich diese Sturzwelle von Beredsamkeit zu Gunsten des Trepha-Essens über mich ergoß. Mit der vollen Ruhe vor dem Gewitter frage ich meinen sogenannten Freund und Glaubensgenossen, wie lange er schon regelmäßig die Schweiz besuche, und als er mir sagte, daß dies seit Ende der achtziger Jahre der Fall sei, so stellte ich zunächst fest, daß er schon damals trepha gegessen habe, obgleich das Schächtverbot erst ca. fünf Jahre später erfolgt sei. Das Schächtverbot könne er also von den Motiven ausscheiden, mit welchen er seine Handlungsweise zu rechtfertigen und zu beschönigen suche. Es sei auch unerfindlich, wie man diesen Umstand überhaupt auch nur zum Schein im Munde führen könne, wenn man sein Trepha-Essen plausibel machen möchte. So wenig Jemand in Leipzig trepha essen muß, weil in Sachsen das Schächten verboten ist, so wenig und noch viel weniger seines in der Schweiz der Fall. Denn es läßt sich leicht an den Fingern herzählen, daß die Zahl der zuverlässigen Koscher - Restaurationen iu der Schweiz seit dem Schächtverbot nicht ab-, sondern zugenommen habe. Herr R. R. murmelte dann nach der Richtung seines glattrasirten Bartes hin etwas von Krankheit, Erholung, force majeur und selbstverständlichem Dispens von Koscher Kost in solchen Fällen, wie er ja zu Hause selbstverständlich einen koscheren Haushalt führe, aber bei einer Collission zynischen den Rücksichten auf die Gesundheit und die Speisegesehe letztere weichen müßten. Ich ließ ihn ruhig ausmurmeln und sagte ihm dann mit nicht mißzuverstehender Eindeutigkeit: Zu nächst konstatire ich zum Ueberfluß, daß S i e diese Un terhaltung provocirt haben, ich hätte Sie über Ihr unjüdisches Gebühren ganz gewiß nicht zur Rede gestellt, weil ich mir von Disputationen derart nichts verspreche. Da Sie aber mit mir anfangen, so gestatten Sie, daß ich Ihnen meine Meinung in aller Kürze sage: Rach meiner Meinung essen Sie trepha, weil Sie solche Kost hier leichter und besser.haben können, als koschere, also weil es Ihnen so besser schmeckt und bequemer ist. Das ist das einzige wirkliche Motiv Ihrer Handlungsweise, das den Vorzug hat, daß es unwiderleglich ist. Alles was ich Ihnen dagegen Vorbringen könnte, vermag diese Thatsache nicht zu erschüttern. Ob Sie krank oder Reconvalescent sind, das wissen Sie gewiß besser als ich, aber was ich sicher weiß, ist, daß noch kein Arzt einen Kranken zu seiner Wiederherstellung höher als ‘>000 Meter auf's Gornergrat geschickt hat. Ihr Ausredchen in Ehren, aber hier oben hält's nicht vor. Daß Sie das Schweizerische Schächtverbot nicht für Ihre Handlungsweise vorschützen können, habe ich Ihnen bereits bemerkt. Wollen Sie demselben aber wirklich einen Einfluß auf Ihr Thun und Lassen einräumen, so müßte die Nächstliegende Consequenz zum vollendeten Gegentheil führen. Ich meine, selbst Jemand, der sich sonst immer und überall skruppellos Uber unsere heiligen Speisegesetze hinwegsetzt, müßte schon aus esprit du corps aus dem Gefühl der Solidarität, aus Rücksichten des Anstandes und Verstandes, in einem Lande, in dem ein Schächtverbot nun leider exiftirt, koscher leben und dürfte nicht durch den Genuß von ungeschächtetem Fleische öffentliches Aergerniß erregen. Man erschwert doch den Juden der Schweiz ihre schwierige Position durch diese Rücksichtslosigkeit, die sich an allen Tables d'hote breit macht, in ganz unverantwortlicher Weise. Wie seiner Zeit in Sachsen, so haben auch in der Schweiz unsere Feinde geltend gemacht, sie seien weit entfernt davon, die Religions- und Gewissensfreiheit der Juden verkümmern zu wollen, wenn sie gegen das Schächten Front machen. Dieses sei gar keine bindende von Gott gebotene religionsgesetz-

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