Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 66 (16.8.1900)
- Date
- 1900-08-16
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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41. Jahrgang. Zweite Aeitage zu M 66 des „Israelis. Leitender Artikel. Reisobrisfe aus der Schweiz.') II. R i f f e l h a u s , am 1. Ab. Auf dem Abstieg vom Gornergrat mache ich hier Halt, uni den unvergeßlichen Blick zu fixiren, der sich hier oben dem Beschauer eröffnet. Aber im Begriff, diesen Vorsatz auszuführen, versagt die Feder den Dienst im Bewußtsein der Unzulänglichkeit des gesprochenen und gar des geschriebenen Wortes, das, was das Auge hier schaut und das Herz empfindet, auch nur annähernd wiederzugeben. Hier ist Schweigen das beredtste Lob. Es gibt gewiß schönere, mannigfaltigere und anrnuthigere Landschastsbilder in der Schweiz, aber die Großartigkeit der Gletscherwelt, in deren Herzen man sich hier befindet, ist in so leichter Weise auf bequemen Reitweg nicht zum zweiten Male sonst zu erreichen. Das Gornergrat ist ein aus dem Riffelberg hervorragender Felsenkamm in einer Höhe von 3136 Meter. Von diesem Gneisgerüste aus erblickt man eine ganz erstarrte Welt, aus welcher die Bergriesen Monte Rosa, Matterhorn, Dom und viele andere in der Höhe von über 4M0 Meter ihre schneeweißen Häupter zum tiefblauen Himmel emporrecken. Ueber allen lagert ein Ehrfurcht gebietendes Schweigen, wie es sonst nur der sJJtajeftät des Todes eigen ist. Und mitten in dieser todesstillen Einsamkeit, die Menschen aller Zonen und Zungen, die sich hier oben ein internationales Rendezvous geben! Dieselben Menschen, die sonst unten lachen und schäkern, stehen hier oben, überwältigt von den Schrecken des hier waltenden Schnee- und Eisregimes, in lautlosem Schweigen da, als fürchteten sie, die feierliche Stille zu stören, die auf allem und allen lagert. Bis zwanzig Minuten unterhalb des Grates führt die Bahn, die ich zwar nicht benütze, die mich aber freut, weil sie meine lieben Mitmenschen in großen Schaaren heraufführt. Im Vergleich zu den kleinen Liliputanern erscheinen die großen Berge noch größer. Aller Witz, alle Thorheit und Klugheit der hier herauf keuchenden Menschen verstummt hier oben. Vor diesen Eis- und Schneewüsten, vor diesen Lawinen und Moränen, vor diesen Gletschern und Wasserfällen zieht Alles ehrerbietig im Geiste den Hut und fühlt seine Ohnmacht, die im wilden Strudel des Lebens den darin Treibenden so selten zum Bewußtsein kommt. Trotz meiner Passion für Fußmärsche kann ich's nicht über mich bringen, die Eisenbahn in einen feind- *) In Nummer (52 d. Bl. muß es in dem Artikel „Reisebries aus der Schweiz" heißen: statt Zornergrat Gornergrat. statt Visy Visp, nach Zermatt in 10 Stunden, statt 10 Minuten. lichen Gegensatz zur Fußwanderung zu bringen. Wie die Eisenbahn den Alpenfrieden stören soll, kann ich nicht einsehen, trotz der zahlreichen Variationen, mit welchen moderne Phrasendrescher dieses Thema breittreten. Es findet ja Jeder, dem die Eisenbahn nicht behagt, reichlich Raum, ihr auszuweichen. Sie läuft auch in den Alpen keinem nach, sondern folgt ausschließlich ihren eigenen Geleisen. Uebrigens sehe ich die gestrengen Herren vom Alpensport mit ihren Führern und Pickeln gar gern selber die Eisenbahn benützen, mit welchem Anblick für mich auch der Streit erledigt ist. Die Eisenbahn erschließt das Gebirge, welches bisher nur wenigen Rüstigen und Bemittelten offen gestanden, der ganzen Menschheit. Was insbesondere die Gornergratbahn betrifft, so haben seit ihrem Bestehen schon Tausende den Grat bestiegen, welche ohne Bahn niemals heraufgeklettert wären. Es wurde mir im Hotel versichert, daß der Touristenverkehr auch für größere, gewagtere Ausflüge, nie zuvor so lebhaft gewesen sei, als seit dem Bahnbetrieb. Das leuchtet übrigens Jedem von selber ein. Diese großen, eleganten, mit allem Comfort ausgestatteten Hotels mitten in dieser Wildniß, lote dasjenige, in welchem ich diese Zeilen schreibe, könnte ein epaltirter Natur-Enthusiast mit vielleicht noch größerem Recht als die Eisenbahn, für eine Beeinträchtigung des Naturgenusses ausgeben; was man aber noch nie gehört hat. Im Gegentheil, alle Passanten sprechen ihnen reckt wacker zu, trotz der hohen der Höhenlage übrigens ent sprechenden Preise. Das Hotel liegt ungefähr in der Mitte zwischen Zermatt und dem Gornergrat und bietet, trotzdem es noch 2—3 Stunden unter dem Gipfel liegt, eine unbeschreibliche Rundsicht. Die auf- und abwärtssteigenden Passanten treffen hier zusammen und bringen, da sie immer einen mehr ständigen Marsch in dieser reinen, scharfen Luft hinter sich haben, auch gewöhnlich ein recht intensives Verlangen nach einem kräftigen Imbiß mit. Ein Blick in den Speisesaal zeigt zwei langgedeckte, dicht besetzte Tische, an welchen auch meine Glaubens- oder richtiger Physiognomiegenossen sich gütlich thun. Das ist ein Anblick, der mir die Freude an dieser Wunderrvelt mehrtrüben kann, als alles andere. Wie man hier oben, wo alles die Ehre Gottes verkündet, wo die Blitze glühender zucken, die Donner lauter grollen, die Sterne Heller leuchten, wie man hier die Gesetze Gottes verletzen kann, mit welchen seine Weisheit u. Allgüte unser Leben und Genießen geregelt hat, das ist und bleibt mir ewig unbegreiflich! Ich meine immer, der leichtsinnigste Mensch brauche nur hier hinauf zu kommen und Gottes Größe Aug' in Auge zu schauen, um gesetzter, ernster, bräver und frommer wieder hinabzukommen, und diese leichtlebigen, oberflächlichen Dutzend- und Schablonen-